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StartseiteTag für TagDer Öko-Tod12.02.2019

Bestattungen und FriedhöfeDer Öko-Tod

Auf dem Friedhof nisten seltene Vogelarten, der Sarg wird mit biologisch abbaubarem Lack überzogen: Wer ein Leben im Zeichen des Bio-Siegels geführt hat, kann auch darauf achten, dass nach dem Tod der ökologische Fußabdruck klein bleibt.

Von Kristin Häfemeier

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Gräber auf einem Friedhof (Daniel Karmann/dpa)
Die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover will Biodiversität auf Friedhöfen fördern (Daniel Karmann/dpa)
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"Alle Hecken müssen weg oder? - Ja das hätte den Vorteil, wenn sie alle gleichzeitig vertrocknen, dass man sie alle gleichzeitig herausreißen könnte. - Ja, ja genau."

Planungsrundgang auf dem Friedhof in Meinerdingen bei Walsrode. Friedhofsverwalterin Siiri Eggers lässt sich von Ulrike Wolf beraten. Sie ist Umweltreferentin bei der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover. Die typischen Friedhofshecken sind ein Problem, erklärt Ulrike Wolf. Denn die Thuja-Hecke bietet für Tiere keinen Lebensraum.

"Da kann sich wieder keiner von den Blättern ernähren. Da gehen keine Fraßinsekten dran. Deshalb freut das den Gärtner an sich, denn man sieht keine Fraßschäden. Aber Fraßschäden sind immer auch ein Zeichen für Vielfalt, dafür, dass sich jemand von dieser Pflanze ernährt. Deshalb pflanzt man dann auch heimische Gehölze, dass halt die sogenannten Schadinsekten was haben. Denn sie sind wichtig, dass die Vögel ihre Jungen mit Insekten füttern können.

Friedhöfe umgestalten

Der Friedhof in Meinerdingen ist einer von neun Friedhöfen, auf denen die Landeskirche in Zukunft die Biodiversität fördern möchte. Dazu werden gleich mehrere Bereiche des Friedhofs umgestaltet –auch eine Freifläche im hinteren Teil. Heute wachsen dort Feuerdorn, Rhododendron, Lorbeerkirsche – alles wild durcheinander. In Zukunft lautet das Motto: Bestattungen im Birkenhain. Neben den Birken sollen hier vor allem Lebensräume entstehen, erklärt Friedhofsverwalterin Siiri Eggers.

"Hier wollen wir gezielt Nistplätze schaffen durch Totholzstapel und Lesesteinhaufen, also das sind halt Findlinge, die aufgeschüttet werden, um Kleintieren Unterschlupf zu bieten."

Ein Igel im Herbstlaub (imago stock&people/ blickwinkel)Igel, Vögel und andere Tiere sollen mehr Lebensraum auf Friedhöfen bekommen (imago stock&people/ blickwinkel)

Der Totholzstapel heißt auch Benjeshecke. Er ist nichts anderes als ein Stapel von Ästen und Strauchschnitt. Unten beginnt er im Laufe der Zeit zu verrotten. Oben kommen immer wieder neue Zweige drauf. Das Ergebnis: ein mehrstöckiges Wohnhaus für allerlei Tiere. Ulrike Wolf:

"Unten freut sich der Igel, wenn er da eine Höhle hat. Mäuse finden in so einer Ecke auch Platz, was dann auch wichtig ist, wenn man Raubvögel haben will. Weiter oben findet man dann die Nester von Vögeln. Und es wohnen einfach wahnsinnig viele Insekten in so einer Benjeshecke. Sehr, sehr viele Spinnen. Manchmal kommt vielleicht auch noch eine Eidechse dazu, wenn es sonnig genug ist."

Förderung durch EU und Land Niedersachsen

An einem Ort von Tod und Trauer das Leben zu fördern, ist für Ulrike Wolf kein Widerspruch. Im Gegenteil:

"Wenn wir den Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung als Christen tatsächlich ernst nehmen, dann müssen wir etwas auf unseren Flächen tun. Denn wenn eine einzelne Art verloren geht, wenn sie ausstirbt, dann fehlt ein Mosaikteil in einem Biotop. Das heißt dieses ganze komplizierte Wechselgeflecht, diese Wechselbeziehung zwischen den Arten ist gestört. Jeder muss was tun. Auch Kirchengemeinden."

Bis 2021 fördern die EU und das Land Niedersachsen das Projekt mit 600.000 Euro – für die Friedhöfe ein Glücksfall. Denn durch den Trend zur Urnenbestattung haben sie finanzielle Probleme. Urnen brauchen weniger Platz, das heißt, es gibt viele Freiflächen, für die niemand bezahlt. Im Gegenteil: für deren Pflege zahlen die Friedhofsbetreiber selber. Durch dieses Problem hatte Ulrike Wolf im Gespräch mit den Friedhöfen gute Argumente.

"Wir bieten euch eine Lösung an. Denn wenn ihr artenvielfältig gestaltet, wenn ihr naturnah gestaltet, dann bekommt ihr mehr Publikum. Die Leute werden sich für eure Friedhöfe mehr interessieren. Denn diese Naturnähe ist gerade Trend. Das spiegelt sich darin wieder, dass diese Friedwälder wie Pilze aus dem Boden wachsen. Und indem man naturnah gestaltet, kann man das eben auch auf die kirchlichen Friedhöfe bringen."

Birkenhain, Heidegarten, Blumenwiese

Auf dem Friedhof Meinerdingen wird es neben dem Birkenhain auch eine Blumenwiese oder einen Heidegarten als Bestattungsort geben. Der zukünftige Heidefriedhof liegt eingebettet zwischen großen Familiengrabstätten. Ein idealer Ort, findet Siiri Eggers.

"Das ist ein Ansatz, der total wichtig ist, auch weiterzudenken. Also was passiert wenn die Familiengräber zurückgegeben werden? Dass man hier dann auch wirklich die Möglichkeit nutzen kann, diese Flächen auch umzugestalten, also zum Beispiel als Heidegarten zu ergänzen. Aber das muss dann auch so ein bisschen von der Nachfrage abhängig gemacht werden."

Noch steht das Projekt ganz am Anfang. Dass Kunden sie gezielt auf eine ökologisch nachhaltige Bestattung ansprechen, hat Siiri Eggers noch nicht erlebt.

"Sagen wir es mal anders herum – also wenn jemand sich für diese Nachhaltigkeit interessiert, der ist natürlich hier dann richtig aufgehoben. Wenn wir damit dann eine kleine Nische treffen: umso besser."

Nachhaltige Bestattung: Schadstoffe reduzieren

Diese Nische hat sich auch Bestatter Stefan Burmeister gesucht. Sein Unternehmen Wiese-Bestattungen, berät Kunden, wie sie bei der Beerdigung einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Doch gerade bei der Frage nach Feuer- oder Erdbestattung gibt es keine eindeutige Antwort. Denn Schadstoffe bleiben bei beiden Bestattungsformen zurück. Das Urnengefäß muss heute komplett biologisch abbaubar sein. Nur bei den Särgen gibt es noch Unterschiede, sagt Stefan Burmeister.

Ein Sarg wird in die Glut des Ofens im Krematorium geschoben (dpa picture alliance / Sandra Gätke)Sowohl bei Feuer- als auch bei Erdbestattungen bleiben Schadstoffe zurück (dpa picture alliance / Sandra Gätke)

"Bei Särgen haben wir es mit einem Holzprodukt zu tun. Da ist es eher so, dass wir darauf achten können, ob dieser Sarg mit Lacken versehen ist, die nicht biologisch abbaubar sind. Es gibt anstelle von lackierten Särgen heute aber auch geölte Särge oder auch Rohholzsärge, die verwendet werden können, die wesentlich biologisch verträglicher sind."

Stefan Burmeister denkt aber noch weit über die Sargwahl hinaus. Er druckt Trauerkarten auf nachhaltig produziertem Papier. Die Blumen im Grabschmuck kommen aus der Region, blühen also zur aktuellen Jahreszeit. Damit möchte Stefan Burmeister künstliche Gewächshäuser und lange Transportwege vermeiden. Ähnliches gilt für die Wahl des Grabsteins.

Nachhaltige Bestattungen sind nicht teuer

"Wo kommt dieser Grabstein her? Ist das aus deutschen Gebieten? Ist dieser Grabstein in Indien oder China, produziert worden? Unter welchen Bedingungen? Musste er mit dem Schiff nach Deutschland gebracht werden? Wäre auch noch eine Frage, die da interessant ist."

Stefan Burmeister bietet jedem Kunden im Beratungsgespräch die Option "nachhaltige Bestattung" an. Teurer ist sie nicht. Doch oft entscheiden sich gerade die Menschen für diese Option, die sich auch schon im Leben mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst haben. Weiter anbieten wird es der Bestatter auf jeden Fall.

"Als Bestatter frage ich mich dann natürlich: Was kann ich dafür tun, um vielleicht auch in meinem Arbeitsfeld etwas Positives mit beitragen zu können? Ich denke jeder Mensch kann eine Kleinigkeit tun, damit es morgen immer noch so schön ist, wie es eben heute ist."

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