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StartseiteInterview"Es gibt eine rassistische Deutungsvorlage"04.01.2019

Berichterstattung über Amberg"Es gibt eine rassistische Deutungsvorlage"

Nach den Angriffen auf Passanten durch Migranten in Amberg hätten viele Medien die Mär einer angeblichen Bürgerwehr aufgegriffen, so der Rechtsextremismus-Experte David Begrich im Dlf. Sie seien "einem Propaganda-Coup der rechtsextremen NPD aufgesessen". Journalisten sollten sich mehr Zeit für die Analyse nehmen.

David Begrich im Gespräch mit Jochen Fischer

David Begrich von Verein "Miteinander" in Magdeburg (picture alliance / ZB / Arno Burgi)
"Für die Analyse solcher Ereignislagen wie in Amberg braucht es mehr Kontext, mehr Zeit, mehr Analysefähigkeit", so David Begrich im Interview (picture alliance / ZB / Arno Burgi)
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Jochen Fischer: Über die Folgen der Angriffe vom Wochenende auf Passanten in Amberg berichten wir, und nicht nur wir, hier seit Tagen, und darüber will ich jetzt auch sprechen mit David Begrich vom Verein "Miteinander e.V." der sich für eine offene, plurale und demokratische Gesellschaft einsetzt. Guten Abend, Herr Begrich.

David Begrich: Schönen guten Abend!

Fischer: Herr Begrich, wie kann es sein, dass eine Schlägerei, angezettelt durch Jugendliche, solche Aufmerksamkeit bekommt wie dieses Mal?

Begrich: Ich glaube, es gibt verschiedene Faktoren, die da eine Rolle spielen. Die eine Rolle spielt natürlich, dass im Grunde genommen jede Form von körperlicher Auseinandersetzung, in die Migranten und Migrantinnen verwickelt sind, im Moment in einer hochsensiblen Öffentlichkeit, vor allen Dingen in den sozialen Netzwerken, sofort aufgegriffen und Gegenstand eines Deutungskampfes wird. Das haben wir auch in Amberg gesehen.

Und es gibt einen zweiten Punkt. Es ist die Frage der Interpretation oder der Deutungsvorlagen, die aus der Politik kommen. Und beide Faktoren spielen zueinander. Das heißt noch nicht, dass die Interpretation entschieden ist, aber das heißt, dass es einen neben den öffentlich-rechten oder auch privaten Medien liegenden Deutungskampf gibt.

Und wir erleben einen dritten Faktor, nämlich den, dass wir sehen können, dass solche Ereignisse von Rechten und Rechtspopulisten in Dienst genommen werden, um ihre Deutungsvorlagen wiederum zum Thema Migration und der Abwertung von anderen Menschen rauszuhauen.

"Solche Ereignisse werden von Rechten in Dienst genommen"

Fischer: Wenn wir jetzt mal annehmen, dass diese vier Tatverdächtigen, um die es da geht, keine Migranten gewesen seien, sondern sagen wir mal Besucher des Oktoberfests, wo solche Taten ja häufiger vorkommen, wen hätte das interessiert? Und woran liegt das?

Begrich: Das liegt an dem, was wir in der Sozialwissenschaft Framing nennen. Wir diskutieren ja im Grunde genommen seit 2016 in der Öffentlichkeit mit einem hohen Maß an Polarisierung um die Frage, wie dieses Land mit Migration und Einwanderung umgeht, oder auch mit Asylbewerbern umgeht. Und diese Diskussion ist eine hochgradig moralisch aufgeladene Diskussionsvorlage, in der natürlich ganz unterschiedliche Motivlagen eine Rolle spielen.

Und es gibt eine Motivlage, die von Rechtsextremisten und Rechtspopulisten sehr nach vorn gestellt wird. Das ist die Motivlage Rassismus, das muss man ganz klar sagen. Es gibt eine rassistische Deutungsvorlage, die von Rechtsextremisten und Rechtspopulisten in den sozialen Netzwerken sehr erfolgreich ausgespielt wird, und das ist sehr reichweitenstark.

Fischer: Die sozialen Netzwerke, man kann auch sagen, es sind ja gewisse Blasen, die da unterwegs sind, die kann man ja wohl nicht als die gesamte Öffentlichkeit bezeichnen. Woran liegt es dann jetzt, also dieser Hype? Was hat den ausgelöst?

Begrich: Es sind verschiedene Faktoren, die da eine Rolle spielen. Ein Faktor ist natürlich, dass wir seit zwei Jahren eine Diskussion führen, in der es in der Debatte um Migration und Einwanderung scheinbar gar keine Debattenfortschritte gibt oder viele Debattenverläufe auch sich im Kreis drehen. Und wenn dann so etwas passiert, was häufig passiert ist, nämlich dass viele Medien die Mär aufgreifen, in Amberg habe sich eine Bürgerwehr – so war es ja zu lesen – konstituiert, und wenn man dann mit ein bisschen mehr Analysezeit an diese Situation herangeht, dann merkt man, dass ein Teil der Medien eben einem Propaganda-Coup der rechtsextremen NPD aufgesessen ist. Dann ist das natürlich so eine Art Verstärkereffekt.

Das heißt, es braucht für die Analyse solcher Ereignislagen wie in Amberg eben einfach mehr Kontext, mehr Zeit, mehr Analysefähigkeit, und es braucht natürlich auch nicht nur das Wissen derjenigen, die vor Ort sind, sondern auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die solche Ereignisse interpretieren können.

Fischer: Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, der hat ja in Amberg heute in einem Pressestatement gesagt, die Medien seien schuld, um das mal verkürzt zu sagen. Welche Medien sind das denn?

Begrich: Die Aussage "Die Medien sind schuld" funktioniert natürlich genauso wenig wie die Aussage "Die Politik ist schuld". Solchen Kategorien würde ich mich gern verweigern. Ich glaube, es geht immer darum, zu verstehen, wie funktionieren Diskurskreisläufe. Und ich sage noch einmal, wir erleben eben, und das konnten wir im Fall von Amberg auch ganz konkret im Internet nachvollziehen, wie binnen Stunden rechtspopulistische Trollarmeen dabei sind, um die Deutungshoheit eines solchen Ereignisses zu kämpfen und sie auch sehr reichweitestark tatsächlich nach vorn zu treiben.

Und das ist ein Problem, und es darf eben nicht passieren, dass ein Narrativ in die Welt gesetzt wird von einer Bürgerwehr, die sich in Amberg angeblich formiert hat, und wenn man dann ein bisschen näher hinschaut, dann ist das nur ein Web-2.0-Propagandacoup der rechtsextremen NPD. Da braucht es auch ein bisschen mehr Sorgfalt vielleicht auch in den Redaktionen und ein bisschen Zurückhaltung seitens der Politik bei den sehr schnellen Interpretationen all dessen, was da vorgelegt wird.

"Ein bisschen mehr Zurückhaltung seitens der Politik"

Fischer: Nun sind das die Auswüchse im Internet, die Sie da gerade beschrieben haben. Aber wie relevant sind eigentlich diese Reaktionen für die echte Welt draußen? Was machen die Bürger damit?

Begrich: Ich glaube, es gibt eine Ungleichzeitigkeit zwischen der Realität, die sich im Internet sehr schnell multipliziert, und den Situationen vor Ort. Und ich glaube, die Herausforderung für die Berichterstattung der Medien besteht sicher auch darin, nicht allzu schnell dem zu folgen, was es für Deutungsvorlagen in den sozialen Netzwerken gibt, sondern sehr viel stärker auf den Vor-Ort-Sachverstand beispielsweise des Lokaljournalismus zu setzen und zu fragen, vor Ort zu gehen und zu fragen, wie ist die Situation. Gibt es einen Vorlauf für die Geschichte? Gibt es einen Kontext? Wenn ja, wie sieht der aus? Und ich glaube, wenn das gut recherchiert ist, wenn das klar analysiert ist, wenn das kontextgebunden ist, dann ist man mit einer solchen Art der Berichterstattung auch in der Lage, diesen Hype in den sozialen Netzwerken zumindest teilweise Paroli zu bieten.

Fischer: Nun ist der Hype da, die Stimmung ist aufgeheizt mal wieder. Kann das eigentlich jemals wieder eingefangen werden?

Begrich: Das sind ja Zyklen. Wir haben das ja in der Auseinandersetzung in dem Ort Kandel so ähnlich gesehen. Da gibt es ja einen ähnlichen Verlauf. Natürlich muss man gucken, wer verfolgt hier welche Interessen. Und man muss eben ganz klar sagen, rechtsextreme und rechtspopulistische Demagogen haben kein Interesse an der Befriedung einer Situation vor Ort, sondern im Gegenteil, sie haben ein Interesse daran, Situationen zu polarisieren und zuzuspitzen. Und das heißt, die Herausforderung für die Zivilgesellschaft, für die Öffentlichkeit, auch für die Lokalpolitik besteht darin, Dialogformate zu finden, die in der Lage sind, Ängste, Sorgen einzufangen, zurückzubinden an ein deutliches Politikangebot und zugleich rassistische Deutungsvorlagen zurückzuweisen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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