Sonntag, 18.04.2021
 
Seit 05:05 Uhr Auftakt
StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Blindheit und Verbohrtheit wiegt schwer27.03.2021

Bericht über Frankreichs Rolle im Genozid an TutsiDie Blindheit und Verbohrtheit wiegt schwer

Es sei nachvollziehbar, dass man sich damals in Paris nicht vorstellen konnte, was in Ruanda geschehen würde, kommentiert Christiane Kaess. Hinweise auf den sich anbahnenden Genozid gab es jedoch genug. Der wohl wichtigste Schritt für den richtigen Umgang Frankreichs sei nun getan: die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Ein Kommentar von Christiane Kaess

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ruandische Flüchtlinge des Hutu-Stammes überqueren eine Grenzbrücke nach Bukavu in Zaire. Der Zugang zur Brücke wird von französischen Soldaten kontrolliert.  (picture-alliance / dpa | afp)
Ruandische Flüchtlinge des Hutu-Stammes überqueren eine Grenzbrücke nach Bukavu in Zaire. Der Zugang zur Brücke wird von französischen Soldaten kontrolliert. (picture-alliance / dpa | afp)
Mehr zum Thema

Terrorvorwurf in Ruanda Ein Held wird zum Staatsfeind

Völkermord in Ruanda „Es gab sogar Fußballer, die ermordeten ihre Mitspieler“

Ruanda nach dem Völkermord Der lange Weg zur Versöhnung

Völkermorde in Ruanda und Armenien Warum hat Deutschland nichts getan?

Mehr als eintausend Seiten mit schweren Vorwürfen. Auch diejenigen, die noch zweifelten, dass die französische Regierung 1994 am Völkermord in Ruanda mit verantwortlich war, müssten nun eines Besseren belehrt sein. Aber es ist nie einfach mit der geschichtlichen Aufarbeitung. Nicht nur in Frankreich, auch in Ruanda. Denn auch dort wird bis heute über die Fakten gestritten. Umso besser, dass Emanuelle Macron die Historiker-Kommission in Auftrag gegeben hat und mehr Transparenz schafft. Die Archive mit den zehntausenden von Dokumenten, durch die sich die Wissenschaftler gearbeitet haben, darf künftig jeder einsehen. In einer Zeit von Fake-News kann man kaum ein besseres Zeichen für die Wahrheit setzen.  

  (picture alliance / Michael Kappeler) (picture alliance / Michael Kappeler)Reaktionen auf den Bericht der Historiker-Kommission Ein Abgeordneter der französischen Nationalversammlung etwa bezeichnet den Bericht der Wissenschaftler als "treffend und gründlich". Er wurde als Waise aus einer Tutsi-Familie vom französischen Militär zu Beginn des Genozid 1994 aus Ruanda nach Frankreich gebracht. 

Der Bericht belastet die damalige Regierung in Paris schwer. Eine Mittäterschaft schreibt er ihr nicht zu. Wenn man darunter den Willen verstehe, sich am Unterfangen Völkermord zu beteiligen, deute in den Archiven nichts darauf hin – so heißt es in dem Report. Das ist nicht überraschend. Aber es ist auch nicht wirklich entlastend. Die ehemalige französische Regierung und vor allem Präsident Francois Mitterand haben – so ist es nun belegt - ein extremistisches Hutu-Regime jahrelang mitgetragen. Politisch, diplomatisch und auch militärisch. Ein Regime, das den Genozid verantwortete. Sehen wollte man das in Paris nicht. Dazu schreibt der Historiker-Report: Entscheider in Frankreich seien eingeschlossen gewesen in einer ethnizistischen Lesart – sie hätten ein rassistisches, korruptes und gewalttätiges Regime in Ruanda quasi bedingungslos unterstützt.

Schädel und Knochen von Opfern des Massenmords von 1994 in Ruanda in der Gedenkstätte in Nyamata (AFP / Simon Maina) (AFP / Simon Maina) Nach dem Völkermord 1994 - Schwierige Versöhnung in Ruanda
Auch lange nach dem Völkermord durch Hutu-Extremisten kämpft Ruanda weiter mit der Aufarbeitung. Der Heilungsprozess bleibt schwierig, alte Gräben drohen wieder aufzubrechen. Der Genozid ruft aber auch das Versagen der Weltgemeinschaft in Erinnerung.

Zurückzuführen sei dies auf den Willen von Francois Mitterand und seine starke, persönliche und direkte Beziehung mit dem damaligen ruandischen Präsidenten Habyarimana. Eindeutiger geht es kaum. Auch die Motivation ist klar: es war die Sorge, den französischen Einfluss in der Region zu verlieren. Ruanda hat zwar kaum nennenswerte Bodenschätze, die wirtschaftlich interessant gewesen wären. Dennoch hatte Frankreich seit Ruandas Unabhängigkeit von Belgien seinen Einfluss in dem zentralafrikanischen Land ausgebreitet. Es ging nach post-kolonialistischem Denken um Macht und die Frankophonie. Die Tutsi-Rebellen aus Uganda, die damals der eigenen Volksgruppe im Nachbarland Ruanda zur Hilfe eilen wollten, wurden von Frankreich auch deshalb daran gehindert, weil sie Englisch sprachen. In Paris sorgte sich Mitterand um einen größeren angelsächsischen Einfluss in Zentralafrika.

Aus heutiger Sicht: reichlich zynisch

Angesichts fast einer Million Opfer ist das aus heutiger Sicht reichlich zynisch.  Sich dieser Vergangenheit zu stellen, ist bitter. Sie wirft ein anderes Licht auf den ehemaligen Präsidenten, Francois Mitterand. Auch wenn es nur um ein Kapitel seines politischen Vermächtnisses geht. Ehemalige Verantwortliche melden sich jetzt zu Wort: der damalige Generalsekretär im Elysée und spätere Außenminister, Hubert Védrine, oder der damals amtierende Außenminister, Alain Juppé. Sie heben vor allem darauf ab, dass der Bericht Frankreich nicht als Mittäter des Völkermordes bezeichnet. Es ist schade, dass das für sie im Vordergrund steht, obwohl die Vorwürfe so gravierend sind. Zudem hat der Präsident der Historiker-Kommission, Vincent Duclert, bereits erklärt: die Frage der Mittäterschaft sei eine juristische. Die Historiker hätten die Geschichte aber nicht nach juristischen Kriterien untersucht.

Zusammen mit tausenden von Flüchtlingen erreichen am 17.7.1994 auch Militärs des gestürzten Regimes (M) die Grenzstadt Goma in Zaire. Unter ihnen sind auch Milizen der Hutu-Extremisten, die für den Völkermord verantwortlich gemacht werden. Fast eine halbe Million Ruander flohen ins benachbarte Ausland.  (AFP/ dpa-Bildarchiv) (AFP/ dpa-Bildarchiv) Völkermord in Ruanda - "Der Hass wurde angeheizt"
Der Salesianer-Pater Hermann Schulz war Augenzeuge des brutalen Völkermords in Ruanda 1994. Dabei sei der Blutrausch nicht auf Knopfdruck ausgebrochen. "Die Sache wurde präpariert", sagte Schulz im Dlf. Ein Hetzradio, unterstützt von der französischen Regierung, hätte die Stimmung angeheizt.

Auch aus heutiger Sicht ist nachvollziehbar, dass man sich damals in Paris nicht im Detail vorstellen konnte, welches Grauen sich in Ruanda abspielen würde. Aber die Blindheit und Verbohrtheit, die die Wissenschaftler den damaligen Amtsträgern in der französischen Hauptstadt bescheinigen, wiegt schwer. Hinweise auf einen sich anbahnenden Genozid gab es genügend. Warum also nahm Frankreich keinen Einfluss auf die so engen Freunde in Kigali, die zu Völkermördern wurden? Warum brach man nicht einmal die Beziehungen ab?

Auch heute tut sich Frankreich schwer mit dieser Vergangenheit, die immer noch da ist. Etliche Ruander, die nach dem Völkermord an den Tutsi nach Frankreich gekommen sind, werden als Täter beschuldigt.

Zum Teil konnten sie 1994 mit der Hilfe französischer Militärs aus Ruanda fliehen. Erst spät begann die französische Justiz, diese Fälle im eigenen Land anzugehen und bei der Aufarbeitung kommt sie nur langsam voran. Auch ist unklar, welche Konsequenzen die heutigen politischen Verantwortlichen in Paris aus dem Historiker-Bericht ziehen werden. Im Mai will Präsident Macron nach Kigali reisen. Opfer-Organisationen hoffen, der französische Präsident werde eine Mittäterschaft Frankreichs am Genozid eingestehen - obwohl der Historiker-Bericht die nicht sieht. Die Suche nach dem Umgang mit der schwierigen Vergangenheit geht also weiter. Aber ein Schritt ist getan, vielleicht der wichtigste: die Wahrheit ans Licht zu bringen.

 

Christiane Kaess (Deutschlandradio/Bettina Fürst-Fastré)Christiane Kaess (Deutschlandradio/Bettina Fürst-Fastré)Christiane Kaess ist Deutschlandradio-Korrespondentin in Frankreich. Sie hat in Berlin Politikwissenschaft studiert und in Amsterdam ein Graduierten-Programm Internationale Beziehungen und European Social Studies absolviert. Sie war vor ihrem Volontariat im Deutschlandradio als freie Autorin tätig und berichtete als Reporterin u.a. aus Zentral- und Ostafrika. Außerdem hat sie als Redakteurin und Moderatorin in der Hauptabteilung Kultur des Deutschlandfunk gearbeitet. In der Abteilung Aktuelles war sie Redakteurin und Moderatorin, u.a. moderierte sie die Sendung "Informationen am Morgen". Sie war in dieser Zeit regelmäßig als Urlaubsvertreterin und Verstärkung immer wieder auf dem Korrespondentenplatz Paris im Einsatz.   

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk