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StartseiteInterview"Und dann stimmte nichts mehr"02.03.2015

Besatzungskinder nach dem Zweiten Weltkrieg"Und dann stimmte nichts mehr"

Ute Baur-Timmerbrink erfuhr mit 52 Jahren, dass ihr Vater Soldat der US-Armee war. Das habe ihr Leben auf den Kopf gestellt, sagte die Autorin im Deutschlandfunk. Heute hilft sie anderen Besatzungskindern, ihre Väter zu finden.

Ute Baur-Timmerbrink im Gespräch mit Jasper Barenberg

(Christoph-Links-Verlag)
Ute Baur-Timmerbrink hat in Ihrem Buch Besatzungskinder aus Deutschland und Österreich porträtiert. (Christoph-Links-Verlag)
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Ute Baur-Timmerbrink habe in ihrer Kindheit immer geahnt, dass etwas nicht stimmte. "Ein Kind spürt, ob es geliebt wird, oder ob es da ist, aber keine wirkliche Zuwendung bekommt", sagte sie im Deutschlandfunk.

Nach dem Tod ihrer Eltern klärte eine Freundin der Mutter sie darüber auf, dass ihr Vater in Wahrheit ein US-Soldat war. Unter dieser Tatsache sei sie fast zusammengebrochen, sagte Baur-Timmerbrink. Gleichzeitig sei es nach den Jahren der Unsicherheit eine enorme Erleichterung gewesen. Wütend sei sie nicht gewesen, weder auf die Eltern noch auf die Familie, die ihr die Wahrheit verschwiegen hatte. Den Vater in den USA lernte sie nach einer intensiven Suche nicht mehr persönlich kennen. Er starb nach einem kurzen Briefkontakt. 

Unterstützung anderer Besatzungskinder

Im Buch "Wir Besatzungskinder" porträtiert Baur-Timmerbrink Besatzungskinder aus Deutschland und Österreich. Sie unterstützt Menschen bei der Suche nach ihrem Soldatenvater und hat bisher etwa 200 Familienzusammenführungen begleitet.

Die Erfolgsquote der Zusammenführungen liege bei 50 Prozent, sagte Baur-Timmerbrink. Viele Familien in den USA wollten keinen Kontakt. Gelinge ein Kennenlernen, ändere das für die Kinder alles - als ob sie ihr Leben lang auf einem Bein gestanden hätten und plötzlich auf beiden Beinen ständen, so die Autorin.


Das komplette Interview zum Nachlesen:

Jasper Barenberg: Lange war es ein Tabu und ist bis heute deshalb ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Nachkriegsgeschichte, dass in den Jahren nach 1945 hunderttausende Kinder geboren wurden, deren Väter Soldaten der alliierten Besatzungstruppen waren. Viele dieser Besatzungskinder haben ihren Vater aus den USA, aus Großbritannien, Frankreich oder Russland nie kennengelernt, weil ihre Mütter nicht darüber sprechen wollten, oder nicht darüber sprechen konnten. Auch Ute Baur-Timmerbrink fand erst mit 52 Jahren heraus, dass ihr Vater ein amerikanischer GI war. Lange hat sie nach ihm gesucht; heute hilft sie anderen Besatzungskindern bei dem Versuch, Kontakt aufzunehmen. Darüber und über ihre eigene Geschichte hat Ute Baur-Timmerbrink ein Buch geschrieben.

- Jetzt ist sie uns aus Berlin zugeschaltet. Schönen guten Morgen.

Ute Baur-Timmerbrink: Guten Morgen!

Barenberg: Sie sind nach dem Krieg in Österreich geboren und Sie schreiben, dass Sie schon früh das Gefühl hatten, dass irgendetwas nicht stimmt, dass Sie nicht erwünscht sind. Wie haben Sie das als Kind erlebt?

Baur-Timmerbrink: Ich war ein Einzelkind und ich habe mich viel mit mir selbst beschäftigen müssen und war immer sehr neugierig, habe Gesprächen zugehört. Die Erwachsenen haben meistens gar nicht wahrgenommen, dass ich irgendwie auch dabei war. Und ich habe dann vieles gehört, was mich nachdenklich gemacht hat. Und besonders war es für mich: Ich habe mich immer sehr alleine gefühlt.

Barenberg: Sie zitieren in Ihrem Buch ja ein Besatzungskind mit den Worten: "Die ganzen Jahre war es wie auf einem Bein zu stehen und zu versuchen, Haltung zu bewahren, wenn man nicht weiß, wo man eigentlich herkommt, wer man ist." Ist das so eine typische Erfahrung, die Besatzungskinder oft gemacht haben im Nachkriegsdeutschland?

Baur-Timmerbrink: Das höre ich von allen. Diese Unsicherheit, die ist in einem. Ein Kind spürt, ob es wirklich geliebt wird, ob es angenommen wird, ob es Aufmerksamkeit bekommt. Oder ob es eigentlich zwar da ist, versorgt wird mit Essen und Trinken, aber keine wirkliche Zuwendung bekommt.

Barenberg: Sie hatten dann einen Verdacht, Sie hatten Vermutungen. Sie haben gerade erwähnt, dass Sie auch Gespräche mitgehört haben, dass da manches auffällig war und nicht erklärbar, nicht verstehbar für Sie. Sie haben dann erst nach dem Tod Ihrer Eltern von einer Freundin erfahren, dass Ihre Mutter nach dem Krieg diese Beziehung zu einem US-Soldaten hatte. Haben Sie eine Ahnung, können Sie uns erklären, warum Ihre Mutter nie mit Ihnen darüber sprechen konnte?

Baur-Timmerbrink: Mutter konnte mit mir nicht darüber sprechen

Baur-Timmerbrink: Da habe ich nicht wirklich eine Erklärung dafür. Ich habe meine Mutter wahrgenommen als einerseits eine sehr lebendige, attraktive Frau, aber eigentlich nur im Umgang mit anderen Menschen, bei Einladungen und so weiter. Ansonsten war sie zutiefst depressiv und hat eigentlich immer wieder eher gesagt, ach Kind, was weißt Du denn, wenn ich sie getröstet habe. Ich war die Trösterin. Dass sie mit mir nicht darüber sprechen konnte, kann ich heute sehr gut verstehen. Wahrscheinlich waren es doch viele traumatische Erlebnisse, die sie hatte.

Barenberg: Wie haben Sie reagiert, als Sie erfahren haben, dass Sie mit Ihren Vermutungen, mit Ihrem Verdacht richtig lagen? War das zunächst Wut? War das Neugier, wer Ihr wirklicher Vater ist?

Baur-Timmerbrink: Nein, beides nicht. Es war erst mal ein fast Zusammenbrechen unter dieser Tatsache, was ich da gehört habe. Es stimmte nichts mehr. Ich hatte das Gefühl, mein Leben war auf den Kopf gestellt. Aber was das viel größere Gefühl war, war das Gefühl einer Erleichterung, denn ich hatte mich in den Jahren seit vier, fünf Jahren vorher intensiv immer wieder damit beschäftigt, was war damals, was war mit meiner Kindheit, mit meinen Eltern, stimmt es, die Vermutung, habe ich einen anderen Vater. Und in dem Moment, als ich das gesagt bekam, dass es so ist, war es ein unglaubliches Gefühl auch von Befreiung. Ich hatte mich nicht in meinen Gefühlen getäuscht und ich hatte meinen Eltern nicht Unrecht getan mit meinen Gedanken, die ich immer wieder hatte, habt ihr mich belogen. Es war die Wahrheit.

Barenberg: Ich habe es erwähnt: Eine Freundin hat Ihnen sozusagen gestanden, dass es so ist, wie Sie vermutet haben. Wenn man davon ausgeht, dass in Ihrem Umfeld einiges davon bekannt war, sind Sie heute sauer, enttäuscht auch von Ihrem persönlichen Umfeld, dass da niemand sich überwinden konnte, mit Ihnen darüber zu sprechen?

Baur-Timmerbrink: Nein. Ich habe auch zu Anfang keine Wut gehabt, weder auf meine Eltern, noch auf die Familie, die es gewusst hat und es mir nicht gesagt hat. Und ich habe oft da auch Andeutungen gemacht und gefragt, wisst ihr irgendwas, warum es bei uns so anders war. Es wurde immer abgelehnt. Aber Wut habe ich keine, überhaupt nicht. Ich habe versucht, zu verstehen, und das gebe ich heute an andere Besatzungskinder immer wieder auch weiter. Wir müssen versuchen, die damalige Situation zu verstehen.

Barenberg: ... , weil das besonders schwer ist für diese Besatzungskinder, Verständnis zu entwickeln?

Baur-Timmerbrink: Für alle, für alle. Der Moment immer, warum hat meine Mutter mir nicht die Wahrheit gesagt, der quält alle. Für mich liegt in dem Buch die Hoffnung, dass es Mütter lesen oder Verwandte und verstehen, dass wir nicht wütend sind und keine Schuldzuweisungen machen, aber sie könnten die Wahrheit sagen, solange sie noch leben. Und das würde die Suche nach dem Vater erheblich erleichtern.

Erstklässler, darunter mehrere Besatzungskinder, sitzen an ihrem ersten Schultag im Klassenzimmer. (picture alliance / dpa - Koll)Erstklässler, darunter mehrere Besatzungskinder, sitzen an ihrem ersten Schultag im Klassenzimmer. (picture alliance / dpa - Koll)

Barenberg: Ihre Suche hat sehr lange gedauert und Sie sind ihm am Ende auch gar nicht mehr begegnet. Das ist eine sehr lange Geschichte. Können Sie uns eine Ahnung davon geben, warum das so schwierig war, dann herauszufinden, wer Ihr wirklicher Vater ist und wo Sie ihn möglicherweise treffen können?

Baur-Timmerbrink: Weil ich zuerst den falschen Namen bekommen habe. Mit dem Namen war gar nichts zu machen. Mit dem Namen, den ich bekommen habe von einer Freundin meiner Mutter in Österreich, war die Suche nicht zu machen. Den Menschen gab es nicht. In der Zeit war ich dann doch so hartnäckig und wollte da dran bleiben und habe halt weiterrecherchiert und habe mit viel Glück und mehr und mehr wirklich alles für wichtig erachtet, die kleinsten Informationen. Und die haben letztlich das Bild ergeben.

Barenberg: Wie bedauerlich finden Sie es, dass Sie ihn nicht mehr treffen konnten?

Baur-Timmerbrink: Das finde ich sehr bedauerlich. Ich hatte ja mit ihm Briefkontakt, er hat mir zweimal ja auch geantwortet, sehr freundlich, hat allerdings nicht gesagt, dass er mein Vater ist, sondern hat im Gegenteil noch geschrieben, er kannte meine Mutter gar nicht, was ich nicht geglaubt habe. Ich denke, es wäre sicher gut gewesen, wenn wir uns kennengelernt hätten. Aber jetzt ist es so: Ich helfe anderen, freue mich mit all denen, die ihre Väter finden, und habe einige Väter auch selber dabei kennengelernt.

Etwa 200 Familienzusammenführungen

Barenberg: Sie haben mir gesagt, dass Sie etwa 200 Familienzusammenführungen - so haben Sie es genannt - erlebt und begleitet haben. Wie oft erleben Sie es denn, dass diese Väter dann keinen Kontakt wünschen, den Kontakt ablehnen?

Baur-Timmerbrink: Erst mal muss man sagen, dass viele dieser Väter nicht mehr leben. Bei dem Begriff Familienzusammenführung gelingt es uns, Geschwister, Halbgeschwister zu finden, die oft dann sehr schnell bereit sind, den Kontakt zu dem jeweiligen Besatzungskind auch wahrzunehmen. Oder sie bestätigen das, weil sie davon wussten, weil der Vater davon erzählt hat, oder sie haben auch Briefe, Fotos gefunden und konnten das zuordnen. Das sind zwei Dinge. Wir müssen auf der anderen Seite ganz klar sagen: Wir haben sicher 50 Prozent Erfolg und 50 Prozent Misserfolg. Viele Familien in Amerika wollen keinen Kontakt.

Barenberg: Wenn diese Familien den Kontakt zulassen, wenn sie sich vielleicht auch überwinden, diesen Kontakt zu suchen und zu gestatten, welche Wunden heilt das dann bei den Besatzungskindern?

Baur-Timmerbrink: Alle! Alle Wunden! Die sind alle danach, sie sprechen alle davon, und das habe ich auch im Buch beschrieben, oder in den Porträts wird das ja beschrieben. Es ist für alle ein ganz, ganz großes Gefühl von Befreiung. Und dann trifft genau das Zitat: Sie können endlich auf beiden Beinen stehen.

Barenberg: Sie sagen, dass Sie jede Woche noch Anfragen, neue Anfragen bekommen.

Baur-Timmerbrink: Ja.

Barenberg: Jeden Tag quasi. Haben Sie eine Erklärung dafür - das sind Menschen heute in ihren 60er-, 70er-Jahren -, warum jetzt dieses Bedürfnis so groß geworden ist?

Baur-Timmerbrink: Einmal ist es mehr bekannt geworden, es ist mehr thematisiert worden ja schon in den letzten Jahren. Dann ist es einfach auch, in diesem Alter fängt man an, über sein Leben nachzudenken. Und man hat die Zeit dazu. Sie können sich die Zeit nehmen, über Vergangenes nachzudenken. Und dann wird der Wunsch, der eigentlich immer wieder verschüttet war, man hat daran gedacht, man hat es probiert, aber der wird immer stärker. Und wenn dann natürlich von Erfolgen die Rede ist, dass man es liest in Zeitungsartikeln, wo das häufiger ja schon war, dass eine erfolgreiche Recherche von mir über GI-Trays, dass die dann auch in entsprechenden regionalen Zeitungen bekannt waren. Dann ist der Wunsch da und die Hoffnung da, vielleicht gelingt es mir auch. Ich habe erst heute Morgen eine E-Mail bekommen aus München von einer Frau, die 68 Jahre ist und mir schreibt, 45 Jahre habe ich den Wunsch, meinen Vater zu finden, und habe vieles versucht, können Sie mir helfen. Solche E-Mails erreichen mich jede Woche mehrere.

Barenberg: "Wir Besatzungskinder. Töchter und Söhne alliierter Soldaten erzählen", so heißt das Buch von Ute Baur-Timmerbrink, in dem sie nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern die vieler anderer Besatzungskinder erzählt. Heute wird es ausgeliefert, morgen ist es im Buchhandel erhältlich. Frau Baur-Timmerbrink, ganz herzlichen Dank für Ihr Gespräch.

Baur-Timmerbrink: Danke.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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