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StartseiteInformationen am MorgenWowereit übergibt an Müller11.12.2014

Berliner SenatWowereit übergibt an Müller

Neuer Regierender Bürgermeister von Berlin ist der bisherige Stadtentwicklungssenator Michael Müller. Er wurde heute zum Nachfolger von Klaus Wowereit gewählt. Der hat das Rote Rathaus nach 13 Jahren jetzt verlassen. Zum Abschied wurde noch mal richtig gefeiert - mit Ständchen und Torte.

Von Claudia van Laak

Klaus Wowereit, bisheriger Regierender Bürgermeister von Berlin, gratuliert seinem Nachfolger Michael Müller (beide SPD) im Abgeordnetenhaus in Berlin zu seiner Wahl. (picture-alliance/ dpa / Bernd von Jutrczenka)
Klaus Wowereit, bisheriger Regierender Bürgermeister von Berlin, gratuliert seinem Nachfolger Michael Müller (beide SPD) zur Wahl. (picture-alliance/ dpa / Bernd von Jutrczenka)

"Everybody sing: Klaus Wowereit, I love you till the end of time, from now on only you and I, we're going up up up, Klaus Wowereit, an everlasting piece of art..."

Die Abschiedsreden und -feiern der letzten Tage und Wochen, sie sind kaum noch zu zählen. Aber diese ist eine ganz Besondere.

"Everybody sing: Klaus Wowereit, I love you till the end of time, from now on only you and I, we're going up up up, Klaus Wowereit, an everlasting piece of art..."

Die amerikanisch-deutsche Entertainerin Gayle Tufts und ihre Band im Tipi am Kanzleramt – mit einer Abschiedsgala für Klaus Wowereit im Zirkuszelt.

"Meine Damen und Herren, das letzte Mal in his Amtszeit, I´m going to say, Mr. Mayor, may I have this dance ."

"Mal drei Schritte nach links, Herr Wowereit, jetzt mal kurz zu mir, strahlen."

Durch das Foyer stolzieren drei imposante Drag-Queens: seeeehr lange, blonde Haare, mindestens zehn Zentimeter hohe Absätze, hautenge bodenlange 

Abendkleider, perfekte Figur. Küsschen rechts, Küsschen links.

Die anderen Gäste der Vorstellung sind verblüfft – sie haben ganz normale Konzertkarten erworben und erhalten plötzlich eine Promi-Gala. Eine Rentnerin in geblümter Rüschenbluse wirft einen neugierigen Blick auf die Drag-Queens, lächelt. Dann sagt sie: Wenn Klaus Wowereit nicht unser Bürgermeister gewesen wäre, wäre ich heute nicht so tolerant.

"Verändert hat sich schon ne ganze Menge, nicht nur im Umgang mit den Damen, die hier gerade standen, es hat sich ein anderes Bild daraus entwickelt, man sieht das selber auch anders."

Klaus Wowereit mit Entertainerin Gayle Tufts und Cynthia Barcomi (v.l) mit einer Torte bei einer Party im Tipi am Kanzleramt. (picture-alliance/ dpa)Eine Torte zum Abschied: Klaus Wowereit mit Entertainerin Gayle Tufts und Cynthia Barcomi (v.l) bei einer Party im Tipi am Kanzleramt. (picture-alliance/ dpa)

 

Ein Satz für die Geschichtsbücher

"Damit auch keine Irritationen hochkommen, Genossinnen und Genossen, ich sag's Euch auch. Und wer's noch nicht gewusst hat: Ich bin schwul, und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen. Applaus."

Es ist der legendäre Wowi-Satz, der Einzug in die Geschichtsbücher halten wird, gesprochen am 11. Juni 2001 auf dem Sonderparteitag der Berliner Sozialdemokraten. In den Jahren darauf wird Klaus Wowereit dreimal die Wahlen zum Abgeordnetenhaus gewinnen, jahrelang ist er der beliebteste Politiker der Hauptstadt. In seiner ersten Regierungserklärung verkündet er, der neue Hauptstadtflughafen werde 2007 in Betrieb gehen. 2007! Sieben Jahre später ist noch nicht einmal ein Eröffnungstermin bekannt, geschweige denn weiß man, was der Flughafen die Steuerzahler am Ende kosten wird.

Es ist maßgeblich das Chaos am BER, das die Popularitätswerte des Regierenden Bürgermeisters und Aufsichtsratsvorsitzenden des BER in den Keller sinken lässt. Als Klaus Wowereit vor gut drei Monaten seinen Rücktritt öffentlich macht, muss er zugeben:

"Eine der größten Niederlagen natürlich ist in der Tat die Nichteröffnung, die nicht zeitgerechte Eröffnung des BER. Das ist eine herbe Niederlage gewesen und ist sie bis heute und ich bedaure das, unendlich bedaure ich das, dass es nicht gelungen ist, dies bis heute zu korrigieren und alle Probleme zu lösen."

Wowereit – ein politisches Alpha-Tier

Klaus Wowereit ist ein politisches Alpha-Tier - eine Zeit lang wurde er auch für bundespolitische Ämter gehandelt. Partymeister UND Aktenfresser, der Wecker klingelt um 6, als erstes liest er zehn Tageszeitungen. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags Eric Schweitzer hat Hochachtung vor dem hart arbeitenden Wowereit mit dem phänomenalen Gedächtnis.

"Er kennt diese Stadt wirklich wie kaum ein anderer, der weiß jedes Detail, wenn Sie mit ihm sprechen, auch wo, was gerade passiert, das ist phänomenal. Er wird ja oft beschrieben nach außen als jemand, der Party machen und sich wenig um Dinge kümmern würde. Ich habe selten in der Berliner Landespolitik jemanden kennengelernt, der so tief in den Details ist, so stark die Fähigkeit hat, die wichtigen Dinge sofort herauszupicken."

So manche Senatorin, so mancher Senator kann davon ein Lied singen, musste sich in den letzten Jahren von Wowereit unschön zurechtweisen lassen. Ulrich Zawatka-Gerlach vom Tagespiegel:

"Er ist sehr machtbewusst, er ist rechthaberisch, eindeutig, er geht davon aus, dass seine Haltung die richtige ist, von der man die anderen überzeugen muss. So."

Für flotte Sprüche ist er sowieso bekannt. "Arm aber Sexy" ist so einer. Hängt doch Berlin am finanziellen Tropf des Bundes und der reichen Länder. Gleichzeitig sind die Schulden der Hauptstadt in der Regierungszeit Wowereits exorbitant gestiegen. Sein Vorgänger Eberhard Diepgen hinterließ 38 Milliarden Euro Schulden, aktuell sind es 62 Milliarden Euro.

Auch die Wirtschaftsdaten sind nicht rosig: Zwar sinkt die Arbeitslosigkeit - aber mit gut zehn Prozent gehört die Quote nach wie vor zu den bundesweit höchsten. Berlin darf sich auch mit dem wenig schmeichelhaften Titel Hartz IV-Hauptstadt schmücken. Jeder Fünfte in der Hauptstadt ist auf staatliche Hilfen zum Lebensunterhalt angewiesen, im bundesweiten Durchschnitt ist es nur jeder Zehnte.

Müller ist nicht Wowereit

Mit Michael Müller kommt jetzt ein neuer Ton – die Schnoddrigkeit und Arroganz des Klaus Wowereit wird ersetzt durch Nachdenklichkeit.

"Viele Berlinerinnen und Berliner sind in den vergangenen Jahren zunehmend skeptisch geworden, ob wir die Stadt noch gut regieren können. Handeln ist gefragt, jeden Tag müssen wir unter Beweis stellen, das wir das können und dass wir das Zusammenleben in der Stadt ein bisschen. Dieses gute Regieren ist für mich tatsächlich jetzt die wichtigste Aufgabe."

Fotos von Michael Müller mit einer Champagnerflasche in der einen und einem roten Damenpumps in der anderen Hand wird es nicht geben. Klaus Wowereit über seinen Nachfolger:

"Der Neue hat nicht den Glamourfaktor. Hat er selber so gesagt. Aber, Genossinnen und Genossen, habt Ihr eigentlich schon vergessen, dass genau dieser Glamourfaktor mir rechts und links um die Ohren gehauen worden ist, liebe Genossinnen und Genossen (Applaus) Michael Müller ist nicht Klaus Wowereit, und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen (Applaus)

"Klaus Wowereit, I love you till the end of time, from now on only you and I, we´re going up, up, up... All the best, we love you, Klaus, good night."

Wowereit: "We love Gayle, thank you so much."

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