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StartseiteKommentare und Themen der WocheKein Kontrollverlust, sondern Signal der Eigenverantwortung24.10.2020

Berliner GesundheitsämterKein Kontrollverlust, sondern Signal der Eigenverantwortung

Die Berliner Gesundheitsämter können sich in der Pandemie nur noch um besonders gefährdete Gruppen kümmern. Der angebliche Kontrollverlust kam mit Ansage, kommentiert Christiane Habermalz. Denn der öffentliche Gesundheitsdienst wurde vernachlässigt. So oder so: Die Pflicht liegt vor allem bei uns, uns und andere zu schützen.

Von Christiane Habermalz

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Drei Mitarbeiter vom Gesundheitsamt in Berlin Mitte stehen in Schutzkleidung, in der ambulanten Corona-Test- Einrichtung.  (picture alliance / dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)
Mitarbeiter vom Gesundheitsamt in Berlin Mitte stehen in der ambulanten Corona-Test-Einrichtung. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)

Drohender "Kontrollverlust" in den Gesundheitsämtern – das böse Wort ist nicht erst seit gestern in der Welt. Schon lange bahnte sich an, dass die Gesundheitsbehörden mit ihrer Aufgabe, alle Kontaktpersonen von Infizierten zurückzuverfolgen und zu benachrichtigen, zunehmend überfordert sind. Der Offenbarungseid der Berliner Gesundheitssenatorin schlug dennoch ein wie eine Bombe. Am Freitag (23.10.20) gab sie bekannt, dass man sich künftig von Amts wegen vor allem besonders gefährdete Gruppen konzentrieren werde – Senioren, chronisch Kranke, Heimbewohner und Obdachlose.

  (picture alliance/ dpa/ Bernd von Jutrczenka) (picture alliance/ dpa/ Bernd von Jutrczenka)Corona-Maßnahmen in Berlin - "Wir müssen das Nachtleben einfach ausschalten" In Berlin wurde eine Sperrstunde ab 23 Uhr eingeführt, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) glaubt zwar nicht, dass sie damit illegale Partys komplett verhindern kann, doch die Sperrstunde mache Kontrollen viel leichter, sagte sie im Dlf.

Künftig selber in Quarantäne begeben 

Für alle anderen gilt: Wer positiv auf Covid19 getestet wurde, muss sich künftig selber in Quarantäne begeben und die Menschen informieren, mit denen er oder sie zuletzt in Kontakt gestanden hat. Auch ohne Anruf vom Amt und verpflichtend, so die neue Allgemeine Verfügung des Senats. Auch wenn der Rest der Republik nun wieder mit dem Zeigefinger auf den Infektions-Hotspot Berlin zeigt, der die Dinge nicht mehr im Griff hat – dieser Strategiewechsel ist unausweichlich. Und er kommt vielleicht zur rechten Zeit: Denn er macht deutlich, was gerade überall in Vergessenheit zu geraten droht: Dass es am Ende die Bürger selbst sind, die Verantwortung übernehmen müssen, wenn wir diese Pandemie überstehen wollen. Staatliches Handeln ersetzt das natürlich nicht. Den Gesundheitsämtern kommt weiterhin eine zentrale Rolle zu, um Infektionsherde zu identifizieren und die weitere Ausbreitung zu unterbrechen. Aber die personell unterbesetzten Behörden können längst nur noch eine trügerische Sicherheit bieten.

"Mir-doch-egal-Haltung" in der Bevölkerung

Zeitungsberichten zufolge konnte es in Berlin zuletzt bis zu einer Woche dauern, bis ein Positiv-Getesteter über das Testergebnis informiert wurde. In drei von vier Fällen in Neukölln lassen sich keine Ausbruchsherde mehr zuordnen. Ganz zu schweigen davon, dass durch die ständige Überlastung wichtige andere Aufgaben liegen bleiben – wie Tuberkulose-Prävention unter Geflüchteten, Schuluntersuchungen, psychosoziale Betreuung. Jetzt rächt sich, dass der öffentliche Dienst in Berlin und anderswo über Jahrzehnte systematisch ausgedünnt wurde. Zwar wurden in diesem Jahr die Mittel für die Gesundheitsämter wieder aufgestockt, doch die Besetzung der Stellen zieht sich hin, vielerorts sind qualifizierte Bewerber gar nicht verfügbar. Aber auch die zunehmende "mir-doch-egal-Haltung" in weiten Teilen der Bevölkerung macht den Gesundheitsämtern ihre Arbeit schwer. Zu Beginn der Pandemie hatte jeder Infizierte im Schnitt Kontakt zu einer Handvoll Menschen. Jetzt können es nach ausufernden privaten Feiern bis zu 100 sein, die vom Amt mühsam abtelefoniert werden müssen. Immer wieder werden auf Zetteln in Kneipen und Bars werden immer öfter Phantasienamen und ausgedachte Telefonnummern eingetragen. Die innerdeutsche Mobilität der Deutschen ist heute etwa wieder auf dem Stand von vor der Corona-Krise – bei Infektionszahlen, die höher sind als im Frühjahr.

Reißleine gezogen

Es ist also ein wichtiges Signal an uns alle, wenn die Gesundheitsämter – zuerst in Berlin – die Reißleine ziehen. An die Politik, dass sie den öffentlichen Gesundheitsdienst, den sie so lange vernachlässigt hat, auch langfristig so stärkt, so dass er seine wichtigen Aufgaben auch wahrnehmen kann. Und an jeden von uns, dass die Pflicht zuallererst bei uns liegt, uns und andere vor Infektionen zu schützen.

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

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