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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Geld, armen Kindern zu helfen, fehlt nicht22.07.2020

Bertelsmann-Studie zur ArmutDas Geld, armen Kindern zu helfen, fehlt nicht

Arme Eltern haben arme Kinder, kommentiert Uwe Lueb die Bertelsmann-Studie über soziale Benachteiligung in Deutschland. Doch beim aktivem Kampf gegen Kinderarmut und für Gerechtigkeit hat die Politik Chancen verstreichen lassen. Im Herbst könnte der Bundestag eine weitere Chance verpassen.

Von Uwe Lueb

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Kaum Geld zum Leben - ein leeres Portemonnaie (dpa / picture-alliance / Hans Wiedl)
Die Politik macht zu wenig, um armen Familien finanziell zu helfen, so der Kommentator (dpa / picture-alliance / Hans Wiedl)
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Arme Eltern haben arme Kinder. In einem der reichsten Länder der Welt, unserem, gilt jedes fünfte Kind unter 18 Jahren als arm oder armutsgefährdet. Das hat die Bertelsmann-Stiftung ausgerechnet. Fast so schlimm wie die Tatsache selbst ist, dass der Befund vermutlich kaum jemanden überrascht.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands (dpa-Zentralbild / Britta Pedersen) (dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)Kinderarmut in Deutschland - „Kinder ohne Lebensmut lassen sich nicht bilden“
Laut einer Bertelsmann-Studie sind 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche von Armut betroffen – etwa 21 Prozent. Die Armut sei hausgemacht und Deutschland reich genug, sie zu beseitigen, sagt Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband.

Etliche Ursachen sind naheliegend und seit Jahren bekannt: Zum Beispiel erschweren Kinder es ihren Eltern zu arbeiten. Insbesondere Alleinerziehende - das sind meistens Frauen - schaffen nur einen Teilzeitjob oder einen weniger qualifizierten. In der Folge haben sie oft geringere Einkommen als andere. Und: weil ihre Stellen im Zweifel als erstes verloren gehen, dürfte die Corona-Krise dieses Problem noch verschärfen.

Abgehängt vom digitalen Lernen

Dazu kommt: Überdurchschnittlich viele Hartz-IV-Kinder haben keinen Internetzugang. Vom Homeschooling in Corona-Zeiten, also der Schule zuhause über das Internet, sind sie abgehängt - von Kinobesuchen, Urlaubsreisen, manchmal sogar Klassenfahrten, sportlicher und musischer Förderung auch in Nicht-Corona-Zeiten sowieso.

Immerhin bedenkt die Bundesregierung in ihrem Konjunkturprogramm ausdrücklich arme Kinder. Die 300 Euro Extra-Kindergeld bekommen nämlich auch Eltern im Hartz-IV-Bezug. Das ist deswegen erwähnenswert, weil Kindergeld sonst mit Hartz-IV-Leistungen verrechnet wird. Gut verdienende Eltern brauchen den Zuschuss dagegen meistens gar nicht. Zudem schustert der Staat Eltern ab einem bestimmten höheren Einkommen durch den steuerlichen Kinderfreibetrag unterm Strich für ihre Kinder sowieso mehr zu als den meisten anderen.

Wie viel Armut wollen wir uns auch morgen noch leisten?

Mit Gerechtigkeit hat das wenig zu tun. Und mit aktivem Kampf gegen Kinderarmut noch weniger. Im Herbst wird der Bundestag vermutlich eine weitere Chance verstreichen lassen. Dann entscheidet er über höhere Hartz-IV-Sätze. Der geplante Zuschlag für Kinder zwischen sechs und 13 Jahren beträgt? Null.

Schon mit dem Konjunkturpaket hätte es andere Wege gegeben: Die Linken haben vorgeschlagen, die 20 Milliarden Euro für die Senkung der Mehrwertsteuer an die ärmsten Haushalte zu vergeben. 20 Millionen Haushalte hätten mit je 1.000 Euro davon profitiert. Weil sie das Geld auch wirklich ausgeben würden, hätte die Wirtschaft womöglich sogar mehr davon als von einer Mehrwertsteuersenkung. Das Geld, gerade armen Kindern mehr zu helfen, fehlt also nicht. Experten warnen, dass sich Armut vererbt. Die Frage, die wir uns als Gesellschaft daher stellen sollten, ist: Wie viel Armut wollen wir uns auch morgen noch leisten?

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