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StartseiteKommentare und Themen der WocheHistorisch gewachsenes Durcheinander20.07.2019

Bertelsmann-Studie über KrankenhausversorgungHistorisch gewachsenes Durcheinander

Es sei falsch, auf die Ergebnisse der Bertelsmannstudie mit einer pauschalen Wissenschaftlerschelte zu reagieren, kommentiert Nikolaus Nützel im Dlf. Denn in dieser Studie stecke viel Wahres über die Krankenhausversorgung: Deutschland benötige eine gesundheitspolitische Vision.

Von Nikolaus Nützel

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Krankenhaus-Personal läuft durch einen Krankenhaus-Flur (dpa / imageBROKER / Harry Hart)
Wissenschaftlerschelte sei unangebracht, kommentiert Nikolaus Nützel. (dpa / imageBROKER / Harry Hart)
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Die Art, wie Deutschland seine Krankenhausversorgung organisiert, ist lebensgefährlich. Auf diesen etwas überspitzten Nenner lässt sich die Botschaft bringen, mit der die Bertelsmann-Stiftung für ordentlichen Aufruhr gesorgt hat. Und die Studienautoren haben auch ein Rezept, wie sich Menschenleben retten ließen: Man müsste mehr als die Hälfte aller Kliniken schließen. Denn an den verbleibenden Standorten könne dann optimale medizinische Qualität garantiert werden.

Die Zuspitzungen und Maximalforderungen der Studienautoren lassen sich in der Praxis wohl kaum eins zu eins umsetzen. Aber die Untersuchung zeigt unmissverständlich auf: Deutschlands Krankenhauslandschaft muss sich weiter deutlich verändern. Dazu ist aber mehr Mut in der Gesundheitspolitik auf Bundes- und Landesebene nötig, als sich bislang beobachten lässt.

Historisch gewachsenes Durcheinander

Heute ist die deutsche Krankenhauslandschaft ein bunter Flickenteppich, in dem – wie im gesamten deutschen Gesundheitssystem – eine Vielfalt herrscht, die bei Besuchern aus dem Ausland oft geradezu Sprachlosigkeit auslöst. Auf Bundesebene werden die wichtigsten Gesetze für die Krankenhausversorgung ausgearbeitet – wie diese Versorgung vor Ort auszusehen hat, ist aber Sache der Bundesländer.

Wenn die ihre Krankenhauspläne gestalten, geht es jedoch nicht unbedingt darum, mit klugen Strategien und langfristigem Weitblick die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten. Mindestens genauso wichtig ist es, über Jahrhunderte gewachsene Strukturen zu pflegen, bei denen Kommunalpolitiker auf die kommunalen Kliniken schauen, kirchliche oder andere sogenannte freigemeinnützige Träger achten auf ihre Häuser, und auch Unikliniken und private Betreiber müssen natürlich zu ihrem Recht kommen.

Das Ergebnis dieses historisch gewachsenen Durcheinanders: Deutschlands Krankenhäuser stehen oft nicht dort, wo es am klügsten wäre, und sie tun oft nicht das, was für die Bevölkerung am sinnvollsten wäre. Denn oft wäre es für Patienten besser, wenn sie einen etwas längeren Weg zurücklegen, um dann in einer Klinik anzukommen, wo ihr Herzinfarkt, Schlaganfall, Tumor - oder welche Erkrankung auch immer - dann von Fachleuten behandelt wird, die sich wirklich auskennen und die viel Routine haben. Und falls der Weg in Notfällen auf der Straße zu lange dauert, wäre es oft sinnvoll, mehr Rettungshubschrauber zum Einsatz zu bringen.

Kliniken als Teil der Heimat

Nun lassen sich historisch gewachsene Strukturen aber nicht einfach vom grünen Tisch aus per Knopfdruck in einen Idealzustand verwandeln. Und wenn Bürger und Patienten hören, dass dieser Idealzustand dann erreicht wäre, wenn die Zahl der Klinken in ihrer Umgebung von zehn auf fünf sinkt, dann sorgt das erst einmal für Angst und Verärgerung.

Es wäre aber falsch, auf diese Angst und Verärgerung mit einer pauschalen Wissenschaftler-Schelte zu reagieren, wie es Gesundheitspolitiker gerne tun, wenn Forscher unbequeme Befunde vorlegen. In der Studie der Bertelsmann-Stiftung steckt viel Wahres, auch wenn sich die Autoren mehr Gedanken über etwas machen könnten, das auch zur Qualität der Krankenhausversorgung gehört: die Rolle einer Klinik als Teil der Heimat.

Die Frage, wie weit der Weg zu einem Krankenhaus ist, hat nicht nur etwas damit zu tun, ob sich optimale High-Tech-Medizin verwirklichen lässt. Ein älterer, vielleicht etwas verwirrter Patient zum Beispiel, bei dem nach einem Sturz abgeklärt werden soll, ob etwas Schlimmes hinter dem Sturz steht, oder ob da jemand einfach nur hingefallen ist, ein solcher Patient ist in einem nahe gelegenen Krankenhaus, in dem ihn auch Verwandte und Freunde besuchen können, möglicherweise besser aufgehoben als in einer Großklinik - auch wenn es dort mehr Spezialisten gäbe. Auch Heimatnähe kann Qualität bedeuten.

Was Deutschland braucht, ist also eine gesundheitspolitische Vision, wie eine bestmögliche Krankenhausversorgung in zehn Jahren, 20 Jahren, 30 Jahren aussehen soll. Wenn die Gesundheitspolitik auf Bundes- und Landesebene von sich aus eine solche Vision entwickeln und umsetzen würde, dann bräuchten Gesundheitsökonomen nicht mit provokanten Studien an die Öffentlichkeit zu gehen, um die Politik an diese Aufgabe zu erinnern.

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