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StartseiteTag für TagKirchenpolitiker und Ordensreformer02.03.2015

Bernhard von ClairvauxKirchenpolitiker und Ordensreformer

Teil 1 der Serie "Bernhard von Clairvaux und die Zisterzienser"

Der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux (um 1090 - 1153) war der bedeutendste Mystiker des Mittelalters. Er sorgte für die rasche Ausbreitung seines Ordens in ganz Europa. Bernhard zog als Kreuzzugprediger durchs Land und war ein streitbarer Gegner der aufkommenden Scholastik.

Von Rüdiger Achenbach

Der französische Abt Bernhard von Clairvaux in einer zeitgenössischen Darstellung (picture alliance / dpa)
Der französische Abt Bernhard von Clairvaux in einer zeitgenössischen Darstellung (picture alliance / dpa)

Dieser Beitrag ist eine Wiederholung vom 29.04.2013.

"Jene Bestie aus der Apokalypse, aus deren Maul nur Blasphemien hervorkommen und die den Krieg mit den Heiligen sucht, sitzt widerrechtlich auf dem Thron Petri."

Für diese Worte erhielt Bernhard, der Abt von Clairvaux, auf dem Konzil von Reims im Jahr 1131 tosenden Beifall. Er sprach aus, was alle dachten. Papst Anaklet II. saß zu Unrecht auf dem Stuhl Petri. Mehr als 260 Bischöfe und 13 Erzbischöfe waren nach Reims gekommen, um ihrerseits Papst Innozenz II., der an diesem Konzil teilnahm, ihre Unterstützung zuzusagen.

Da die Kardinäle sich bei der Papstwahl in Rom nicht einig geworden waren, hatte eine Gruppe Anaklet, eine andere Innozenz zum Papst gewählt. Nun stritt man in ganz Europa, wer von beiden der rechtmäßige Nachfolger Petri sei. Da beide Wahlen nicht korrekt verlaufen waren, ging es aber letztlich eher darum, wer von den beiden Konkurrenten sich auf die Dauer durchsetzen würde.

Bedeutende kirchliche Autorität

Als eine der bedeutendsten kirchlichen Autoritäten seiner Zeit war es Bernhard von Clairvaux bereits gelungen, auch die Könige von England, Frankreich und Deutschland auf die Seite von Innozenz zu ziehen, der in Frankreich im Exil lebte.

Aber auch Anaklet der Zweite hatte mächtige Fürsprecher. Vor allem besaß er eine starke Hausmacht in der Ewigen Stadt. Er stammte aus der mächtigen römischen Familie der Pierleoni, die in der Stadt am Tiber über viel Einfluss verfügte.

Die Gegner der Familie warfen den reichen Pierleoni deshalb vor, sie hätten sich den Stuhl Petri erkauft. Außerdem stehe ihnen das höchste Amt in der Kirche schon deshalb nicht zu, weil die Pierleoni erst vor zwei Generationen vom Judentum zum Christentum übergetreten waren. Dieser Argumentation schloss sich auch Bernhard von Clairvaux an:

"Es steht fest, dass dieser Judensprössling den Stuhl Petri zur Schmach Christi besetzt."

Man warf Anaklet vor, sich nur zum Schein als Christ auszugeben, um dann die Kirche zu zerstören. Dass Anaklet vor seiner Wahl zum Papst auch Mönch und dann Kardinal gewesen war, schien nun keine Rolle mehr zu spielen.

Der Mediävist Peter Dinzelbacher: "Natürlich war Bernhard, wie praktisch alle Geistlichen und Laien des Mittelalters antijüdisch eingestellt, wobei es hier noch nicht um eine rassistische Diskriminierung ging, sondern um eine religiöse."

Hinzu kam aber auch, dass Anaklet Mönch im berühmten Kloster von Cluny gewesen war, das für die Zisterzienser, denen Bernhard angehörte, sozusagen zu einem Feindbild geworden war.
Die Zisterzienser waren als Reformbewegung des benediktinischen Mönchtums entstanden, um sich vor allem von den Benediktinern in Cluny abzusetzen. Die Mönche dort lebten von zahlreichen Spenden und sahen ihre Hauptaufgabe darin, Privatmessen zu feiern, womit sie fast den gesamten Tag verbrachten. Da das Kloster sehr wohlhabend war, hielten die Mönche sich auch eine große Dienerschaft und ließen sich opulente Mahlzeiten auftragen. Bernhard von Clairvaux fragte deshalb verärgert:

"Was haben Wein, Weißbrot, Ingwer, Salbei und Pfeffer auf dem Tisch des Refektoriums zu suchen? Wenn man arbeitet, anstatt zu faulenzen, gelten auch Gemüse und Grütze als Leckerbissen."

Die von Robert von Molesme 1098 in gegründete Zisterzienser-Bewegung setzte dagegen auf ein einfaches, streng asketisches Leben. Man zog sich bewusst in abgelegene Landschaften zurück und suchte nach dem Ideal der Eremiten in Distanz zur übrigen Welt zu leben. Nach ihrem ersten Kloster in Citeaux gaben sie sich den Namen Zisterzienser. Um sich auch äußerlich von den Benediktinern in Cluny abzusetzen, die sich mit einem Habit aus feinem schwarzem Tuch kleideten, trugen die Zisterzienser schlichte Kutten aus hellem, ungefärbtem Wollstoff.

Peter Dinzelbacher: "Bernhard hatte sich einer Gemeinschaft angeschlossen, deren Ziel die Suche nach den Ursprüngen christlichen Lebens war, wie man es im Evangelium und in den Lebensbeschreibungen der ersten Mönche in der ägyptischen und syrischen Wüste fand. Er hatte für sich damit eine institutionalisierte Form der Armutsbewegung gewählt, die als Reaktion auf den Reichtum der Kirche und der Welt im Hochmittelalter dem Gebot Christi von der vollkommenen Besitzlosigkeit nachkommen wollte."

1115 war Bernhard dann vom Mutterkloster in Cîteaux mit einer Gruppe von Mönchen in das etwa 100 Kilometer entfernte Wermut-Tal ausgezogen, um dort in der Einöde, weit entfernt von allen Siedlungen, ein Tochterkloster zu gründen, dessen Abt er dann wurde. Die Zisterzienser gaben dem Ort den Namen Clairvaux, also "helles Tal". Zu dem Kloster gehörten schmucklose Gebäude und eine schlicht ausgestattete Kirche, deren Fenster ohne Bilder waren. Vorgeschrieben war auch, dass es keinerlei Skulpturen in den Kirchen geben dürfe. Bernhard legte großen Wert darauf, dass es nicht auf geschmückte Kirchengebäude ankomme, sondern auf die innere Einstellung.

"Der Höchste wohnt nicht in von Menschen gemachten Stätten, sondern ihm muss man in der Seele einen Tempel bauen. Denn Gott gehört nicht zu den Dingen, die außer uns sind."

Innere Realität, nicht Außenwelt

Ein Zisterzienser hat sich also nur für die innerliche Realität zu interessieren, nicht für die Außenwelt. Nur wer sich an eine strenge asketische Lebensweise hält, davon ist Bernhard überzeugt, kann letztlich Anteil an der göttlichen Barmherzigkeit haben.

Peter Dinzelbacher: "Bernhard spricht ganz klar aus, dass er all die anderen Stände, die hohen Prälaten und Priester, die gesamte Laienschaft, nur in äußerst beschränktem Maße für heilsfähig hält. Nach seiner Ansicht wird nur ein auserwählter Teil der Mönche das Himmelreich bevölkern."

Der Abt von Clairvaux folgt hier der Prädestinationslehre des Kirchenvaters Augustinus, nach der – gemäß dem göttlichen Willen – der größte Teil der Menschheit von vornherein zu ewigen Höllenstrafen vorherbestimmt ist. Vor allem die Mönche gehören zu den Auserwählten, wobei Bernhard keinen Hehl daraus macht, dass er all den anderen Mönchsgemeinschaften eine geringere Chance auf Errettung zubilligt als dem eigenen Orden.

Peter Dinzelbacher: "Er beruhigte seine Mönche mit der Versicherung, dass sogar Judas, der Jesus verraten hatte und dessen Verurteilung zur Hölle für das Mittelalter unanzweifelbar war, noch Gnade gefunden hätte, wenn er Zisterzienser geworden wäre."

Den strengen Lebensstil, wie ihn die Zisterzienser pflegen, erkennt Bernhard aber auch bei einer Gruppe von Männern, die sich um Hugo von Payens beim Tempel Salomos in Jerusalem zu einer religiösen Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, in der sie sich zur Armut und zur Keuschheit verpflichten. Bernhard ist über sie voll des Lobes:

"Sie verabscheuen alle Eitelkeiten, sind niemals gekämmt, selten gewaschen, vielmehr borstig, weil sie die Haarpflege vernachlässigen."

Ihre Hauptaufgabe sehen diese Männer allerdings darin, die christlichen Pilger im Heiligen Land vor den Muslimen zu beschützen. Sie sind also Mönche und Ritter zugleich. Eine für die damalige Zeit ungeheuerliche Kombination. Denn einem Mönch war grundsätzlich der Kampf mit Waffen verboten. Innerhalb der Kirche stießen diese sogenannten Tempelritter deshalb auch auf heftige Kritik.

Doch der Abt von Clairvaux stellte sich eindeutig auf die Seite der Templer. Schließlich trugen diese Mönche ihr Schwert allein im Dienste Gottes und kämpften ausschließlich gegen die Feinde des christlichen Glaubens. Auch dass sie als Soldaten töten müssen und selbst getötet werden, ist für Bernhard nur durch ihren besonderen Auftrag zu verstehen und in keiner Weise mit weltlichen Rittern zu vergleichen.

"Diese neuen Streiter fürchten niemals eine Sünde, wenn sie die Feinde erschlagen, noch die eigene Todesgefahr. Denn der Tod, den man für Christus erleidet oder auch verursacht, trägt keine Schuld an sich und verdient vielmehr den größten Ruhm. Ein Ritter Christi, sage ich, tötet in Sicherheit, und in noch größerer Sicherheit stirbt er. Der Christ rühmt sich, wenn er einen Ungläubigen tötet, weil es Christus zu Ehren kommt."

Bernhard teilt die weitverbreitete Kreuzfahrerbegeisterung seiner Zeit. Es geht schließlich darum, die heiligen Stätten der Christen vor den Heiden und Ungläubigen zu schützen. Deshalb sind die Tempelritter für ihn unverzichtbar.

"Also rückt vor, ihr Ritter, und vertreibt unerschrocken die Feinde des Kreuzes Christi in der Gewissheit, dass weder Tod noch Leben euch von der Liebe Gottes trennen können."

Es war nicht zuletzt Bernhard und seinen Werbeschriften für die Tempelritter zu verdanken, dass diese neue religiöse Lebensform vom Papst als Ordensgemeinschaft anerkannt wurde. In der entsprechenden Bulle für die Templer legt Innozenz der Zweite schließlich fest:

"Gott selbst hat euch zu Verteidigern der Kirche und Gegner der Feinde Christi gemacht."

Als Innozenz diese Bulle erließ, war er endlich nach acht Jahren Papst-Schisma nach Rom zurückgekehrt. Sein Konkurrent Papst Anaklet war 1138 gestorben und wurde nun als Gegenpapst bezeichnet, obwohl ja auch die Wahl von Innozenz keineswegs korrekt verlaufen war. Es bedurfte deshalb noch einiger Anstrengungen für Innozenz, um sich als neuer Herr der römischen Kirche zu behaupten. Zumal es in Rom nun auch immer wieder zu Rebellionen der Stadtbevölkerung kam, sodass Innozenz sich die meiste Zeit außerhalb der Ewigen Stadt aufhalten musste.

Aber nicht nur die unsichere Situation des Papstes, sondern vor allem das Aufkommen einer neuen wissenschaftlichen Theologie sollte für Bernhard von Clairvaux schon bald zu einer neuen Herausforderung werden.

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