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StartseiteUmwelt und VerbraucherKoordinator: Schlechtes Zeugnis für die Biodiversität04.12.2019

Bericht der Europäischen UmweltagenturKoordinator: Schlechtes Zeugnis für die Biodiversität

Deutschland schneide besonders im Bereich der Wasser-Ökosysteme und der Landversiegelung sehr schlecht ab, schreibt Tobias Lung, Koordinator des Umweltberichts der Europäischen Umweltagentur (EEA). Der Klimawandel verstärke verschiedene negative Effekte noch - und schade der Biodiversität.

Tobias Lung im Gespräch mit Britta Fecke

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Ein mit Ocker- und Blautönen gesprenkelter Schmetterling. (Scott Carroll/Unsplash)
Schmetterlinge gelten als Indikator für den Zustand eines Ökosystems - ihre Populationen sind seit 1990 um 40 Prozent zurückgegangen (Scott Carroll/Unsplash)
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Britta Fecke: Die neue EU-Kommission will sich für mehr Klima- und Umweltschutz einsetzen. Und wie dringend das nötig ist, zeigt der heute veröffentlichte Bericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) mit dem Titel "Die Umwelt in Europa. Zustand und Ausblick 2020". Alle fünf Jahre macht die EEA eine Art Bestandsaufnahme, wie es um die Erreichung der EU-Ziele beim Umwelt-, Biodiversitätsschutz und Klimawandel steht, und es steht schlechter als noch vor fünf Jahren. 77 Prozent der Lebensräume in der EU seien demnach in einem besorgniserregenden Zustand. 60 Prozent der geschützten Arten in der EU sind inzwischen bedroht.

Ich bin nun verbunden mit Tobias Lung, einem der Hauptautoren und Koordinator des Umweltberichtes. Herr Lung, welche Lebensraumtypen sind denn betroffen?

Tobias Lung: Zum Beispiel Wälder, ganz stark auch Küsten, Dünenregionen, Feuchtgebiete, Moore, Weide- und Graslandschaften. Um mal eine Zahl zu nennen: In Weide- und Graslandschaften sind Schmetterlinge – das ist eine Art, die man oft als Indikator für den Zustand des ganzen Systems verwendet – um fast 40 Prozent zurückgegangen im Zeitraum zwischen 1990 und heute. Wasser-Ökosysteme sind auch in einem sehr schlechten Zustand, generell in Europa und auch speziell in Deutschland.

Fecke: Warum hat sich die Situation in den letzten fünf Jahren noch mal verschlechtert?

Lung: Da gibt es verschiedene Gründe. Einer ist beispielsweise Fragmentierung der Landschaft, Zerstückelung der Landschaft durch Infrastrukturmaßnahmen, durch Bebauung. Dann auch immer noch eine starke Belastung der Landschaft durch Landwirtschaft. Um eine Zahl zu nennen: Etwa 62 Prozent aller europäischen Ökosystemflächen leiden unter erhöhtem Stickstoffgehalt, Stickstoffeinträge, Pestizideinträge aus der Landwirtschaft. Dann die zunehmenden Einflüsse des Klimawandels, häufigere Extremwetterlagen, Dürren, Überflutungen, Hitze. Und auch invasive Arten, also Arten, die hier eigentlich nicht hergehören, die aber dann durch die Effekte der Globalisierung, Transport, Reisen, Handel und so weiter nach Europa gekommen sind. Und hier durch den Klimawandel oft verstärkt bessere klimatische Bedingungen vorfinden und andere Arten verdrängen.

Fecke: Sie haben sich schon den Arten gewidmet. Wie steht es denn um die Biodiversität in Europa, ein Ziel, das ja schon lange groß auf den Fahnen steht?

Lung: Biodiversität in Europa ist ähnlich schlecht wie generell der Zustand der Ökosysteme. Ich hatte ja schon mal eine Zahl genannt. Wenn wir uns Schlüsselarten angucken, dann gibt es nur einen Trend eigentlich, und der geht nach unten. Die einzig positive Nachricht im Bericht ist, dass die Ziele, was Naturschutzgebiete angeht, auch marine Schutzgebiete, Meeresschutzgebiete, erreicht werden. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass auch der Verlust der Artenvielfalt gestoppt ist. Da sehen wir keine Umkehr des Trends, nach wie vor nicht.

"Klimawandel spielt natürliche eine entscheidende Rolle"

Fecke: Welche Rolle spielt der Klimawandel bei der Zerstörung der bestimmten und auch seltenen Lebensräume und bei der Artenvielfalt?

Lung: Der Klimawandel spielt natürlich eine entscheidende Rolle, ist einer der Hauptfaktoren, der dazu beiträgt, dass bestimmte andere Faktoren, die sich negativ auf Artenvielfalt und generell auf Ökosysteme auswirken, noch verstärkt werden. Das machen wir auch sehr klar im Umweltbericht, dass Europa zwar mittelfristig bis 2020 seine Klimaziele erreichen wird, aber langfristig ganz erhebliche Anstrengungen erforderlich sind, fundamentale Änderungen erforderlich sind, um die Klimaziele langfristig bis 2030 beziehungsweise 2050 zu erreichen.

Fecke: Änderungen wo?

Lung: Der Bericht fordert zu einem radikalen Strukturwandel auf in den wichtigsten Produktions- und Konsumsystemen, speziell im Bereich Energie, im Bereich Mobilität, Ernährung, Bauen und Wohnen. Wir müssen unsere Investitionen ändern, ganz massiv in erneuerbare Energien investieren, und gleichzeitig die Förderung von beispielsweise fossilen Brennstoffen nach Möglichkeit sofort stoppen. Auch was Forschung angeht müssen richtige Prioritäten gesetzt werden. Beispielsweise eine Optimierung des Verbrennungsmotors kann kein Ziel sein. Wir müssen im Bereich Mobilität ganz andere Richtungen einschlagen. Und auch in der Bevölkerung müssen Lebensstile überdacht werden.

Fecke: Ein Thema, das wir hier ständig ansprechen: Fleischkonsum, Massentierhaltung. Die Agrarpolitik spielt auch oft eine Rolle. Wie steht denn Deutschland eigentlich insgesamt im Vergleich da?

Lung: Deutschland steht insgesamt bei vielen der Indikatoren im Bericht im Mittelfeld. Es gibt einige Bereiche, in denen Deutschland ganz schlecht abschneidet, beispielsweise was Wasser-Ökosysteme angeht, auch Landversiegelung, neue Flächen, die für Straßenbau und andere Dinge verwendet werden. Etwas besser sieht es aus im Bereich Luftverschmutzung. Beispielsweise hat Deutschland seine Emissionen im Industriebereich stark reduziert. Auch bei Recycling ist Deutschland recht gut, wobei natürlich auch da nicht alles …

Fecke: Recycelt ist, was als solches angepriesen wird.

Lung: Recycelt wird, was auf dem Papier als recycelt verkauft wird. – Bei Chemikalienbelastung ist Deutschland nicht gut, gar nicht gut insgesamt. Das ist ein bisschen ein Überblick vielleicht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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