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Startseite@mediasres"Wir müssen kritischer sein"30.05.2018

Berichterstattung über Russland"Wir müssen kritischer sein"

Der angeblich in Kiew ermordete russische Journalist Arkadi Babtschenko lebt. Ein ukrainischer Sender übertrug am Nachmittag Bilder von einer Pressekonferenz des dortigen Geheimdienstes mit dem 41-Jährigen. Unser Interview mit dem langjährigen Russland-Korrespondenten Boris Reitschuster stammt vom Mittag, als die Öffentlichkeit noch von Babtschenkos Tod ausging.

Boris Reitschuster im Gespräch mit Antje Allroggen

Polizisten stehen außerhalb des Gebäudes in Kiew, in dem der russische Journalist Arkadij Babtschenko ermordet wurde.  (picture alliance / Stringer/Sputnik/dpa)
Polizisten stehen außerhalb des Gebäudes in Kiew, in dem der russische Journalist Arkadij Babtschenko angeblich ermordet sein sollte. Erst später wurde bekanntgegeben, dass es sich um Inszenierung handelte. (picture alliance / Stringer/Sputnik/dpa)
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Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag aus unserer Sendung vom 30. Mai gibt den Stand von 15 Uhr 35 wieder. Erst eine Stunde später, gegen 16 Uhr 30, war Babtschenko auf einer Pressekonferenz zu sehen. Weitere Details im laufenden Programm des Deutschlandfunks, unter deutschlandfunk.de und am Donnerstag auch bei @mediasres.  

Der langjährige Russland-Korrespondent Boris Reitschuster erkannte zum Zeitpunkt der Interviewaufzeichnung in der Berichterstattung über die Ermordung des Kreml-kritischen Journalisten Arkadij Babtschenko eine "Überforderung des Journalismus". Auch deutsche Medien müssten umdenken, sagte Reitschuster im Dlf.

Antje Allroggen: Waren Sie überrascht der Ermordung Arkadij Babtschenkos?

Boris Reitschuster: Überrascht ist der falsche Ausdruck. Ich war entsetzt. In diesen Zeiten, wenn man schon erlebt hat, dass viele der eigenen Freunde und Bekannten umgebracht werden, viele, die sehr kritisch sind, da erwartet man leider das Schlimmste. Man ist gefasst darauf, aber wenn man es hört, wirft es einen dann doch völlig um. Ich war gerade noch im April das letzte Mal mit Arkadij zusammen auf einer Konferenz, da haben wir uns dann auch ausgetauscht.

Allroggen: Hat er da irgendwelche Andeutungen gemacht, dass er sich auch in der Ukraine nicht mehr sicher gefühlt hat?

Reitschuster: Er hat oft solche Andeutungen gemacht, und als ich ihn nach seiner Sicherheit fragte, da kämpfte er mit den Tränen. Man muss ihn kennen, um das zu wissen, weil er sich sehr abgekühlt immer gab. Und er sagte: Boris, was willst Du in Russland? Da sind schon Leute ins Gefängnis gekommen, nur weil sie Posts von mir aus den sozialen Netzwerken geteilt haben.

Allroggen: Das heißt, er selber hat sicherlich damit gerechnet, dass ihm was passieren könnte. Die Anfeindungen gegen ihn in Russland gingen ja ziemlich weit. Es gibt sogar ein Onlinespiel, das dazu auffordert, Babtschenko als "Feind des Vaterlandes" zusammenzuschlagen. Und Sie haben nun anlässlich seines Todes in den sozialen Medien kritisiert, dass eigentlich kaum daran erinnert worden ist, dass er ein vehementer Kreml-Kritiker war. Wie erklären Sie sich diese Zurückhaltung in der Berichterstattung?

Reitschuster: Mir ist das sehr negativ aufgefallen, zum Beispiel bei "Spiegel Online" war das so, teilweise auch im Radio, wo es zum Teil absurde Schlagzeilen und Überschriften gab, die in meinen Augen eine völlige Thema-Verfehlung darstellten.

"Von den angelsächsischen Medien lernen"

Allroggen: Haben Sie Beispiele?

Reitschuster: Zum Beispiel bei "NDR Info" war die Schlagzeile heute: In der Ukraine ist erneut ein regierungskritischer Journalist erschossen worden. Für den flüchtigen Zuhörer klingt das so, als ob in der Ukraine Ukraine-kritische Journalisten in Gefahr sind. Und das ist extrem irreführend, auch in "Spiegel Online" war gestern die Schlagzeile "Russischer Journalist in Kiew erschossen. Er zählte zu den bekanntesten Kriegsreportern Russland. Hintergründe sind noch unklar." Und auch im Text war so gut wie gar kein Hinweis darauf, was für ein vehementer Putin-Kritiker er war. Wie er massiv unter Druck war. Dass er einen Tag vor seiner Ermordung noch in den sozialen Netzwerken darauf aufmerksam gemacht hat, dass eine Vertrauensperson von Wladimir Putin im Internet zu seinem Mord aufgerufen hat. Ich sehe hier keine böse Absicht. Ich sehe hier eine Überforderung des Journalismus, weil wir mit Russland umgehen im 08/15-Modus, im Schönwetter-Modus. Mit einem autoritären System, das ständig Recht bricht, dürfen wir aber nicht so umgehen. Das Problem haben wir seit 15 Jahren. Das war schon beim Prozess gegen Putin-Kritiker Michail Chodorkowski so, dass in den westlichen Medien oft darüber berichtet wurde, als sei es ein normaler Steuer-Strafprozess. Wir müssen da umdenken, wir müssen kritischer sein. Und viele Medien machen das ja auch schon, auch hier in Deutschland könnten wir aber noch was von den angelsächsischen Medien lernen.

Allroggen: Babtschenko ist ja nicht der erste Journalist, Sie haben es ja gerade auch erwähnt, der auch in der Ukraine ermordet worden ist. 2015 und 2016 hat es da ähnliche Fälle gegeben, beide Morde konnten nicht aufgeklärt werden. Und sein Fall erinnert auch an den Mord an der Russland-kritischen Journalistin Anna Politkowskaja. Auch sie schrieb ja Reportagen und Bücher über den Krieg in Tschetschenien. Müssen wir uns da auf eine Fortsetzung dieser Kette gefasst machen?

Reitschuster: Leider ja. Ich hatte gestern ein Gespräch mit Igor Eidman, russischer Soziologe, Oppositioneller im russischen Exil. Und Igor Eidman war entsetzt, weil, er sagte: Bislang kamen die Kreml-Kritiker ums Leben, die entweder früher im System waren und als Verräter galten oder die konkret irgendwelche Enthüllungen betrieben. Arkadij Babtschenko, sagte er, sei der erste Fall, wo jemand umgebracht wurde, nur weil er lautstark das System kritisierte, ohne dass er irgendwelchen empfindlichen Enthüllungen gemacht hätte, wie Anna Politkowskaja. Ich sehe hier tatsächlich eine Eskalation. Ich halte es für ganz, ganz wichtig, dass vom Westen eine entschiedene Reaktion kommt. Ich denke, das Fehlen von entschiedenen Reaktionen auf all die anderen Morde, ist für diejenigen, die das tun, eine Ermutigung. Und man muss ganz klar sehen, wir werden wohl nie erfahren, wer die Täter waren; vielleicht den Mörder selber, aber nicht der Auftraggeber. Aber: Ich sehe eine ganz klare politische Verantwortung beim System Putin, wenn man solchen Hass schürt auf Kritiker, wenn man sie de facto für vogelfrei erklärt.

Der russische Journalist und Autor Arkadij Babtschenko im November 2015 in Stockholm, Schweden. (picture alliance / DPR / Marcus Ericsson)Der russische Journalist und Autor Arkadij Babtschenko im November 2015 in Stockholm, Schweden. (picture alliance / DPR / Marcus Ericsson)

"Nicht alle sind glücklich, wenn kritisch berichtet wird"

Allroggen: Boris Reitschuster, Sie waren ja selber 16 Jahre lang in Moskau als Büroleiter des "Focus". Jetzt nicht mehr. Ist das auch einer der Gründe? War die Arbeit für sie zu gefährlich, dass Sie es jetzt vorziehen, aus Deutschland heraus Kreml-kritisch zu schreiben?

Reitschuster: Das war der entscheidende Grund. Dass es Drohungen gab. Dass der Rückhalt aus Deutschland auch zu schwach war. Und wenn man Wladimir Putin massiv kritisierte, wenn man sich nicht darauf beschränkt, dass er kein lupenreiner Demokrat ist, sondern wenn man diese Mafiaverbindungen anspricht, wenn man sagt, das ist ein mafiöses Regime, dann kommt man leider massiv unter Druck. Und man muss nur meinen Namen in den sozialen Netzwerken bzw. im Internet googlen und dann sieht man, wie viel Schmutz, wie viel Verleumdung es da gibt. Ich halte das für ein großes Problem, dass Putin-Kritiker derart mit Hass und mit Verleumdung überzogen werden.

Allroggen: Wenn ich richtig informiert bin, arbeiten Sie jetzt nicht mehr für den "Focus". Darf ich fragen, hatte der "Focus" auch Probleme mit Ihrer Art der Berichterstattung aus Moskau heraus?

Reitschuster: Ich möchte darauf diplomatisch antworten: "Focus" gehört zum Burda-Verlag. Burda ist der größte Verlag in Russland. Und nicht alle sind da glücklich, wenn kritisch berichtet wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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