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Startseite@mediasres"Letztes Geschäft im Existenzkampf einer Zeitung"25.07.2019

Berichterstattung der "Bild""Letztes Geschäft im Existenzkampf einer Zeitung"

Zwei Leipziger Kitas hätten geplant, Schweinefleisch zu verbieten – mit ihrer Berichterstattung hat die "Bild" eine bundesweite Debatte ausgelöst. Ein Vorwurf an die Zeitung selbst lautet: Sie schüre einmal mehr Ressentiments. Verfolgt das Blatt eine antimuslimische Agenda?

Von Michael Borgers

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Am 24. Juli 2019 kommentiert "Bild" über Pläne von zwei Leipziger Kitas: "Kniefall vor den Falschen". (Deutschlandfunk / Michael Borgers)
"Kniefall vor den Falschen" - kommentierte "Bild" Pläne von zwei Leipziger Kitas. (Deutschlandfunk / Michael Borgers)
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"Aus Rücksicht auf das 'Seelenheil' – Kita streicht Schweinefleisch für alle Kinder". In großen Lettern titelte "Bild" in dieser Woche über Pläne von Leipziger Kindertagesstätten. 300 Kinder besuchten die Einrichtungen, auf zwei muslimische Kinder werde nun Rücksicht genommen. Einem ersten Kommentar ("Minderheitenschutz wird zur Mehrheitsverachtung") folgte ein zweiter in der Ausgabe am Tag darauf ("Kniefall vor den Falschen").

"Warum berichtet 'Bild' über die Speiseplan-Änderung in zwei von 56.000 Kitas in Deutschland?", fragte sich (auf Twitter) daraufhin nicht nur der ehemalige CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz. Der "Bildblog", der seit mehr als 15 Jahren die Arbeit der Boulevard-Zeitung kritisch begleitet, urteilt über den zweiten Kommentar (des stellvertretenden Chefredakteurs Timo Lokoschat): "Schweinische Lüge".

So habe die Leipziger Kita-Leitung Schweinefleisch gar nicht vollständig verbieten wollen. Auch habe sich Lokoschat nur ausgedacht, dass "statt Weihnachts- und Ostercafé" nun "plötzlich nur Ramadan und Zuckerfest auf dem Themenplan der Kita" stünden. 

Hafez: Umgeschwenkt ins rechtspopulistische Lager

Bleibt die Frage nach dem Warum. "Warum machen Sie (…) Stimmung gegen Flüchtlinge oder Muslime?", fragten im vergangenen Jahr drei Schulzeitungsredakteure der früheren Schule von Julian Reichelt den "Bild"-Chefredakteur und bezogen sich dabei auf Schlagzeilen wie "Machen Sie Abschiebung zur Chefsache, Frau Merkel!" oder "Islam-Rabatt". Reichelts Antwort – eine Gegenfrage: "Wo machen wir denn Stimmung gegen Muslime oder Flüchtlinge?" Um später zu ergänzen, er glaube nicht, dass eine Schlagzeile Stimmung mache.

Tatsächlich könne man nicht sagen, "Bild" habe "über Jahrzehnte durchgehend islamfeindlich" geschrieben, sagt der Erfurter Medienwissenschaftler Kai Hafez im Gespräch mit @mediasres. Andere "seriöse" Medien hätten das viel stärker getan. Für Deutschlands auflagenstärkste Zeitung dagegen sei das Thema "lange zu abstrakt" gewesen. Doch seit 2015 beobachte er eine Umorientierung, so Hafez, die "man durchaus als Agenda betrachten kann".

Nachdem "Bild" zunächst noch gemeinsam mit anderen Medien eine "Atmosphäre der Willkommenskultur" transportiert habe, sei die Zeitung bald "umgeschwenkt ins rechtskonservative und rechtspopulistische Lager". Hafez erinnert an ein Interview mit Angela Merkel, in dem die Frage nach Krankenkassen-Leistungen für Rentner mit der Frage nach der Aufnahme von Flüchtlingen in einen Zusammenhang gesetzt wurde.

"Schon damals konnte man eine Boulevardisierung des Themas erkennen", findet der Medienwissenschaftler. Man müsse von einem "stark intendierten Rechtsruck in der Chefredaktion" sprechen. Ob politische oder finanzielle Motive ursächlich seien, könne er nicht sagen.

Spreng: Vorfeldorganisation der AfD

Für Michael Spreng, viele Jahre Journalist bei Springer, zuletzt als Chefredakteur der "Bild am Sonntag", ist klar: Wir erleben den "Existenzkampf einer Zeitung, ein letztes Geschäft zu machen". Sein ehemaliger Arbeitgeber sei zur "Vorfeldorganisation der AfD" geworden, sagte er im Gespräch mit @mediasres.

"Bild" verfolge keine antimuslimische Agenda, sondern habe es als "Marktlücke" erkannt, "den Wählern der AfD aus dem Herzen zu sprechen", glaubt Spreng: "Egal ob über Flüchtlinge, Kitas, Staatsversagen oder schwache Richter – das bedient die 'Bild' kampagnenartig."


Redaktioneller Hinweis

In der Anmoderation zu diesem Beitrag haben wir von Polizeischutz für die Kita gesprochen. Die Leipziger Polizei teilt mit, es habe sich nicht um Polizeischutz gehandelt. Es seien zweimal Polizeistreifen vor Ort gewesen, einmal, um Hilfe anzubieten und ein zweites Mal habe die Kita angerufen, weil sich eine Menge Journalisten vor der Kita versammelt hätten.

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