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StartseiteFirmenporträtLegaler Cannabis-Handel als Erfolgsmodell02.03.2018

Berliner Start-up PedaniosLegaler Cannabis-Handel als Erfolgsmodell

Seit 2017 darf Cannabis als Medikament verschrieben werden. Für Firmen wie das vor drei Jahren gegründete Berliner Start-up Pedanios ist das ein gutes Geschäft. Vor drei Jahren gegründet, liefert der Arzneimittelhändler Cannabis an Apotheken in ganz Deutschland.

Von Leila Knüppel

Cannabis als Medikament in einer Apotheke in Berlin: Seit März 2017 ist medizinisches Cannabis auf Kassenrezept verfügbar (Imago)
Gerade einmal fünf Cannabis-Produzenten gibt es weltweit, die alle Auflagen für den Import nach Deutschland erfüllen (Imago)
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Nein, gleich wird es keine Reggae-Musik geben, keine Joints, niemand wird merkwürdige Klamotten mit Hanfpflanzen-Bildern drauf tragen. Stattdessen geht es um richtig viel Geld. Und – ja, das auch – um Cannabis als Medizin.

Patrick Hoffmann kommt aus der Mini-Mittagspause zurück. Der Mitgründer von Pedanios, einer der großen legalen Cannabis-Händler Deutschlands: sportlich-locker, Vollbart. In der Hand eine Tüte mit salatblattgeschmückten Käse-Bagels, die er schnell zwischen Bewerbungsgespräch und Interviewtermin geholt hat.

Vor drei Jahren haben Patrick - klar, hier duzen sich alle – und sein Firmenpartner Florian Holzapfel Pedanios gegründet.

Damals bekamen erst 250 Patienten in Deutschland per Ausnahmegenehmigung Cannabis. Wenn sie nachweisen konnten, dass ihnen kein anderes Medikament mehr half.

"Als wir die Firma gegründet haben, haben wir gesehen: Es gibt eine krasse Unterversorgung. Das muss irgendwie besser gehen. Und haben dann aber auch relativ schnell die Prognose getätigt, okay, das wird ein großer Markt werden. Und haben dann überlegt: Wo auf der Welt kann man Medizinalcannabisblüten legal erwerben und auch ausführen. Und haben als einziges brauchbares Land Kanada gefunden, wo es zu dem Zeitpunkt 14 lizenzierte Produzenten gab, und mit einem haben wir dann letztendlich das Projekt Import von Cannabisblüten umgesetzt."

Patrick Hoffmann lag mit seiner Prognose vom schnell wachsenden Markt richtig. Seit vergangenem Jahr dürfen Ärzte die Blüte regulär in Deutschland verschreiben: als Betäubungsmittel. Meist übernehmen die Krankenkassen die Kosten.

Mehr Cannabis, mehr Umsatz, mehr Mitarbeiter

Bei Pedanios herrscht eine regelrechte "Goldgräberstimmung": Mehr Cannabis, mehr Umsatz, mehr Mitarbeiter. "Wir haben im letzten Jahr knapp vier Millionen Euro Nettoumsatz gemacht, planen es dieses Jahr ungefähr zu vervierfachen".

Hoffmann hat seinen Bagel fast aufgegessen, führt durch die Büroräume. Schnell aufgestellte Tische und Stühle, alles sieht etwas provisorisch aus. Den Räumen sind förmlich die Wachstumsschmerzen anzusehen. Selbst Hoffmann weiß nicht mehr so ganz genau, wie viele Mitarbeiter Pedanios gerade hat.

"Es ist ein bisschen schwierig, den Überblick zu behalten: Wir sind so zwischen 20, 25, sage ich mal vorsichtig."

An der Wand des Büros hängt eine große Deutschlandkarte mit jeder Menge Stecknadeln. Jede neue Apotheke, die Pedanios beliefert: eine Nadel. 2.500 Apotheken sind es insgesamt.

"Wenn man die Zahlen nimmt, kann man sagen, dass wir gut 60 Prozent des Gesamtmarktes beliefern. Und jetzt gehen wir dahin, wo wir wirklich mit unserem Produkt umgehen."

Eine der Türen auf dem Büroflur ist speziell mit Code gesichert: Hier wird das Cannabis verpackt. Drinnen, in dem kleinen Raum stehen übereinander gestapelt jede Menge Kartons: Dazwischen Filiz Lafci, die alle Lieferungen abpackt. Dass der Chef hier so hereinplatzt ist ihr eigentlich gar nicht so recht, schließlich hat sie ziemlich viel zu tun.

"Filis, wie viele Kilo gehen heute raus." - "Um die 20 Kilo."

Gerade einmal fünf Cannabis-Produzenten gibt es weltweit, die alle Auflagen für den Import nach Deutschland erfüllen.

Damit Pedanios ausreichend Medizinalcannabis ausliefern kann, kooperierte die Firma mit einem der zwei großen weltweiten Player: Aurora. Wurde schließlich von dem kanadischen Unternehmen übernommen.

Nun geht es bei den großen Playern vor allem darum, ausreichend Cannabis zu produzieren, um den Bedarf zu decken.

"Die Firma Aurora hat heute eine Fabrik in Kanada und die hat eine Kapazität von gut 400 Kilo im Monat. In den kommenden sechs Monaten geht bei Aurora eine Produktionskapazität von zehn Tonnen im Monat online.

Ab 2019 auch Cannabis-Anbau in Deutschland

Auch in Deutschland laufen Ausschreibungen für den Cannabis-Anbau, ab 2019, im Auftrag der Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Auch dafür wird sich Pedanios als Aurora-Tochter bewerben.

In der Ecke des Abpack-Raums stehen zwei Tresorschränke, in denen der Nachschub für jeweils einen Tag Platz findet. Cannabis gilt in Deutschland als Betäubungsmittel. Entsprechend muss das Medikament gesichert werden.

Hoffmann öffnet einen der Tresore: Drinnen stapeln sich die Plastikbecherchen mit den Blüten. Er nimmt ein bereits geöffnetes Proben-Döschen in die Hand.

Unterschiedliche Sorten, alle riechen etwas anders: Wie bei einer Weinprobe kann man sich durch’s Sortiment schnuppern. Probieren ist natürlich nicht erlaubt.

"Ein Gramm kostet in der Apotheke, Stand heute, brutto, um die 20 bis 22 Euro."

Mehr als doppelt so viel, wie beim illegalen Straßendealer um die Ecke.

"Die Apotheke muss, gesetzlich verpflichtet, einhundert Prozent Aufschlag auf ihren Einkaufspreis nehmen."

Pedanios Geschäftsmodell funktioniert also nur, wenn die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Schließlich schmeißt Filis ihren Chef endgültig aus dem Abpack-Raum. Um 18 Uhr kommt der Paketdienst, dann muss alles fertig sein. Sodass Hoffmann erst draußen, auf dem Flur auf die Frage antworten kann, die allen Cannabis-Freunden unter den Nägeln brennt: Glaubt er eigentlich, dass Cannabis in Deutschland irgendwann ganz legalisiert wird?

"Das wird in Deutschland über kürzer oder länger passieren. Mich persönlich müsste man nicht fragen, ob das Sinn machen würde. Wir als Pedanios werden es aber immer als Arzneimittel wahrnehmen. Aber es wäre natürlich total unaufrichtig, wenn ich sagen würde, dass der Freizeiteinsatz von Cannabis aus Sicht eines Cannabis-Händlers ein total unattraktives Geschäftsmodell ist."

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