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StartseiteKultur heuteAusgewogenheit als oberstes Ziel28.01.2020

Berliner Theatertreffen 2020Ausgewogenheit als oberstes Ziel

In diesem Jahr sollten Produktionen von Männern nicht mehr das Berliner Theatertreffen dominieren. Deshalb hatten die Berliner Festspiele eine Quote eingeführt. Mit ihrer Auswahl übererfüllt die Jury sogar die neue Anforderung: Sechs von zehn Produktionen stammen von Theatermacherinnen.

Von Michael Laages

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Sandra Hüller als "Hamlet" in der Regie von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum. (JU Bochum)
Ausgewählt: "Hamlet" vom Schauspielhaus Bochum mit Sandra Hüller in der Hauptrolle (JU Bochum)
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Das Hauptziel ist erreicht – die aktuelle Ausgabe des Theatertreffens in Berlin ist nicht nur halb und halb quotiert, die Regisseurinnen haben sogar die Nasen vorn: Sechs von ihnen stehen vier Männern gegenüber. Eine Menge Kritik hatten sich die Berliner Festspiele, Ausrichter des Bühnen-Gipfels, mit der Ankündigung der Quote im Vorjahr eingeheimst. Jetzt, meint jedenfalls Festival-Chefin Yvonne Büdenhölzer, sei alles ganz einfach und die leicht übererfüllte Quote im Grunde eher eine Formsache gewesen. Wer allerdings regelmäßig auch weniger berühmte Bühnen im Theaterland Deutschland besucht, der weiß ohnehin, dass Frauen auf dem Regiestuhl seit geraumer Zeit schon unübersehbar sind, in anderen Bereichen der Theaterarbeit ohnehin und darüber hinaus überall in der Ausbildung. Die Quote fürs Theatertreffen kam also gerade recht.

Trend zu Koproduktionen

Inhaltlich auffälliger sind andere Bewegungen: etwa die weg von den großen Stadt- und Staatstheatern und hin zu Koproduktionen verschiedener Theaterhäuser, freier und von Stadt und Staat getragener. Das regelmäßige Miteinander etwa der Münchner Kammerspiele und dem Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt ist dafür beispielhaft. Die neue Produktion der jungen Regisseurin Anta Helena Recke über "Die Kränkungen der Menschheit" sind das beste Beispiel dafür.

Überhaupt bilden Münchens Kammerspiele den Kern dieses dauernden Austausches zwischen den Produktionssphären. Eine Arbeit wie Toshiki Okadas "Vacuum Cleaner" ist zugleich sehr japanisch aber auch zugeschnitten auf die Lebenswirklichkeit westlich-europäischer Metropolen und damit global modern. Und dabei überschreitet sie auch ästhetische Grenzen des handelsüblichen Theaterbetriebs. Wie Münchens Kammerspiele im Stadttheater, so liegt der Frankfurter Mousonturm weit vorn, wenn es um die freien Produktionshäuser im Lande geht. Auch "Chinchilla Arschloch waswas" von Helgard Haug, einer der Mitstreiterinnen von Rimini Protokoll, und das spektakuläre "TANZ"-Projekt von Florentina Holzinger wurden vom Mousonturm koproduziert.

Sandra Hüller wird als Schauspielerin ausgezeichnet

Auch hier also herrscht quasi Parität: Den koproduzierten Arbeiten stehen die Inszenierungen großer Ensembletheater gleichberechtigt gegenüber. Leipzigs Schauspiel kann "Süßer Vogel Jugend" von Tennessee Williams ins Rennen schicken, inszeniert von Claudia Bauer, das Schauspielhaus Bochum den "Hamlet" in der Fassung vom Hausherrn Johan Simons. Sandra Hüller spielt hier Hamlet, sie wird im Rahmen des Festivals auch als Schauspielerin geehrt. Die an Pasolini gemessene Version der "Göttlichen Komödie" nach Dante gibt es eigentlich gar nicht mehr. Erarbeitet wurde sie vom Theatertreffen-Neuling Antonio Latella für das Münchner Residenztheater als das noch unter der Intendanz von Martin Kusej stand, der mittlerweile nach Wien wechselte. Jetzt muss die Aufführung quasi aus dem Fundus rekonstruiert werden. 

Richtige Ausreißer gibt es leider nicht

Vom Neustart der Saison in Zürich kommt eine ganz kleine, feine Produktion: Alexander Giesches Blick auf Max Frisch und "Der Mensch erscheint im Holozän". Auch das ist eher Performance als Schauspiel im engeren Sinn – wie Katie Mitchells jüngste Hamburger Produktion "Anatomie eines Suizids", die trickreich verschachtelte Parallelerzählung dreier Frauen-Generationen, die allesamt am Leben scheitern.

Generell aber sieht es so aus, als hätte vor allem die Parität entschieden bei dieser Auswahl fürs Theatertreffen. Wer darüber hinaus allerdings richtige Ausreißer sucht und außergewöhnlich innovative Formen von Theaterästhetik, kommt womöglich nicht recht auf seine Kosten. Immerhin, so genannte übliche Verdächtige sind gar nicht mehr dabei, auch nicht die einzigartigen Einzelgänger. Als wären die sieben Jurorinnen und Juroren vor allem damit beschäftigt gewesen, alles richtig machen zu wollen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Aufführungen im Mai noch ein bisschen mehr an Klasse präsentieren und eben nicht bloß die richtige Quote.

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