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Startseite@mediasresEin Arzt liefert die Kontakte10.02.2020

Berichten aus dem Gaza-StreifenEin Arzt liefert die Kontakte

Ahmed Younis arbeitet in Gaza-Stadt als Arzt - und er unterstützt gleichzeitig die Hörfunk-Korrespondenten der ARD bei deren Recherchen im Gaza-Streifen. Ohne ihn wären viele Themen kaum umsetzbar. Doch Younis bleibt stets im Hintergrund.

Von Sebastian Engelbrecht

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Sicherheitskräfte der Hamas stoppen ein Fahrzeug an einer Straßensperre im Gazastreifen. (SAID KHATIB / AFP)
Sicherheitskontrolle der Hamas im Gazastreifen (SAID KHATIB / AFP)
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70 Jahre ist Ahmed Younis alt. Er ist körperlich und mental fit – und seine Lebenserfahrung ist für die Korrespondenten des ARD-Hörfunks viel wert. Eigentlich ist Younis Facharzt für Innere Medizin. Er hat in Rostock und Leipzig studiert und wurde in Erfurt promoviert. Von 1979 bis 85 arbeitete er in mehreren Krankenhäusern in Thüringen, unter anderem in Meiningen und Suhl. Heute betreibt er eine Praxis in Gaza-Stadt – und ist zugleich als sogenannter "Stringer" oder "Producer" für die ARD im Gaza-Streifen tätig.

Ahmed Younis verabredet für die Korrespondenten Interviewtermine, stellt Kontakte her, übersetzt ihre Gespräche vom Arabischen ins Deutsche. Manchmal beliefert er die Korrespondenten auch mit Tönen aus Gaza und schickt sie ins ARD-Studio Tel Aviv.

Berichten per Whatsapp

"Ich berichte über die Lage, vor allem wenn es militärische Auseinandersetzungen gibt, per Voice Message über Whatsapp. Das kommt aber auch vor, vor allem während des Krieges, dass ich direkt in einer Live-Sendung mit deutschen Sendern in Deutschland spreche. Die rufen bei mir direkt an und wollen die aktuelle Lage wissen, und das sende ich direkt live."

Der 70-jährige Arzt Ahmed Younis  (Deutschlandfunk/Sebastian Engelbrecht)Ahmed Younis unterstützt das ARD-Hörfunkstudio in Tel Aviv mit Informationen aus dem Gaza-Streifen (Deutschlandfunk/Sebastian Engelbrecht)

In der Regel aber bleibt Younis der Kontaktmann im Hintergrund. Ohne ihn wären viele Berichte nicht möglich. Denn in der arabischen Welt sind persönliche gewachsene Beziehungen zu Behörden, Politikern und in die Gesellschaft von Gaza noch wichtiger als in Europa. Dennoch wird der Name des "Stringers" in den Radioprogrammen nur selten genannt.

"Für mich persönlich wäre es besser, aber es ist kein Problem. Wichtig ist, dass wir eine gute Reportage für den Hörer bereitstellen."

"Man kann nationale Gefühle nicht ausschalten"

Die deutschen Korrespondenten für die palästinensischen Gebiete legen Wert darauf, dass Producer wie Ahmed Younis ihnen Informationen nüchtern und unparteiisch zuliefern. Ist das für einen Palästinenser, der in Gaza viele Kriege miterlebt hat, eigentlich möglich?

"Sicherlich hat man nationale Gefühle. Man kann nationale Gefühle nicht trennen oder nicht ausschalten für die Momente der Reportage. Ich vertrete und unterstütze unsere Sache, aber im Rahmen der Grundregeln der Berichterstattung."

Emotional belastende Recherchen

Unparteiisch zu bleiben, ist für Journalistinnen und Journalisten – und auch für Producer wie Younis – im Gaza-Streifen eine Herausforderung. Recherchen im Elend der Flüchtlingslager, wo die Menschen beengt wohnen, in primitiven Hütten, ohne Strom und ohne Aussicht auf eine feste Arbeit, nehmen alle Beteiligten emotional mit.

Immer wieder geraten die Berichterstatter auch in gefährliche Situationen, zum Beispiel bei nächtlichen Protesten palästinensischer Jugendlicher an der Grenze zu Israel: "Wir gerieten mal in Gefahr von Seiten der Israelis, die haben auf uns geschossen, an der Grenze bei einer Nachtreportage."

Keine Behinderung durch die Hamas

Von der regierenden Hamas fühlt sich Ahmed Younis nicht bedroht. Er hat auch keine Versuche der Islamisten erlebt, ihn einzuschüchtern oder ihn in seiner Arbeit zu behindern. Die Hamas-Regierung habe ein Interesse an Berichten der Auslandspresse über die Lage in Gaza, meint Younis.

Völlig frei können Journalisten und Producer in Gaza allerdings auch nicht arbeiten. Bei der Einreise aus Israel und auf dem Weg zurück fragen Grenzbeamte, womit sich die Korrespondenten befassen: "Die möchten gerne wissen, was wir machen. Und das sagen wir auch vorab, was wir vorhaben. Und beim Verlassen des Gaza-Streifens gibt der Kollege an, wo wir waren, was wir gemacht haben – und damit hat es sich."

Ahmed Younis lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Das gehört zu seinen besonderen Qualitäten – und ist überlebenswichtig für die Berichterstattung aus einem Kriegsgebiet wie Gaza.

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