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StartseiteKommentare und Themen der WocheRücksicht auf Mitgeschöpfe ist gefragt - auch im Parlament06.05.2019

Bericht über ArtensterbenRücksicht auf Mitgeschöpfe ist gefragt - auch im Parlament

Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten drohen auszusterben, warnen Forscher des Welt-Biodiversitätsrats. Verursacht hat diesen Artenschwund den Experten zufolge der Mensch. Der habe nun die Aufgabe, den Schaden zu begrenzen, meint Georg Ehring. Zum Beispiel durch die Gartengestaltung.

Von Georg Ehring

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Frau liegt auf Liegestuhl, während Mann Rasen mäht (imago/photothek)
Maßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt beginnen im Parlament, auf dem Acker - und im eigenen Garten, kommentiert Georg Ehring (imago/photothek)
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Gärten können Oasen der Natur sein, doch im Trend liegt derzeit etwas Anderes: Kurz geschorener, pflegeleichter Rasen, gesäumt vielleicht von wenigen hochgezüchteten Blumen, die schöne Blüten bilden, aber Insekten kaum Nahrung bieten. Oder sogar Steinwüsten, ein Alptraum in Grau: Wer sich für einen Schottergarten entscheidet, will einfach jeden Bewuchs verhindern.

Vielleicht sind solche Gärten das Sinnbild dafür, was wir Menschen insgesamt der Natur antun: Wir trimmen die Welt immer mehr nach unseren unmittelbaren Bedürfnissen: Größere Flächen für eine immer intensivere Landwirtschaft, breitere Straßen, größere Städte und Häuser, Umweltverschmutzung durch Abgase und obendrein Konsummuster, die Plastikabfälle zuhauf hinterlassen. Dazu kommt mit Macht die Erderwärmung – all dies nimmt der Natur den Lebensraum. Das Ergebnis: Etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten ist aktuell bedroht, und die "Rote Liste" der bedrohten Arten wird allenfalls dann kürzer, wenn dort verzeichnete Tiere und Pflanzen komplett ausgestorben sind.

Umweltministerin sitzt am kürzeren Hebel

Der Welt-Biodiversitätsrat hat diese Entwicklung heute in einem Dokument zusammengefasst, das sofort mit Begriffen wie "Weckruf", "Planetarer Notstand" oder Ähnlichem kommentiert wird. Die Menschheit säge an dem Ast, auf dem sie sitzt, erklärte etwa Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Recht hat sie, doch sie hat nicht die Macht, die Sägen zu stoppen – nicht einmal, wenn es um das eigene Land geht. Wenn es konkret wird mit Gesetzen zum Schutz der Natur, dann sitzen ihre Amtskolleginnen und -kollegen in den Ressorts Wirtschaft, Verkehr und vor allem Landwirtschaft am längeren Hebel.

Doch um das Artensterben wenigstens zu bremsen, muss nicht nur bei uns in Deutschland zuerst die Agrarpolitik reformiert werden. Die Vergabe öffentlicher Gelder an Landwirte ist noch immer viel zu wenig an ökologische Auflagen gekoppelt. Wenn Moore und Sümpfe trockengelegt, Wiesen zu Äckern umgebrochen und Wälder dem maximalen Hektarertrag untergeordnet werden,  dann verschwindet die Vielfalt. Die Veränderung der Landnutzung steht zu Recht ganz oben im Bericht des Welt-Biodiversitätsrates.

Welternährung ja, aber enkeltauglich

Ja, sicher: Acht Milliarden Menschen müssen gut ernährt werden, dies erfordert große Flächen fruchtbaren Landes. Sie müssen aber auch morgen und übermorgen ernährt werden, und das geht nur, wenn Fauna und Flora halbwegs intakt bleiben. Doch etwa ein Viertel der Landflächen sind durch Erosion und Übernutzung bedroht, ein Drittel der Fischbestände werden überfischt und der Verlust von Insekten zur Bestäubung schmälert vielerorts schon heute die Ernten. Ein "Weiter so" in der Landwirtschaft schafft also die Ursachen für die Hungersnöte von morgen.

Die eine Lösung gibt es nicht, dafür gibt es viele - nicht nur in der Landwirtschaft. Sie lassen sich zusammenfassen in der Forderung, den Erhalt der Natur in allen Politikbereichen wichtig zu nehmen. Rücksicht auf Mitgeschöpfe ist gefragt, nicht nur in Naturschutzgebieten und Nationalparks, sondern auch auf dem Acker, im Wald, in der Stadt und im Parlament - und natürlich im eigenen Garten.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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