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StartseiteCampus & KarriereNeuer Türkischunterricht ohne Beteiligung der Botschaft19.03.2018

Berlin Neuer Türkischunterricht ohne Beteiligung der Botschaft

Bislang lag der muttersprachliche Unterricht für Kinder und Enkel von türkischen Migranten fast vollständig in den Händen der Botschaften, die dafür Lehrer aus der Türkei beschäftigten. Das sorgte für Kritik. Nun will der Berliner Bezirk Mitte in Deutschland ausgebildete Lehrer unterrichten lassen.

Von Kemal Hür

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Die türkische Fahne weht vor der türkischen Botschaft in Berlin. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Der Berliner Bezirk Mitte bietet jetzt einen Türkischunterricht ohne Einfluss der türkischen Botschaft (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
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13 Kinder sitzen in einem Klassenraum in Zweiergruppen. Der Türkischlehrer überprüft die Anwesenheit, indem er jedes Kind namentlich aufruft. Wer da ist, meldet sich und sagt "Burda!", das türkische Wort für "Hier". Das Wort kennen nicht alle. Manche sagen es auf Deutsch. Wenn jemand fehlt, sagt die Klasse aus einem Mund "Geçmiş olsun", also "gute Besserung". Es ist eine Gruppe aus Erst- und Zweitklässlern, die seit etwa einem Monat bei Süleyman Yüceer Türkisch lernt. 

"Unsere Kinder können noch nicht so gut lesen. Was ist jetzt mache, ist, den Kindern mündlich die Farben beizubringen. Wir werden einen Fisch malen und die Farben auf Türkisch üben."

Ein Türkischlehrer, der auch Deutsch spricht

Der 31-jährige Yüceer hat in der Türkei türkische Philologie studiert und kam vor fünf Jahren für ein weiterführendes Studium nach Deutschland. Zwei Jahre lang lernte er Deutsch. Jetzt schreibt er an seiner Masterarbeit im Fach Turkologie an der Freien Universität in Berlin. Neben dem Studium unterrichtete er Türkisch an einer Volkshochschule. Seit Februar ist er Lehrkraft an drei Berliner Grundschulen, nachdem der Berliner Senat den muttersprachlichen Türkischunterricht als Pilotprojekt an 20 Schulen eingeführt hat. Das Fach findet als freiwilliges Angebot außerhalb der regulären Unterrichtszeit, also in den Nachmittagsstunden, statt – vorerst nur in den Klassenstufen Eins bis Drei.

"Das Ziel dieses Projektes ist es, die Kinder in ihrer sprachlichen und persönlichen Entwicklung zu stärken, weil es wichtig ist, dass man seine Muttersprache gut beherrscht, damit man eine andere Sprache lernen und leben kann."

Die Kurt-Tucholsky-Grundschule, an der Yüceer den Kindern die türkischen Farben beibringt, befindet sich im Bezirk Mitte. Hier gab es bis zu den letzten Sommerferien den sogenannten türkischen Konsulatsunterricht. Dieser fand in der Verantwortung der türkischen Botschaft statt. Die Schulen stellten lediglich die Klassenräume zur Verfügung und hatten keinerlei Kontrolle über die Inhalte. Der neue Türkischunterricht findet unter der Aufsicht der Berliner Schulverwaltung statt. Die Leiterin der Kurt-Tucholsky-Grundschule, Petra Uhlig, ist damit sehr zufrieden.

"Jetzt haben wir einen Türkischlehrer, der mit uns auch Deutsch spricht. Vorher war das nicht so; der Türkischlehrer konnte nur gebrochen Englisch. Da war die Kommunikation nicht so einfach. Ich habe ein langes Vorgespräch mit dem Türkischlehrer geführt. Es gibt einen Lehrplan. Ich weiß ganz genau, was die Lehrinhalte sind. Das habe ich auch mit dem Türkischlehrer besprochen. Wir sind da einmal durchgegangen."

Konsulatsunterricht vermittelte auch den Koran

Der Lehrplan beinhaltet fünf Module und soll den Kindern die Grundkenntnisse der türkischen Sprache in ihrem unmittelbaren Umfeld und ihrem Alltag vermitteln. Auch stehen Landeskunde der Türkei sowie religiöse Feste auf dem Lernprogramm. Süleyman Yüceer vergleicht den Rahmenplan mit den Büchern des Konsulatsunterrichts. Dort findet sich in einem Buch für die dritten Klassen ein Kapitel mit der Überschrift: Glaube an Allah. Yüceer hat das Buch dabei. Er blättert darin und schüttelt den Kopf.

"Es geht um den Islam. Und es gibt auch die Gebete darin. Wenn man hineinschaut, die Geschichte des Islams. Es geht um den Anfang des Islams mit dem Propheten Mohammed und so weiter."

Es handelt sich dabei aber nicht um die Vermittlung historischer Kenntnisse, sondern darin finden sich Koranverse, verschiedene Gebete und das islamische Glaubensbekenntnis in Türkisch und Arabisch. All das, so der neue Lehrer Yüceer, habe nichts in einem Türkischbuch zu suchen. Die Kinder sollen hier nicht den Koran, sondern die türkische Sprache lernen.

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