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StartseiteCorsoProfessionelle Dilettanten13.07.2019

Berliner Band Stereo TotalProfessionelle Dilettanten

Ihre Themen sind ernst - Verletzungen, Drogenmissbrauch, Psychosen. Doch Texte und Musik klingen nach Minimalismus und Do-it-yourself. Das Berliner Duo Stereo Total tischt auf dem neuen Album „Ah! Quel Cinéma!“ sein gewohntes Erfolgsrezept mit französischem Dialekt auf. Und das ist großes Kino.

Von Adalbert Siniawski

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Großes Kino der Emotionen: Françoise Cactus und Brezel Göring haben das Album "Ah! Quel Cinéma!” herausgebracht und stehen mit bunten Outfits vor einem goldenen Vorhang (Paul Cabine)
Großes Kino der Emotionen: Françoise Cactus und Brezel Göring haben das Album "Ah! Quel Cinéma!” herausgebracht (Paul Cabine)
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Neues Album von Stereo Total Reduktion im Sound und Humor im Text

Absurder Humor mit Kanten

Song "Einfach": "Soll ich? / Ja!"

Bitte. Aber warum denn so ernst? Es geht um Psychosen - in einer Art gespenstischem Klavierstück samt Totenglöckchen -, …

Song "Elektroschocktherapie": "Elektroschocktherapie / Sie entspannt, befreit / Endlich bist du glücklich / Vergessen, dein Leid."

… um Drogenkonsum im Geiste Lou Reeds - als Ballade mit unterlegtem Casio-Beat.

Hören Sie hier unser Interview mit Stereo Total im Original.

Song "Methedrine": "Methedrine, heroin / We were so high / 9 days a week / We were so high."

Bei Garage-Rock-Sounds und nervösem Keyboard geht es um Verletzungen …

Song "Ich bin cool": "Hinter coolen Sprüchen / Verstecke ich meinen Verdruss / Hinter manch einem bunten Tuch / Versteck’ ich einen Bluterguss."

… und um Verrat unter Freundinnen - wie in einem vergilbten Super-8-Film.

Song "Mes Copines": "Ah Mes copines! Quelles nanas, quel cinéma / Elles chialent, elles rigolent / Elles sont fada, elles sont folles / Elles me piquent mes mecs, mes bijoux et mes fringues / Et pour finir un jour, elles me rendront dingue." 

Kinoreife Dramen

"Ah! Quel Cinéma!", das Leben ist voller kinoreifer Dramen und ziemlich kompliziert.

Song "Einfach": "Es ist nicht leicht / Einfach zu sein."

Und doch fehlt es auf dem neuen Album "Ah! Quel Cinéma!" von Stereo Total nicht an den typischen skurril-absurden Texten, die einfach Spaß machen. Auch nicht an ihrer charakteristischen Do-it-yourself-Ästhetik, aufgenommen mit 8-Spur-Kassettentechnik. Lo-Fi in Text und Ton: Die Songs von Stereo Total sind so etwas wie vertonte Comicstrips. Klingt einfach? Ist es aber nicht, sagen Françoise Cactus und Brezel Göring.

Françoise Cactus: "Das muss so funktionieren, dass, wenn man das hört ohne richtig aufzupassen sogar, dass es sofort ‚flash‘ macht im Gehirn des Zuhörers. Und außerdem: Ein Songtext, der Qualität hat, hat einen doppelten Sinn, Doppeldeutigkeit."

Brezel Göring: "Außerdem: Die anderen sind Lo-Fi, wir sind High-Fidelity. Ich meine, wir nehmen das auf tollen Kassetten auf, mit Kabeln und Mischpulten. Andere Leute, die stückeln sich in Frankensteinmanier am Computer ihre Platte zusammen. Ich würde sagen, wir sind da Lichtjahre von entfernt."

Erkundung der menschlichen Psyche

Song "Cinémascope": "Welcher Idiot hat mich geweckt? / Ich träumt' so schön in meinem Bett / Ach, das bist du, das ist nicht nett / Leg dich hin, und vergiss die Welt (die Welt)."

Es geht den beiden Wahl-Berlinern um die Erkundung der menschlichen Psyche. Während sie sich abseits der Bühne gesellschaftspolitisch engagieren, etwa für das Bandprojekt "Station 17" mit Menschen mit Behinderung, für Feminismus und gegen Nationalismus und Abschiebung, ist das neue Album gänzlich unpolitisch. "Leg dich hin, und vergiss die Welt", singt Cactus im Song "Cinémascope". Angesichts der aktuellen globalen Probleme ein Plädoyer für den Rückzug ins Private? Oder gar eine Kapitulation?

Françoise Cactus: "Keine Kapitulation. Aber manchmal eine Sehnsucht so … pfff. Also ich habe manchmal Phasen, wo ich gar keine Rundschau gucken kann und keine Zeitungen lesen kann, weil: Es ist mir einfach zu viel. Ich denke mir: Oh Gott, schon wieder schreckliche Nachrichten!‘"

Brezel Göring: "Mit gefällt unsere Zeit sehr gut. Ich mag es auch gerne, dass die Widersprüche so klar zu Tage treten und das alles so kaputt und so für jeden offensichtlich desaströs ist. Es hat auch etwas Demaskierendes, es ist sichtbar und man kann es nicht mehr wegdiskutieren."

Blick zurück in die Popgeschichte

Die extravagante Punk-Attitüde haben sich Stereo Total erhalten. Nur: An wem kann man sich in der Zeit der Widersprüche noch orientieren? Der Blick zurück in die Popgeschichte geht ja immer. Lou Reed ist ein Eckpfeiler der Band. Aber auch Sylvie Vartan - französische Chanson-Sängerin, Yéyé-Pop-Ikone der 60er-Jahre, Frau von Johnny Hallyday. Stereo Total covern ihren Hit "Sur un fil" - machen ihn noch eine Spur melancholischer, begleitet von einer Orgel.

Song "Sur un fil": "Au bout d'un fil / L'araignée se balance / Au fil des jours / Sur un fil si fragile / Se balance notre amour / Qui s'en va au fil des mots / Qui s'en vont au fil de l'eau."

Françoise Cactus: "Ich finde, dass sie eine großartige Sängerin ist. Und das Lied finde ich ganz besonders von ihr. Es hat eine schöne Melodie. Und auch der Text ist schön… ‚au bout d'un fil, si fragile‘ … ´am Ende eines so zerbrechlichen Fadens hängt unsere Liebe‘ und so weiter. Das wird so verglichen mit einem Faden von einem Spinnennest … -netz. Ich verwechsle immer Nest und Netz!"

Song "My Idol": "You are my I.D. / You are my idol / You are my S.T. / You are my star."

Auf ihrem zwölften Album präsentieren sich Stereo Total im Großen und Ganzen wie auf dem elften, zehnten und den früheren auch. Der Sound changiert gewohnt zwischen Trash-Chanson, Garage-Rock und "Party Anticonformiste".

Textlich liefern sie wie immer kluge Kleinode, die auch nach fast 25 Jahren Bandgeschichte das Herz jeden strengen Kritikers erreichen. Langweilig wird‘s nicht. Stereo Total sind die Meister des Imperfekten und des glaubhaft Unverstellten.

Françoise Cactus: "Ich fühle mich immer noch wie eine Undergroundband. Also wir machen zwar Popmusik, aber die ist nicht so hyperproduziert. Wir sind für Lebendigkeit, für Wirklichkeit - und die Wirklichkeit ist nicht perfekt."

Brezel Göring: "Wir sind ja Dilettanten."

Professionelle Dilettanten.

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