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StartseiteCampus & KarriereBerliner Studierende eröffnen einen "Offenen Campus"17.12.2003

Berliner Studierende eröffnen einen "Offenen Campus"

Proteste gegen Kürzungen gehen weiter

<strong>Mit zahlreichen Aktionen protestieren Studierende derzeit gegen die geplanten Kürzungen bei den Hochschulen. Nun soll der Protest auch in dauerhafte Projekte umgesetzt werden. In Berlin haben Studierende gestern eine "Offene Universität" gegründet. </strong>

Von Markus Rimmele

Studierende in Berlin tragen die Bildung symbolisch zu Grabe (AP)
Studierende in Berlin tragen die Bildung symbolisch zu Grabe (AP)
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Die Anwesenden rücken mit ihren Stühlen enger zusammen, der Kreis wird kleiner. Weniger Studierende als erwartet sind zum Plenum der neu gegründeten Offenen Uni gekommen. Gut 20 Leute sitzen im Foyer eines besetzten Seminargebäudes der Berliner Humboldt-Universität. Manche rauchen, eine Studentin reicht wieder mal einen Aufruf zu einer der unzähligen Streikaktionen herum, ein paar Hunde sind auch dabei. Jetzt suchen sie einen Namen für ihre alternative Universität. Offene Uni ist nur der Arbeitstitel. Doch sie können sich auf keinen der Vorschläge einigen. Die Entscheidung wird vertagt.

Die Offene Uni – ein Produkt des Studentenstreiks, ein Versuch, weg von den vielen Spaßaktionen zu kommen und neue Inhalte und Strukturen umzusetzen: sie ist offen für alle Menschen, egal ob Student oder nicht, sie ist basisdemokratisch und sie kennt keine Dozenten im klassischen Sinne, sagt die Studentin Paula Knieper, eine der Organisatorinnen des Projektes:

Ich denke, dass da jeder lehren kann, der sich dafür interessiert, der dazu Lust hat. Und es soll eben erst mal gespielt werden mit dem Begriff, lehren, lernen. Was ist das überhaupt? Dass das Ganze mal ein bisschen ins Rollen gebracht wird, dass man sich darüber Gedanken macht und da vielleicht auch einfach festgesetzte Strukturen verschoben werden können.

Unten im Gebäude liegen Listen aus, in die sich jeder eintragen kann, der eine Veranstaltung anbieten möchte. Das Interesse ist groß, die sind Themen vielfältig. Es geht um selbstbestimmtes Lernen und Studieren, um Gesellschaftsrecht, aber auch um Streitkultur, Streikkultur und Streikanalyse. Die Offene Uni will zwar nicht die klassische Universität ersetzen, sie will aber, so Paula Knieper, den Wissens- und Erfahrungsschatz eines jeden ausschöpfen.

Es ist ja genau dieser Begriff 'andere Uni’. Wir stellen uns eigene Werte auf. Ich sehe bei mir den Schwerpunkt auf dem Sozialen auch, dass wir uns verknüpfen, dass wir einander zuhören. Nicht dass jemand vorne steht und lehrt, sondern dass wir einen interaktiven Austausch da stattfinden lassen.

Fünf Bereiche sind langfristig geplant: Bildung, Soziales, Kultur, Wirtschaft und Politik – wobei alle Veranstaltungen interdisziplinär angelegt sein sollen. Und die Ergebnisse der Seminare und Diskussionen wollen die Studierenden dann als öffentliche Beiträge und konkrete Forderungen politisch hörbar machen.

Die Gründung der Offenen Uni fällt in eine kritische Phase des Studentenstreiks. Seit bald sechs Wochen vergeht in Berlin kein Tag ohne studentische Aktionen. Doch die Politik bleibt stur bei ihren Kürzungsplänen. Ermüdungserscheinungen werden sichtbar. Eine Umfrage unter den Berlinern, entstanden im Rahmen eines Seminars am Institut für empirische Sozialforschung der Humboldt-Universität hat zwar ergeben, dass die Bevölkerung zu fast 90 Prozent hinter den Studierenden steht. Gleichzeitig glaubt aber nur die Hälfte der Leute an einen Erfolg des Streiks. Bodo Lippl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut und Initiator der Umfrage interpretiert das Ergebnis:

Na, ich denke mir schon, dass so eine resignierende Haltung sich darin wiederspiegelt. Einerseits unterstützt man das, weil man denkt, es wäre gut wenn. Aber andererseits weiß man natürlich, dass die Sparmaßnahmen sein müssen, weil dass einem durch die öffentliche Diskussion so suggeriert wird. Und deswegen gibt man da wenige Chancen, dass sich da wirklich etwas verändern wird.

Und selbst bei den Studierenden glaubt nur eine knappe Mehrheit an den Erfolg der Aktionen. Und so gehen sie geliebt, aber erfolglos und daher resigniert in die Weihnachtspause, die gleichzeitig zur größten Belastungsprobe für den Streik wird. Danach soll es zwar weiter gehen. Doch lässt sich der Protestwille im Januar wirklich reaktivieren? Katrin Lehmbecker, ebenfalls eine Organisatorin der Offenen Uni:

Wir machen uns selbstverständlich auch Gedanken darüber, wie wir im Januar wieder einen ähnlich kraftvollen Protest auf die Straße bringen können. Und insofern ist diese tatsächlich sehr schnelle Gründung dieser Universität deswegen gemacht worden, weil wir den Leuten, die jetzt hier noch an der Uni sind – und das sind nicht wenige, dass die ein Angebot hier haben und dass sie auch wissen, dass sie im Januar wieder zurückkommen können und weiterarbeiten können.

Die Offene Uni soll die vielen Streik-AGs bündeln und ihnen eine Heimstatt für die Zeit danach geben. Die Organisatoren wollen gar mit der Universitätsleitung darüber verhandeln, ob sie einige Räume auf Dauer für ihre Einrichtung nutzen können. Denn die Offene Uni – sie soll bleiben vom Streik.

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