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StartseiteCorso"Für das Urheberrecht muss man lange studiert haben"18.10.2018

Berliner Festival "100 Jahre Copyright""Für das Urheberrecht muss man lange studiert haben"

Kunstfreiheit und Urheberrecht - das sind zwei scheinbar unvereinbare Begriffe: Das Festival "100 Jahre Copyright" lotet die gegenläufigen Interessen von Künstlern und Konsumenten aus. „Wir verwenden beim Komponieren so viele Dinge, die gar nicht von uns sind“, so Kurator Detlef Diederichsen im Dlf.

Detlef Diederichsen im Corsogespräch mit Anja Buchmann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
(Campagnie Valentin Photographie )
Tritt beim Festival "100 Jahre Copyright" auf: Die jamaikanische Dancehall DJ Sista Nancy (Campagnie Valentin Photographie )
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Anja Buchmann: "100 Jahre Copyright" heißt ein Festival, das heute bis Sonntag stattfindet in Berlin, im Haus der Kulturen der Welt. Und schon geht die Assoziationsmaschine los: geistiges Eigentum, Sampling, Urheberrechtsreform, EU-Innovationen, GEMA, Upload-Filter und so weiter und so weiter. In Berlin spreche ich jetzt mit Detlef Diederichsen - Autor, Journalist, Musiker, Produzent und so weiter, aber eben auch Leiter des Bereichs Musik und Performing Arts am Haus der Kulturen der Welt - schönen guten Tag.

Detlef Diederichsen: Schönen, guten Tag.

Buchmann: Herr Diederichsen, wir beginnen mit einem kleinen Audioschnipsel, hören Sie mal zu. Tatsächlich ein sehr kurzes Audioschnipsel …  haben Sie zugehört, kennen Sie dieses Motiv?

Diederichsen: Ja, ja klar, das ist ein Stück Musik um das jetzt sich sehr viele Juristen streiten und sehr viel Geld damit verdienen mit diesen Rechtsstreitigkeiten und das ganz genau verfolgt wird, was für Entscheidungen dazu getroffen werden: "Metall auf Metall". Schwester S. versus Kraftwerk, beziehungsweise Moses Pelham. Die sind jetzt schon seit ewigen Zeiten zu Gange, seit 20 Jahren vor Gericht, und ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Riesige Machtblöcke im Streit

Buchmann: Genau, derzeit vor dem Europäischen Gerichtsof – eine ziemlich absurde Geschichte. Können Sie das Ganze nachvollziehen?

Diederichsen: Insofern schon, weil die beiden Seiten, die da miteinander streiten, riesige Machtblöcke sind. Eben auf der einen Seite die Vertreter des klassischen Urheberrechtes, also im Prinzip die Verleger, die Plattenfirmen, Produzenten et cetera, et cetera. Und auf der anderen Seite sind die Leute, die der Meinung sind, dass das so nicht mehr funktioniert, und dass wir da andere Regelungen brauchen - und damit natürlich auch Geschäfte machen wollen. Das heißt also: Hinter Moses Pelham steht eben auch im Prinzip die ganze Industrie, die daran ein Interesse hat, dass im Netz eben nicht mehr diese strengen Copyright-Regeln angewendet werden, die noch zu Zeiten der physischen Tonträger angewandt wurden.

Buchmann: "100 Jahre Copyright" heißt ihr Festival; worauf beziehen Sie die Zahl eigentlich, ganz kurz. 100 Jahre – also in Deutschland passt es nicht so ganz, oder?

Diederichsen: Beim Copyright geht es darum … also es ist halt die amerikanische Ausprägung, und da sind wir dann auch gleich bei den 100 Jahren. Da geht es darum, dass händelbar zu machen, also mit diesen Rechten etwas zu erwirtschaften. Und das wurde vor allem eben spannend zu der Zeit als es losging mit den Tonträgern und mit dem Radio, und das ist so mas o menos 100 Jahre her.

Buchmann: Warum veranstalten Sie das Festival und an wen wenden Sie sich eigentlich?

Diederichsen: Also unsere Idee war - ich habe ja eigentlich schon gesagt -, dass es eben zwei riesige Machtblöcke sind, die sich da im Moment streiten und die sich mit sehr viel Aufwand und sehr viel Geld streiten, die sich in Washington streiten, sich in Brüssel streiten - und man fragt sich, was wird eigentlich aus mir, dem Konsumenten, letztlich? Ist es mir völlig egal, wer da wieviel Geld macht, solange sichergestellt ist, dass tolle Werke geschaffen werden? Und was ist eigentlich mit … wie verhält sich eigentlich die Idee des geistigen Eigentums in anderen Ländern? Was ist in Asien, was ist in Afrika? Damit: Wieso gibt es tolle Musik in Afrika, entgegen den Ländern, in denen es kein Copyright gibt? Oder in denen es nicht wirklich ausgeübt wird? Das sind so einige Fragen, die wir haben. Und an wen wenden wir uns: an alle Leute, die jetzt natürlich auch durch diese Debatten, durch diese Diskussion, aufgeschreckt werden. Da sind ja schon viele Leute aufmerksam geworden und fragen sich: Muss ich in Zukunft bezahlen, wenn ich ein YouTube-Video anklicke? Oder: Wird das ganze Internet jetzt sozusagen zusammenbrechen, weil Filter-Software eingesetzt werden muss und so weiter.

"Das ist ein grauer Bereich"

Buchmann: Sie spielen auf die aktuelle EU-Urheberrechtsreform an. Nur ganz kurz zu den Hintergründen: Also Zeitungsverlage, Autoren, Plattenfirmen und so weiter sollen durch die neuen Vorschriften wohl fairer für ihre Leistung entlohnt werden - unter anderem durch automatische Vorabprüfung hochgeladener Inhalte. Es kursieren natürlich auch Begriffe wie Upload-Filter, wo dann die künstlerische Seite auch wieder schreit und sagt: "Nein, das ist nicht gut und das erschwert Innovationen." Wie stehen Sie dazu?

Diederichsen: Ich habe kürzlich ein Interview gelesen mit Nile Rogers von der Band Chic, deren Song "Good Times" wurde seinerzeit von der Sugarhill Gang gesampelt für "Rapper's Delight" - im Prinzip der erste große Rap-Hit. Und da erzählt Nile Rodgers in dem Interview, wie man damals auf ihn zukam - also seine … ich weiß nicht, sein Musikverleger oder seine Plattenfirma oder beide oder wer auch immer, sein Management. Und ihm gesagt hat: "Hier, pass' mal auf, das solltest Du stoppen! Die haben Deine Aufnahme genommen, die verfremden sie, die machen da ihren ganz eigenen Kram und verdienen damit viel Geld. Sieh‘ mal, dass Du eine einstweilige Verfügung erwirkst!" Und er hat sich das überlegt und hat gesagt: "Nee, ich fand das toll. Ich fand es toll, was sie da mitgemacht haben." Und hat gesagt: "Lass‘ uns irgendeine Regelung finden - aber lass‘ sie um Gotteswillen weitermachen." Und hat auf diese Weise ermöglicht im Prinzip, dass so etwas wie Hip-Hop entstehen konnte mit der ganzen Sampling-Kultur.

Wir haben noch länger mit Detlef Diederichsen gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Buchmann: Das dänische Sampling-Duo Den Sorte Skole, das auch bei Ihnen auftritt, das lässt es nicht. Die verwenden in manchen Stücken bis zu 2000 Samples - verfremden sie aber auch; das sind kleinste Schnipsel, also mal eine Bass-Drum hier, mal eine Hi-Hat dort. Da wird quasi das, was sie zitiert haben sozusagen - oder verfremdet zitiert - auch auf ihren Platten vermerkt. Ist das rechtlich dann auch ein Graubereich bei denen, wissen Sie das?

Diederichsen: Das ist ein grauer Bereich, ja. Die haben sich also bewusst dagegen entschieden, dieses Samples frei zu fragen. Die sind teilweise so kurz, dass es womöglich gar nicht einklagbar wäre. Einige sind auch ein bisschen länger, einige sind sehr verfremdet, andere wiederum nicht - die gehen halt offensiv damit um, sie nennen die ganzen Quellen auf ihrer Website und auf den Hüllen ihrer Tonträger. Bisher sind sie doch nicht verklagt worden - könnte aber jederzeit passieren.

"Es ist eben ein riesiger Wirtschaftszweig"

Buchmann: Aber um mal die Position der gern auch unterbezahlten Künstlerinnen und Künstler einzunehmen: Was spricht denn dagegen, wenn sie auch für die Verwaltung ihrer Stücke zum Beispiel auf YouTube bezahlt werden? Erstmal nichts.

Diederichsen: Nein, es spricht gar nichts dagegen. Ist einfach nur die Frage, wie das alles organisiert wird. Und darum geht es natürlich bei dieser Geschichte mit den Upload-Filtern auch letztlich ... geht es um Geld. Niemand will mir irgendwelche Upload-Filter, wenn Google und YouTube einfach sagen: "Okay, für jeden angeklickten Clip gibt es soundsoviel Euro."

Buchmann: Wenn Sie - ganz kurz noch - wenn Sie das Urheberrecht neu definieren oder erfinden könnten, was wären Ihre wichtigste Punkte sozusagen im Sinne der Innovation, aber auch der wirtschaftlichen Anerkennung der Musikerinnen und Musiker? Also "Copyright auf dem Bierdeckel", sozusagen?

Diederichsen: Kann man nicht, dazu ist die Situation zu komplex, dazu sind die Möglichkeiten zu komplex und dazu sind wir jetzt auch schon zu weit mit Dingen wie Musikwirtschaft, Musikindustrie. Es ist eben ein riesiger Wirtschaftszweig, da kann man nicht einfach sagen: "Cut, wir erfinden alles neu! Ihr geht jetzt mal alle nach Hause - und wenn ihr wiederkommen, sieht es ganz anders aus." Es gibt radikale Leute, die sagen einfach: "Wir schaffen es komplett ab, es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler", oder was auch immer …

Buchmann: Kultur-Flatrate. Sowas in der Art.

Diederichsen: Genau, das ist alles auch, finde ich, wert erstmal zu diskutieren und sich mal anzuhören von Leuten, die sich darüber Gedanken gemacht haben. Wie stellen Sie sich das konkret vor? Und insofern verspreche ich mir tatsächlich von diesem Festival nochmal ein paar Denkanstöße und ein paar neue Ideen.

Buchmann: Herzlichen Dank, Detlef Diederichsen.

Diederichsen: Sehr gerne.

Buchmann: Detlef Diederichsen, Leiter des Bereichs Musik und Performing Arts am Haus der Kulturen der Welt - und dort wird heute bis Sonntag ein Festival stattfinden das heißt: "100 Jahre Copyright".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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