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StartseiteKommentare und Themen der WocheRauskommen aus den autoritär geprägten Schweigezonen16.09.2020

Bericht zur Deutschen Einheit Rauskommen aus den autoritär geprägten Schweigezonen

Der Bericht zur Deutschen Einheit hätte die Defizite in Ostdeutschland viel deutlicher benennen müssen, meint Christoph Richter. Fremden- und Demokratiefeindlichkeit etwa ließen sich nur abbauen, wenn 50 Jahre Diktatur-Erfahrung endlich aufgearbeitet würden - im Gespräch der Ostdeutschen untereinander.

Von Christoph Richter

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Fest der Einheit am 2./3.10.1990 am Brandenburger Tor in Berlin (dpa / imageBROKER / Manfred Vollmer)
30 Jahre nach der Wiedervereinigung braucht es einen "New Deal Ost", ein selbstbewusstes "Jetzt reden wir", meint Christoph Richter (dpa / imageBROKER / Manfred Vollmer)
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Man muss es wohl so sagen: Mal wieder ein Bericht zur Deutschen Einheit. Ein alljährliches Ritual mit dem immer gleichen Lamento. Die ostdeutsche Wirtschaft ist zu kleinteilig, kaum ein Uni-Rektor kommt aus dem Osten, selbst in den überregionalen Redaktionsstuben sitzen nur Westdeutsche. Das übliche Klagelied.

Dietmar Woidke , Bundesratspräsident und Ministerpräsident von Brandenburg, und Burkhard Exner , Bürgermeister von Potsdam, enthüllen auf dem Luisenplatz den Schriftzug "WIR". (dpüa / Soeren Stache) (dpüa / Soeren Stache)30 Jahre Deutsche Einheit - Ostbeauftragter zieht gemischte Bilanz
30 Jahre nach der Wiedervereinigung hat der Osten in vielen Bereichen mit dem Westen gleichgezogen. Das wirtschaftliche Gefälle bleibt jedoch. 

Das Wort Fremdenfeindlichkeit taucht im Bericht mit keinem einzigen Wort auf. Und das genau ist das Problem. Richtig: Fremdenfeindlichkeit ist kein ostdeutsches Problem allein, aber sie ist virulent. Die Einstellung gegenüber dem Fremden, die Abneigung gegenüber demokratischen Institutionen sind im Osten deutlich spürbarer als im Westen, dazu muss man nur mal durch Guben oder Altenburg gehen. Sicher, eine Analyse kann der Bericht der Deutschen Einheit nicht liefern. Aber er hätte die Defizite viel deutlicher benennen müssen.

Schweigen infolge nicht aufgearbeiteter totalitärer Kontinuitäten

Es gibt im Osten Deutschlands bis heute eine unzureichende Aufarbeitung über 50 Jahre Diktaturerfahrung. Eine Diktatur hat die andere ersetzt, weshalb es zu Schweigelübden kam. Bis heute hat sich die ostdeutsche Gesellschaft in großen Teilen davon nicht befreit.

Was es endlich braucht, ist ein Gespräch der Ostdeutschen untereinander, über die Einschlussgesellschaft, die nicht aufgearbeiteten totalitären Kontinuitäten, über Mitläufer und die Widerständigen, die bis heute ausgeschlossen sind.

Menschen sind gebrochen worden, die nachgefragt haben, die sich nicht an die autoritäre Kultur angepasst haben. Nicht wenige sind an dem eklatanten Widerspruch zwischen DDR-Wirklichkeit und der sozialistischen Idee – die sie am eigenen Leib gespürt haben - kaputt gegangen. Stattdessen heißt es: Hättest du dich angepasst, wär dir nichts geschehen. Die Geschichten der Weggegangenen sind nie angehört worden. Doping-Opfer oder traumtisierte Heimbewohner, sie tauchen im ostdeutschen Alltag nicht auf. Seelische Verwerfungen, Überbleibsel der autoritären DDR, die langfristig wirken, sich ins Gegenteil verkehren. Wut und Hass auslösen.

Kritische Aufarbeitung muss von innen kommen

Dicke Knoten, die noch lange nicht entwirrt wurden. Eine kritische Aufarbeitung innerhalb der ostdeutschen Gesellschaft, eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte hat nur in seltenen Fällen stattgefunden. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es dringend an der Zeit, darüber ins Gespräch zu kommen.

Das kann die – ja, das muss die - ostdeutsche Zivilgesellschaft alleine tun, die Debatte muss sie selbst anstoßen. Es braucht eine Verständigung über einen anti-totalitären Konsens, der sich durch alle Schichten und Milieus in Ostdeutschland zieht. Das wäre ein New Deal Ost. Es geht um das selbstbewußte: Jetzt reden wir. Um rauszukommen aus den verwüsteten autoritär geprägten Schweigezonen.

So lange das nicht passiert, wird die Fremdenfeindlichkeit im Osten Deutschlands weiter ein großes Thema bleiben. Und damit – na klar – wird die Region zwischen Oder und Elbe auch kein Magnet sein für Zuzug und wirtschaftlichen Erfolg.

Christoph Richter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Christoph Richter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Christoph Richter, aufgewachsen am Rande Ost-Berlins, studierte in Hamburg und Madrid Soziologie, Germanistik und Philosophie. 2004 gründete er in Berlin ein Radio-Korrespondenten-Büro und arbeitete von dort für alle Hörfunkwellen der ARD, die Deutsche Welle, den ORF und natürlich die Programme von Deutschlandradio. Seit 2013 ist er als Landeskorrespondent tätig: zunächst in Sachsen-Anhalt und seit 2020 in Brandenburg.

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