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StartseiteEuropa heuteBerlusconis Zeuginnen stehen auf seiner Lohnliste10.12.2012

Berlusconis Zeuginnen stehen auf seiner Lohnliste

Zwischenstand im Ruby-Prozess

In Italien brodelt mal wieder die Gerüchteküche um Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Dem sind die Richter auf den Fersen und da wäre ein Amt, das Immunität bietet, praktisch. Der Mailänder Prozess um seine sexuellen Kontakten zu Minderjährigen geht nun in die heiße Phase.

Von Kirstin Hausen

Silvio Berlusconi verteidigt sich vor Gericht. (picture alliance / dpa / Christophe Karaba)
Silvio Berlusconi verteidigt sich vor Gericht. (picture alliance / dpa / Christophe Karaba)
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Das lange Haar streng nach hinten gebunden, weiße Bluse, Kostüm – so treten die meisten der Mädchen auf, die an Berlusconis Parties in der Villa Arcore teilnahmen. Zwei Dutzend haben inzwischen ihre Version der Fakten zu Protokoll gegeben. Die Kubanerin Liza Barizonte:

"Es ging dabei nie um Sex. Wir haben uns natürlich alle schick angezogen. Oder auch verkleidet. Als Babydoll, als strenge Lehrerin, das war immer sehr lustig.”"

Als lustig, aber völlig harmlos beschreibt auch Marystell Garcia Polonca aus der Dominikanischen Republik die Abende im Haus Berlusconi. Sie wurde für ihre Teilnahme bezahlt, das hat sie vor Gericht bestätigt.

""Ich habe wenig Geld bekommen, im Vergleich zu dem, was ich verdienen könnte. Trotzdem hoffe ich, dass Berlusconi ewig leben wird. Sonst wissen wir nicht, was wir machen sollen. Bei Mediaset arbeiten wäre schön, aber dann heißt es wieder, er würde uns protegieren."

Die dunkelhäutige Marystell hat sich für Berlusconi als Barack Obama verkleidet, andere Mädchen traten als Angela Merkel auf, als Krankenschwester oder Polizistin. Ohne jede erotische Konotation, wie Ioana Visan beschwört.

Das Pikante: All diese Zeuginnen, die Berlusconi vor Gericht in Schutz nehmen, werden von ihm bezahlt. Ganz offiziell, per Banküberweisung. 2.500 Euro erhält jede von ihnen monatlich, als Entschädigung für die Diffamierungen, die sie erleiden müssen. Staatsanwaltschaft und Gericht haben sich zu diesem Zusammenhang noch nicht geäußert. Berlusconis Verteidiger Nicolò Ghedini sieht darin jedoch kein Problem. Die Glaubwürdigkeit der jungen Frauen stehe außer Frage.

"Das ist vollkommen egal, die Glaubwürdigkeit der Zeugen hängt von ihrer Person ab, nicht von ihren Wirtschaftsbeziehungen.”"

Auch Karima El-Mahroug, die Marokkanerin, mit der Silvio Berlusconi laut Anklage bezahlten Sex gehabt haben soll, steht auf der Lohnliste des ehemaligen Ministerpräsidenten. Allerdings ganz ohne Gegenleistung, wie er selbst im Gerichtssaal beteuert hat.

""Mein Kontakt zu Karima El Mahroug, Spitzname Ruby, steht im Zusammenhang mit den Abenden, die bei mir zuhause in Arcore stattgefunden haben und zu denen sie eingeladen war. Während dieser Abende habe ich gewöhnlich über Politik und Sport geredet, habe Witze erzählt und Lieder aus meinem Repertoire gesungen. Es kam vor, dass meine Gäste Sketche vorgeführt haben, die weder vulgär noch skandalös waren. Ich kann absolut ausschließen, dass es zu sexuelle Szenen gekommen ist."

Die Zeuginnen der Verteidigung unterstützen Berlusconis Version. Er sei einfach ein großzügiger Mann, der Menschen in Not finanziell helfe.

"Er darf doch mit seinem Geld machen, was er will”, sagt die Russin Raissa Skorkina, die in zwei Jahren mehr als 100.000 Euro von Berlusconi bekommen hat. Was er laut Gesetz ganz sicher nicht darf, ist, das Amt des Ministerpräsidenten einsetzen, um persönliche Vorteile herauszuschlagen und Druck auf Polizeikräfte auszuüben. Genau das wirft Chefanklägerin Ilda Boccassini dem ehemaligen Regierungschef aber vor. Und wieder geht es dabei um Karima El-Mahroug. Berlusconi hatte angeordnet, sie nach einem angeblichen Diebstahl aus dem Polizeipräsidium von Mailand zu entlassen, obwohl sie als Minderjährige in die Obhut einer Pflegeeinrichtung hätte übergeben werden müssen.

Berlusconi bestreitet das nicht, er habe das Mädchen für die Nichte des damaligen ägyptischen Präsidenten Mubarak gehalten und eine diplomatische Krise verhindern wollen. Ob Silvio Berlusconi am Ende freigesprochen wird, ist jedoch fraglich. Selbst sein Verteidiger Ghedini hat Zweifel.

""Ich bin überhaupt nicht beruhigt, was den Ausgang dieses Prozesses angeht. Hier entscheidet ein Mailänder Gericht, das sicher nicht derselben Meinung ist wie die Verteidigung.”"

Chefanklägerin Ilda Boccassini hat während der Aussagen vieler Zeuginnen energisch den Kopf geschüttelt und sich Notizen gemacht. Für Januar 2013 wird ihr Plädoyer erwartet. Also noch vor den Wahlen zum Parlament, bei denen Silvio Berlusconi erneut als Spitzenkandidat seiner Partei antreten will.

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