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StartseiteKommentare und Themen der WocheZwischen Kiezkultur und Wirtschaftskraft07.08.2020

Berliner ImmobilienmarktZwischen Kiezkultur und Wirtschaftskraft

Die Räumung der Kiezkneipe "Syndikat" in Berlin-Neukölln sei die Konsequenz eines jahrelang kaum gebremsten Ansturms auf den Berliner Immobilienmarkt gewesen, kommentiert Sebastian Engelbrecht. Der inzwischen geltende Mietendeckel habe zwar jetzt den Druck etwas vermindert, dafür drohe nun eine Krise der Baubranche.

Von Sebastian Engelbrecht

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Berlin: Polizisten sind am frühen Morgen in der Hermannstraße in Neukölln im Einsatz.  (ZB/Paul Zinken)
Durch den Mietendeckel hat die Gentrifizierung in Berlin an Fahrt verloren, meint Sebastian Engelbrecht. Aber deswegen werden Tausende Wohnungen werden nicht gebaut, Zehntausende nicht saniert. (ZB/Paul Zinken)

Ein Aufgebot von 700 Polizisten und weiträumige Straßensperrungen waren nötig, um die Kiezkneipe "Syndikat" in Berlin-Neukölln zu räumen. Nur mit massiver polizeilicher Gewalt konnte der Staat den Widerstand der Anwohner und der autonomen Aktivisten brechen. Viele Neuköllner haben ihr öffentliches Wohnzimmer verloren, einen beliebten Ort der Kommunikation im Kiez.

Die Räumung ist ein Symbol für den Prozess der Gentrifizierung in vielen zentral gelegenen Berliner Bezirken, der seit zehn Jahren mit hohem Tempo abläuft. Investoren kaufen Altbauten, sanieren sie und vermieten sie teuer. Das gilt für Wohnungen wie auch für Geschäftsräume. So wandelt sich die Bevölkerung. Sozial Schwache werden verdrängt, Wohlhabende ziehen in die begehrten Wohnungen. Das gewachsene Leben im Stadtviertel wird gestört.

Es hat etwas Tragisches, dass gerade die Polizeitruppen des rot-rot-grünen Senats im Dienste eines Immobilieninvestors Recht und Gesetz durchsetzen und die Kneipe räumen mussten. Denn dieser Senat bemüht sich, das Tempo der Gentrifizierung in Berlin zu drosseln. Seit Februar gilt der Mietendeckel. Die Mieten sind für fünf Jahre eingefroren. Damit ist der Berliner Wohnungsmarkt für Investoren aus dem In- und Ausland uninteressant geworden. Als Renditeobjekte haben Wohnimmobilien in Berlin ihren Reiz verloren.

Tausende Wohnungen werden nicht gebaut

Die heutige Räumung war die Konsequenz eines jahrelang kaum gebremsten Ansturms auf den Berliner Immobilienmarkt. Neukölln war davon besonders betroffen. Die Mieten für neu vermietete Wohnungen im Bezirk Neukölln stiegen seit 2007 um 152 Prozent. Wohnungen wurden von der Grundversorgung zum Luxusgut.

Die heutige Räumung offenbart auch ein Dilemma: Der Mietendeckel hat den Druck vom Immobilienmarkt genommen und sogar zu einem leichten Absinken der Mieten geführt. Vielleicht wird er manche künftige Räumung überflüssig machen. Zugleich aber hat er die Bereitschaft von Investoren, in Berlin Wohnungen zu bauen oder zu modernisieren, abgebremst.

Damit hat die Gentrifizierung in Berlin an Fahrt verloren. Aber Tausende Wohnungen werden nicht gebaut, Zehntausende nicht saniert. Und so geht auch die noch vor Kurzem boomende Baubranche auf eine Krise zu.

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