Samstag, 18.01.2020
 
Seit 09:10 Uhr Das Wochenendjournal
StartseiteKommentare und Themen der WocheMindestens ebenso wichtig wie Merkels Worte sind Taten06.12.2019

Besuch in AuschwitzMindestens ebenso wichtig wie Merkels Worte sind Taten

Mit ihrem ersten Besuch im ehemaligen deutschen KZ Auschwitz-Birkenau hat Kanzlerin Angela Merkel ein Signal gesetzt, kommentiert Florian Kellermann. Merkel habe angemessene Worte gegen Antisemitismus gefunden. Deutschland relativiere seine Verantwortung für den Holocaust nicht.

Von Florian Kellermann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Polen, Oswiecim: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, l) und Mateusz Morawiecki, Ministerpräsident von Polen, legen im Rahmen des Besuchs im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau eine Kerze am Denkmal ab. (picture alliance/dpa/Robert Michael)
Polen, Oswiecim: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, l) und Mateusz Morawiecki, Ministerpräsident von Polen, legen im Rahmen des Besuchs im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau eine Kerze am Denkmal ab. (picture alliance/dpa/Robert Michael)
Mehr zum Thema

Verfolgung von Antisemitismus "Unsere Rechtsordnung hängt die Meinungsfreiheit sehr hoch"

Nach dem Anschlag in Halle Warum der Antisemitismus nie weg war

Erinnerungskultur in Zeiten des Rechtspopulismus Die Zukunft der Vergangenheit

Angela Merkel ist nach 14 Jahren als Bundeskanzlerin zum ersten Mal nach Auschwitz gereist. Zu dem Ort, der wie kein anderer für das größte deutsche Verbrechen steht, für den Holocaust. Es war nicht schlimm, dass sie in den vergangenen Jahren anderen den Vortritt gelassen hat. Vor allem verschiedenen Bundespräsidenten und zuletzt auch Außenminister Heiko Maas.

Sie alle haben Deutschland am Ort des unbeschreiblichen Schreckens würdig vertreten, haben demütige und verantwortungsvolle Worte gefunden.

Deutschland wird Antisemitismus nicht dulden

Trotzdem war es gut, dass nun auch Angela Merkel in Auschwitz war. Sie steht im In- und Ausland in der Kritik, kein Wunder nach so vielen Jahren im Amt. Dennoch bringt sie ein unbestreitbares politisches Gewicht auf die Waage, das selbst bei der aktuellen polnischen Regierung, die betont auf Distanz zu Deutschland geht, etwas zählt. Dieses Gewicht hat die Bundeskanzlerin nun eingebracht, um einiges noch einmal ganz klar zu sagen. Dazu gehören die Kernpunkte ihrer Rede in Auschwitz.

Erstens: Deutschland wird Antisemitismus nicht dulden. Das war an die gerichtet, die Anschläge gegen Juden verüben, und an die, die das zum Anlass für Scherze nehmen.

Zweitens: Deutschland relativiert seine Verantwortung für den Holocaust und die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs nicht. Das ging an jene, die mit dem Finger gerne auf andere zeigen. Und an die Polen, die so tun, als sei diese kleine Gruppe in Deutschland längst in der Mehrheit.

Natürlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass Angela Merkel bei ihrer Reise auch an sich selbst gedacht hat. Sie gehört damit auch in dieser Hinsicht in eine Reihe mit den Bundeskanzlern Schmidt und Kohl, also mit Männern, die die Bundesrepublik maßgeblich geprägt haben.    

Konsequente Erinnerungspolitik

Merkel hat in Auschwitz angemessene Worte gefunden. Mehr konnte sie nicht tun. Denn richtige Worte gibt es dort nicht. Jeder Satz, egal, welcher Superlativ, egal, welche Metapher, muss falsch klingen in Bezug auf etwas, das man mit Sprache nicht fassen kann.

Mindestens ebenso wichtig wie Merkels Worte sind die Taten. Deutschland tut seit zehn Jahren endlich etwas dafür, dass die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau auch erhalten wird. Erst in letzter Minute stimmten auch die Länder zu, dass sie sich, wie die Bundesregierung, mit 30 Millionen Euro beteiligen. Polnische Restauratoren leisten großartige Arbeit. Sie machen es möglich, dass Baracken, Wege und die persönlichen Gegenstände der Ermordeten nicht weiter verfallen - trotz jährlich wachsender Besucherzahlen. In diesem Jahr wird die Gedenkstätte zum ersten Mal die Marke von 2,3 Millionen Besuchern erreichen. Dafür sollten Deutsche dankbar sein.

Denn nur mit dieser konsequenten Erinnerungspolitik, die Angela Merkel heute unterstrichen hat, verdient Deutschland seinen Platz als angesehener Partner der Länder und Nationen, die einst Deutschland zum Opfer fielen.

Portrait von Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann, Jahrgang 1973, hat sich als freier Autor seit Jahren auf Reportagen und Berichte aus den Ländern Mittel- und Osteuropas konzentriert. Grundlage für die Qualität seiner Berichte sind neben langjähriger journalistischer Erfahrung seine exzellenten Kenntnisse der Region, ihrer Kulturen und ihrer Sprachen sowie ein Studium der Philosophie und Slawistik an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Krakau. Er berichtet für Deutschlandradio seit 2008 mit Sitz in Warschau aus Polen, der Ukraine und – gemeinsam mit dem Moskau-Korrespondenten Thielko Grieß - auch aus den baltischen Staaten und Weißrussland.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk