Donnerstag, 22.08.2019
 
StartseiteStreitkulturInsektensterben – geht Landwirtschaft ohne Pestizide?08.06.2019

Bernhard Krüsken vs. Thomas RadetzkiInsektensterben – geht Landwirtschaft ohne Pestizide?

Ob Ameisen oder Bienen, Mücken oder Schmetterlinge - die Zahl der Insekten schwindet dramatisch. Einer der Gründe ist vermutlich der Einsatz von Pestiziden. Sie sollen Pflanzen vor Unkraut und Schädlingen schützen, töten aber auch Nützlinge. Wie muss die Landwirtschaft aussehen, um umweltverträglich zu sein?

Moderation: Georg Ehring

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Kahlrückige Waldameisen in einem Wald nahe Birkenwerder (Brandenburg). (Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa )
Das Insektensterben bedroht unser Ökosystem, darüber sind sich Wissenschaftler einig (Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa )
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Die Insektenforscher vom Entomologischen Verein Krefeld sprechen von einer "schleichenden Katastrophe": In den vergangenen drei Jahrzehnten ist der Bestand der Insekten um 75 Prozent zurückgegangen. Auch wenn andere Studien nicht ganz so drastische Zahlen nennen, sind die Ergebnisse alarmierend. Einig sind sich die Wissenschaftler, dass das Insektensterben unser Ökosystem bedroht. Doch was sind die Ursachen? Im Verdacht stehen Überdüngung, Schädlingsbekämpfung mit Pestiziden und die Flächenversiegelung. Die Landwirte fühlen sich allerdings zu Unrecht an den Pranger gestellt. Sie betonen, dass die Ernährung der Menschheit nur durch intensive Nutzung der Äcker möglich ist. Über die Bedingungen einer umweltverträglichen Landwirtschaft streiten Thomas Radetzki und Bernhard Krüsken.  

Thomas Radetzki, Bio-Imker und Vorstand der Aurelia-Stiftung:

"Wir brauchen eine andere Agrarpolitik"

"Die Hauptursache für das Insektensterben und generell das Artensterben ist die intensive Agrarproduktion, die sich auf Kunstdünger und eben auch Pestizide stützt. Ich möchte aber betonen, dass trotz dieser inzwischen wissenschaftlich gesicherten Tatsache kein Landwirt am Pranger stehen dürfte. Denn die Art unserer Landwirtschaft wird jährlich durch europäische Agrarfördermittel in Höhe von sechs Milliarden Euro gesteuert. Und diese Politik wird maßgeblich durch unser Landwirtschaftsministerium, den Deutschen Bauernverband und die Lobbyorganisation 'Moderne Landwirtschaft' geprägt. Für das Sterben von Wildbienen, Honigbienen und anderen Insekten sind vor allem drei Faktoren verantwortlich:

Die Nistmöglichkeiten verschwinden. Gräben, Hecken, Büsche, Baumgruppen weichen immer größeren Ackerflächen. Auf diesen großen Äckern verhungern unsere Bienen und ihre Brut. Denn sie können sich nur durch Blüten ernähren. Und die dritte Ursache sind Vergiftungen und vielfältige unterschwellige Schäden durch Pestizide. Aber Tausende ökologisch wirtschaftende Betriebe weltweit beweisen, dass die Produktion von Lebensmitteln nicht im Widerspruch zum Insektenschutz zu stehen braucht. Um das Arten- und auch das Höfesterben zu beenden, brauchen wir also eine am Gemeinwohl orientierte Agrarförderpolitik, bei der die Steuermittel für öffentliche Zwecke ausgegeben werden – nämlich zur Ökologisierung und zum Artenschutz."

Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes:

"Insektenschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe"

"Wir haben 50 Prozent der Fläche in der Republik. Und deshalb sind wir auch standby, um unseren Beitrag zu leisten. Auch aus einem vitalen Eigeninteresse heraus. Wenn die Ökosysteme nicht funktionieren, funktioniert Landwirtschaft auch nicht. Aber man muss natürlich auch sagen: Wir müssen sämtliche Ursachen anschauen, und wir müssen auch mal festhalten, dass Landwirtschaft hier nicht nur in eigener Sache unterwegs ist. Wir sind ja sozusagen Agenten. Wir agieren für die Nachfrage von Verbrauchern und Ernährungsindustrie und haben mehrere Aufgaben. Und wenn jetzt die Aufgabe für die Biodiversität dazu kommt und wir die Biodiversität in die Fruchtfolge integrieren können, dann ist Landwirtschaft sofort dabei.

Es gibt aber auch viel Unehrlichkeit in dieser Diskussion. Wir sind in die Situation gesetzt, dass man dem Sektor Landwirtschaft seit Jahren und Jahrzehnten sehr viele Flächen entzieht. Wir haben anderthalb Millionen Hektar seit den 90er Jahren verloren. Das führt natürlich auch zu einem Intensivierungsdruck auf die verbleibenden Agrarflächen. Und wir sehen kein Ende dieser Entwicklung. Der andere Punkt ist: Es macht aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn, jetzt über Pestizide als Ganzes zu reden. Ich bevorzuge den Begriff Pflanzenschutzmittel, weil es darum geht. Es kommt maßgeblich auf die Anwendung an. Es ist nicht der Wirkstoff per se, der bei unsachgemäßer Anwendung Folgeschäden hat. Sondern es ist die Art der Anwendung. Da müssen wir ansetzen und da können wir ansetzen."

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