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StartseiteHintergrundDie digitalen Tagelöhner 28.09.2017

Berufsbild "Crowdworker"Die digitalen Tagelöhner

Sie schreiben Texte, kategorisieren Fotos, testen Software - am Ende erhalten sie von ihren Arbeitgebern das Geld per Mausklick: Sogenannte Crowdworker bieten ihre Dienste über das Internet an und sitzen nicht fest in einer Firma. Was für Arbeitgeber ideal ist, sorgt für prekäre Arbeitsverhältnisse.

Von Benjamin Dierks

Ein Geschäftsmann konzentriert sich auf einen leuchtenden Computer verbunden mit wirren Leitungen. (Illustration: imago / Gary Waters )
Software entwickeln, Produkte testen, Kampagnen entwerfen: Der Arbeitsplatz von Crowdworkern ist nicht selten das eigene Wohnzimmer. (Illustration: imago / Gary Waters )
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Daniel Drewitz hat es nicht weit vom Sofa in seinem Berliner Wohnzimmer bis zum Arbeitsplatz. Zwei Schritte nur muss er tun und schon sitzt er an seinem Schreibtisch. Mit ein paar Klicks landet Drewitz auf der Website "Test IO". Mithilfe dieses Anbieters können Unternehmen ihre Websites oder Apps auf ihre Funktionstüchtigkeit hin testen lassen. 

"In der Regel sind das dann Shops, Sie haben irgendeinen Internetshop, also ein Schuhgeschäft oder durchaus auch größere Marken, die ihre Seiten erneuern oder überprüfen lassen wollen."

Die Tester bei "Test IO" sind aber keine festen Angestellten, sondern selbstständige Auftragnehmer wie Daniel Drewitz, die sich von zu Hause aus, im Café oder wo sie sonst arbeiten auf der Seite einloggen. Drewitz ist hoch gewachsen, hat kurze dunkelblonde Haare, trägt T-Shirt, Jeans und eine Brille mit dünnem Rand. Er wirkt etwas blass um die Nase. Seitdem er nur noch zu Hause arbeitet, kommt er seltener aus dem Haus, sagt er. Unten links auf der Website von "Test IO" erscheinen die Namen der Unternehmen, die gerade Aufträge zu vergeben haben. Heute sind darunter ein Baumarkt, ein Blumenversandhaus und ein Online-Bekleidungsgeschäft. 

"Und dann ist der Auftrag: die und die Internetadresse und dann gibt es verschiedene Bereiche, die getestet werden sollen, Kontaktformulare, irgendwelche Produktdetailseiten, Übersichten, alle Bereiche, die ein Shop so hat. Und dann geht das los, die Zeit startet, es gibt eine Staffelung für die Fehlerkategorien, die man einreichen kann, je schwerwiegender der Fehler, desto mehr Geld gibt es. Und dann ist man sich selbst überlassen und kann loslegen."

Von simplen Kleinstaufgaben bis zu komplexen Aufträgen 

Daniel Drewitz ist ein Crowdworker. Er gehört zu einer wachsenden Zahl an Menschen, die über Plattformen wie "Test IO", "CrowdGuru" oder "Clickworker" ihre Dienste anbieten. Die Arbeiter aus der Crowd, damit ist die Schar der Internetnutzer gemeint, schreiben Texte, programmieren und testen Software, sie kategorisieren Fotos, kreieren Firmenlogos, Designs und Homepages oder entwickeln Produktideen. Es reicht von der simplen Kleinstaufgabe bis hin zu komplexen Aufträgen für Spezialisten. Dafür benötigen Unternehmen heute keine eigenen Mitarbeiter mehr, sondern sie können diese Aufgaben über die entsprechenden Online-Anbieter an private Auftragnehmer wie Drewitz auslagern, die sie meist nicht einmal kennen. Diese Form der Arbeitsvergabe wird auch als Crowdsourcing bezeichnet, angelehnt an den Begriff Outsourcing, also die Auslagerung von Unternehmensaufgaben an Drittanbieter – die in diesem Fall Privatpersonen sind. Für Unternehmen bietet das ungeahnte Möglichkeiten.

"Angenommen Sie haben eine Million Bilder, die Sie kategorisieren müssen. Wenn Sie da jetzt Ihre Mitarbeiter dransetzen, sind die Mitarbeiter bald weg, weil die sagen, ich werde hier verrückt. Wenn Sie aber diese eine Million Bilder auf 10.000 Crowdworker verteilen, dann haben sie das nicht nur erledigt, sondern auch sehr schnell, weil sie parallel arbeiten."

Sagt Martin Krzywdzinski vom Wissenschaftszentrum Berlin, kurz WZB. Der Soziologe arbeitet an einer Studie über das Phänomen Crowdwork. Dahinter steht ein großes Versprechen: egal, wie groß die Aufgabe auch ist, da draußen wartet ein Heer an bereitwilligen Arbeitskräften nur darauf, sie schnell und günstig zu erledigen. Die Crowdworker andererseits werden mit einem Freiheitsversprechen gelockt: nicht mehr zu festen Zeiten in einem Büro sitzen zu müssen, sondern zu arbeiten, wo und wann sie wollen. Das wirkt offenbar. Zumindest würden das die Rückmeldungen der bei ihm registrierten User zeigen, sagt Hans Speidel, Chef der Berliner Plattform CrowdGuru.

Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zur Vorlage bei der Krankenkasse. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)Weil "Crowdworker" selbständig sind, bekommen sie bei Arbeitsausfall im Krankheitsfall kein Geld. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
"Das finden sie am tollsten. Das ist eine der Hauptmotivationen für die, für uns zu arbeiten, weil sie einfach komplett in ihrer Selbstbestimmung frei sind." 

Freiheit und Selbststimmung versus Rentenversicherung und Urlausbgeld

Unbegrenzte Ressourcen für die einen, Freiheit und Selbstbestimmung für die anderen – soweit das Idealbild. In der Realität aber zeigen sich schnell die ersten Risse, angefangen mit dem sozialen Status der Crowdworker. Anders als herkömmliche Mitarbeiter in Unternehmen sind die Crowdworker nicht angestellt, sondern offiziell selbstständig. Sie sind somit nicht über einen Arbeitgeber kranken- und sozialversichert, zahlen nicht in die staatliche Rentenversicherung ein und haben keinen Anspruch auf Mindestlohn. Urlaubsgeld gibt es für sie genauso wenig wie eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Risiko und Verantwortung werden ausschließlich auf die Crowdworker abgewälzt. Das bringt Gewerkschafter und Arbeitsrechtler auf den Plan. Sollte sich das Modell weiter ausbreiten, könne das Arbeitnehmerrechte insgesamt schwächen und Unternehmen mit regulären Angestellten unter Druck setzen, fürchten sie.

"Crowdwork steckt bisher vielleicht noch in den Kinderschuhen, hat aber das Potenzial, den Arbeitsmarkt gründlich durcheinanderzubringen. Wenn die Plattformökonomie mit ihrem Modell des selbstständigen Auftragnehmers weiter wächst, werden immer mehr Menschen arbeiten, ohne die Rechte, den Schutz und die Leistungen des Angestelltendaseins zu haben."

Die US-amerikanische Juristin Wilma Liebman von der Rutgers Univerity in New Jersey ist ehemalige Vorsitzende des National Labour Relations Board, der Arbeitsaufsichtsbehörde der USA. Sie hat die Auswirkungen von Crowdwork auf den US-Arbeitsmarkt für eine Studie des gewerkschaftsnahen Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeitsrecht in Frankfurt am Main untersucht. In den USA ist das Phänomen bereits weitverbreitet. Vorreiter war die Crowdsourcing-Plattform des Onlineversandhauses Amazon. Das Bundesarbeitsministerium versucht derzeit über Studien herauszufinden, wie viele Crowdworker in Deutschland arbeiten, und gibt als Zwischenstand an, dass es rund ein Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind. CrowdGuru zum Beispiel zählt 50.000 registrierte "Gurus", wie man dort die Zuarbeiter kumpelhaft nennt.
Der IG Metall zufolge haben 32 Crowdsourcing-Plattformen wie CrowdGuru einen Geschäftssitz in Deutschland. Die Gewerkschaft setzt sich besonders für Crowdworker ein. Die IG Metall hat 2016 eigens die Satzung geändert, damit auch sogenannte Soloselbstständige Mitglied werden können. Die Gewerkschaft erwartet, dass Crowdwork einen erheblichen Einfluss darauf haben wird, wie Unternehmen Arbeit künftig organisieren, sagt Christiane Benner, zweite Vorsitzende der IG Metall.

"Crowdworking ist in verschiedener Hinsicht der Nukleus neuer Beschäftigungsformen im digitalen Zeitalter."

Oliver Suchy, Leiter des Projekts "Arbeit der Zukunft" beim DGB-Bundesvorstand, greift die Kritik an Crowdwork auf:

"Da gibt es Leute, die sagen, in Zukunft haben wir keinen Arbeitsplatz mehr, sondern nur noch einen Arbeitseinsatz. Und das ist dann das höchste Maß der Flexibilisierung von Arbeit."

Erfolgsprämie statt Stundenlohn

Sieht sie also wirklich so aus, die digitale Arbeit der Zukunft. Ausgelagert, rund um die Uhr verfügbar, verrichtet von Selbstständigen ohne feste Arbeitsverträge, Verhandlungsmacht und soziale Absicherung? Crowdworker Daniel Drewitz hat sich durch die Arbeitsangebote auf der Plattform "Test IO" geklickt und beschlossen, dass sein Arbeitseinsatz im Moment nicht viel bringen würde. Die ausgeschriebenen Software-Tests laufen bereits seit einigen Stunden und Drewitz kann anhand einer Liste sehen, dass schon eine Reihe an Fehlern gefunden wurde.

"Sie haben dann in einem Test 15 bis 20 Andere, die testen. Und jeder Fehler wird natürlich nur einmal angenommen. Also, wenn Sie jetzt die Suchfunktion haben, die nicht funktioniert, und da war aber jemand eine Minute schneller, haben Sie Pech gehabt."

Auch dieses Risiko trägt Drewitz als Auftragnehmer: Er wird meist nicht pauschal etwa nach Zeit oder Volumen der getesteten Website bezahlt, sondern erhält lediglich eine Erfolgsprämie pro erstmalig gemeldetem Fehler.

"Je länger der Test schon läuft, desto größer ist das Risiko, leer auszugehen und nichts Neues mehr zu finden."   

Ganz so frei in der Wahl seiner Arbeitszeit, wie es viele Plattformanbieter suggerieren, ist Drewitz also nicht, zumindest dann nicht, wenn die Arbeit sich lohnen soll.

"Also optimal ist es wirklich, wenn man denn kann zeitlich, dass man dann anfängt, wenn auch der Test startet."

Mit dieser Erfahrung komme er mittlerweile auf einen durchschnittlichen Stundenlohn von rund 16 Euro, sagt der der Ingenieurstudent. Genug, um die Miete zu bezahlen und sein Studium zu finanzieren – und ein guter Schnitt für einen Crowdworker. Für viele der Kleinstaufgaben auf anderen Plattformen, die in wenigen Minuten zu erledigen sind, gibt es lediglich einige Cent. Daneben gibt es  in der Online-Community der Plattformen Ranglisten oder Auszeichnungen für besonders fleißige Mitarbeiter. Daniel Drewitz steht im Ranking bei Test IO unter den Besten. 

"Aber das wird halt auch als Ersatzwährung benutzt, um nicht mehr zu zahlen, so sehe ich das dann manchmal, und das ist dann schon kritisch." 

"Es sind keine Rechte, die die Crowdworker haben"

Plattformbetreiber geben an, dass geübte Mitarbeiter bei ihnen mindestens auf den gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro kämen, wenn man die Bezahlung pro Aufgabe und die dafür benötigte Zeit überschlage.

"Aber dennoch ist es so ein bisschen Gutdünken der Plattformen. Es sind keine Rechte, die die Crowdworker haben. Und da ist eben der Punkt, der in Zukunft die Auseinandersetzung sein wird."

Sagt Christine Gerber vom Wissenschaftszentrum Berlin, die gemeinsam mit Martin Krzywdzinski an der Crowdwork-Studie arbeitet. Im Sommer des vergangenen Jahres gab es bereits eine solche Auseinandersetzung: In London fuhren im August 2016 Fahrer des Essenslieferanten Deliveroo keine Pizza oder Currygerichte aus, sondern kurvten mit ihren Motorrollern in Kolonne zum Firmensitz in der Innenstadt. Der Grund für den Aufruhr war, dass Deliveroo die Bezahlweise ändern wollte. Die Lieferanten sollten kein pauschales Honorar mehr erhalten, sondern pro Lieferung bezahlt werden. Das wollten die nicht mitmachen und forderten den Mindestlohn.

Auch in Deutschland und anderswo organisieren sich seither Lieferfahrer. Wie die Crowdworker gehören viele von ihnen zur so genannten Plattformökonomie. Sie verrichten die Arbeit zwar nicht ortsungebunden am Computer, sondern sind mit der Essenslieferung an ihre Stadt und die Lieferroute gebunden – ähnlich wie Putzkräfte, private Taxifahrer oder auch Handwerker, die über Plattformen vermittelt werden. Das Prinzip ist ansonsten ähnlich: Selbstständige Auftragnehmer erhalten ihre Arbeit über die Online-Vermittlung, stellen Arbeitsmittel wie Fahrräder, Autos oder Werkzeug selbst, haben selten Einfluss auf die Preisgestaltung und zahlen keine Sozialabgaben. Das setze nicht nur sie unter Druck, sondern auch Wettbewerber am Markt, sagt Oliver Suchy vom DGB.

"Wenn zum Beispiel eine Plattform sagt, ich biete Dienstleistungen im Haushalt an oder Handwerksdienstleistungen und ich bestimme die Preise. Ich zahle aber für die Beschäftigten gar nichts an Sozialversicherung, an Steuern etc., weil die sind ja alle selbstständig. Damit löst man natürlich Dumpingprozesse aus, die andere Handwerks- oder Dienstleistungsbetriebe, die normale Angestellte haben, wahnsinnig unter Druck setzt."

Eine Reinigungskraft vom Online-Reinigungsdienst Homejoy putzt am 04.11.2014 in einer Wohnung in Berlin. (dpa/Jens Kalaene)Vielen Putzkräften geht es wie "Crowdworkern": Sie erhalten ihre Arbeit über Online-Plattformen, zahlen keine Sozialabgaben und haben keine Einfluss auf die Bezahlung. (dpa/Jens Kalaene)

Eine zentrale Frage ist, ob Crowdworker und andere Beschäftigte in der Plattformökonomie wirklich selbstständig sind und die Plattformen wirklich nur Vermittler - oder ob nicht doch eine Art Verhältnis von Arbeitnehmer und Arbeitgeber besteht.

"Wenn sie nämlich für eine Plattform quasi ausschließlich arbeiten, wenn sie die Preise nicht selbst bestimmen können, wenn sie kontrolliert werden, über Technik gesteuert werden, bewertet, gerankt, gescreent werden, all diese Umstände zeigen eigentlich, dass es mit wirklich selbstständiger Arbeit, wie wir sie kennen, wenig zu tun hat." 

Ein Verhaltenskodex für den Umgang mit Crowdworkern

Einige Vermittler von Reinigungskräften oder Lieferdienste haben ihre Mitarbeiter inzwischen fest angestellt. Die meisten Crowdsourcing-Plattformen tun aber alles, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, es bestünde ein abhängiges Arbeitsverhältnis. Bei Hans Speidel, dem CEO von CrowdGuru, hört es sich eher so an, als schauten die Crowdworker vor allem aus Freude auf der Plattform vorbei.

"Also Leute, die einfach so öfter im Internet unterwegs sind, da Spaß haben, auch am Computer zu sitzen und mal Freiräume haben, Freizeiten und sich noch ein paar Euro dazuverdienen wollen."

CrowdGuru gehört allerdings zu den Plattformen, die sich bemühen, Mitarbeitern und Gewerkschaften entgegenzukommen. Speidel ist seit einiger Zeit im Gespräch mit der IG Metall und hat einen mit deren Hilfe erstellten Verhaltenskodex unterzeichnet, der dem Umgang mit Crowdworkern regeln soll. Dieser Kodex hält zum Beispiel fest, dass Auftragnehmer regelmäßig – mindestens einmal im Monat – ihr Honorar erhalten und dass in einem fairen Prozess auf deren etwaige Beschwerden reagiert werden soll.
Kerstin Eschrich ist eine derer, die regelmäßig für CrowdGuru arbeiten. Die gebürtige Thüringerin hat Soziologie studiert, sich danach aber auf Suchmaschinenoptimierung und Webdesign spezialisiert. In ihrer Potsdamer Wohnung hat sie sich einen Arbeitsplatz auf dem Flur eingerichtet.

"Das ist so mein kleiner Bereich. Und dann habe ich hier das Lämpchen immer an."

Seitdem sie arbeitslos ist, verdient Eschrich sich mit Crowdwork 300 bis 400 Euro monatlich zum Arbeitslosengeld dazu.

"Ich finde, es ist eine gute Form, auf dem Arbeitsmarkt zu bleiben und dran zu bleiben an seinem Tätigkeitsfeld. Und diese Flexibilität finde ich ganz schön, dass man sich einloggen kann ins System und schaut sich die Jobs an, ich schreibe hauptsächlich Texte."

Eschrich mag auch, dass CrowdGuru persönlichen Kontakt zu den Auftragnehmern hält und nach der Qualitätskontrolle Feedback zu den Texten gibt. Sie hofft aber, dass sie bald wieder einen festen Job hat, denn richtig wertgeschätzt fühlt die junge Frau ihre Arbeit zumindest finanziell nicht. Sie hat einen Vergleich, weil sie auch für einen festen Kunden direkt Texte schreibt.

"Für dieselbe Menge, die ich dort schreibe, kriege ich das, was preislich eigentlich angemessen ist, was man eigentlich für so einen Text kriegen müsste. Aber ich glaube, da würde keiner mehr diese Portale  buchen, wenn jeder das verlangen würde. Es würde sich nicht mehr rentieren, für die Kunden nicht und nicht mehr für die Portale."

Ökonomen sehen Auswirkung der Crowdwork gelassen

Sind es am Ende also doch vor allem die niedrigen Arbeitskosten, über die die Crowdsourcing-Portale im Wettbewerb bleiben? Und können sie den Arbeitsmarkt verändern?

"Eine Plattform, die, weil sie eine neue Dienstleistung anbietet oder die innovativer oder passgenauer anbieten kann, weil sie als Plattform anders agieren kann als ein stationäres Unternehmen, das ist gerechtfertigt, wenn es nur darüber geht, dass man den Preis von anderen unterbieten kann, dann ist Plattform, glaube ich, nicht das Modell der Zukunft."

Sagt Thorben Albrecht, Staatsekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Das Arbeitsministerium hat Unternehmen befragt und herausgefunden, dass eine überschaubare Zahl Crowdsourcing nutzt. Ein Prozent sind es demnach insgesamt und in der onlineaffinen Informations- und Kommunikationsbranche rund fünf Prozent. Ökonomen sehen die Auswirkung der Crowdwork insbesondere angesichts des stabilen deutschen Arbeitsmarkts gelassen. Gert Wagner ist Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): 

"Man muss sich vielleicht um die Lebenssituation einzelner Crowdworker Gedanken machen, aber dass dadurch die Erwerbstätigkeit, wie wir sie traditionell kennen, verschwindet, da sehe ich im Moment überhaupt keine Anzeichen."    

Aber Folgen für Unternehmen und Beschäftigte hat diese Arbeitsvermittlung über die Online-Netzwerke womöglich doch – wenn sie sich auch nicht immer gleich anhand von Beschäftigtenzahlen ablesen lassen, zumal flexibleres Arbeiten mit der Abkehr von Kernarbeitszeit und Anwesenheitspflicht im Büro in vielen Betrieben diskutiert wird. Die IG Metall will bei den anstehenden Tarifverhandlungen durchsetzen, dass Arbeitnehmer mehr über ihre Arbeitszeiten mitbestimmen können. Darüber hinaus glaubt Christine Gerber vom Wissenschaftszentrum Berlin, dass Crowdwork für die Wirtschaft ein großes Experimentierfeld ist.

"Ich denke, dass da einfach Organisationsformen und Regulationsformen von Arbeit geübt werden, die anwendbar sind auf Betriebe."

Und das könnte auch unerfreuliche Folgen für Beschäftigte haben: Die Tätigkeit von Crowdworkern wird zum Beispiel teils schon während der Arbeit von Computerprogrammen auf Fehler und Qualität getestet. Plattformen geben zudem unbezahlte Arbeitsanreize wie Mitarbeiterranglisten und die Bewertung der Beschäftigten untereinander. So etwas könne für viele Unternehmen interessant ein. Der Autobauer Daimler hat bereits angekündigt, einen Teil seiner Beschäftigten aus den bisherigen Arbeitsstrukturen zu lösen und sie der Crowdwork ähnlich als  Schwarm organisiert an Themen wie autonomes Fahren, E-Mobilität und Digitalisierung arbeiten zu lassen. Das IT-Unternehmen IBM hat ebenfalls bereits mit interner Crowdwork experimentiert, vorerst allerdings erfolglos. Christine Gerber vom Wissenschaftszentrum Berlin:

"Ich glaube trotzdem, dass es uns auch in Zukunft begleiten wird, dass Teams vielleicht auch grenzübergreifend in großen Konzernen so miteinander Projekte machen werden oder auch gegen Freelancer von außen ins Verhältnis gestellt werden." 

Crowdwork mag sich bislang nicht gravierend auf dem Arbeitsmarkt niederschlagen. Angestellte müssen nicht in großer Zahl ihr eigener Unternehmer werden, wenn sie nicht wollen. Aber was in der Crowd geübt wird, das dürfte künftig in der einen oder anderen Form auch in manch herkömmlichem Unternehmen zu spüren sein.  

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