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StartseiteCampus & Karriere"Gesundheitsförderung ist deutlich auf dem Vormarsch"06.01.2020

Betriebssport"Gesundheitsförderung ist deutlich auf dem Vormarsch"

Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln begrüßt ein inzwischen vielfältiges Angebotsspektrum beim Betriebssport. Besonders wichtig sei seine Funktion als Ausgleich, sagte er im Dlf. Denn psychische Probleme entstünden häufig nicht durch Arbeitsbelastung, sondern mangelnde Regeneration.

Ingo Froböse im Gespräch mit Matthis Jungblut

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Mitarbeiter der Schott AG nehmen  an einem Entspannungskurs teil (dpa)
Regeneration ist eine wesentliche Funktion des Betriebssports (dpa)
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Betriebssport Bewegte Kollegen

Matthis Jungblut: Weniger Fleisch, nicht mehr rauchen, mehr Sport: Jedes Jahr nehmen sich Millionen Deutsche etwas für das neue Jahr vor. Neujahrsvorsätze eben - das kennen wir alle. Was wir aber auch kennen: Diese Vorsätze die halten dann oft nur bis Februar oder März, manchmal ist die Lust auf die Zigarette dann doch zu groß oder allein ins Fitness-Studio zu gehen, ist einfach zu langweilig. Zumindest in diesem letzten Punkt unterstützen viele Arbeitgeber ihre Mitarbeiter und zwar mit dem Betriebssport. Das Konzept Betriebssport ist natürlich nicht neu, Klassiker wie Badminton oder Volleyball haben viele Firmen schon vor Jahrzehnten angeboten, das Angebot von heute geht aber darüber weit hinaus. Darüber habe ich mit Ingo Froböse gesprochen, er ist Professor für Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule Köln. Guten Tag Herr Froböse.

Ingo Froböse: Hallo, ich grüße Sie!

Mehr gesundheitsförderliche Maßnahmen in den Unternehmen

Jungblut: Wie hat sich denn der Betriebssport in den vergangenen Jahren verändert?

Ingo Froböse: Ja, ist inhaltlich natürlich deutlich weiter gefächert worden, aber da hat der Gesetzgeber auch relativ viel zu getan. Es gibt ein sogenanntes Präventionsgesetz. Das gibt es seit 2014, 2015, da ist es in den Markt hineingekommen. Was steckt dahinter? Es steckt dahinter, dass die Unternehmen verpflichtet worden sind - und dafür stellt der Gesetzgeber Geld zur Verfügung, nämlich etwa zwei Euro pro Versicherten, hört sich erst mal wenig an, ist aber viel - pro Versicherten, um letztendlich gesundheitsförderliche Maßnahmen in den Unternehmen anzubieten, gemeinsam mit Kooperationspartnern. Und dadurch ist es natürlich geschehen, dass verschiedene Bausteine, eben nicht nur Bewegung, sondern auch Ernährung oder auch die Regeneration, Entspannung  deutlich breiter sich in den Unternehmen entwickelt hat.

Inzwischen breites Spektrum der Angebote

Jungblut: Was gibt es denn da ganz konkret für Formen?

Ingo Froböse: Natürlich gibt es erst mal, das kennen wir alle, die klassischen Sportangebote, die traditionellen Sportarten. Früher war es immer das Tischtennis oder der Fußball, aber mittlerweile ist es so, dass natürlich andere Dinge wie Entspannungskurse, Regenerationskurse - nehmen wir nur mal Pilates, Tai Chi, Qui Gong oder letztendlich auch Massagen angeboten werden und somit das Spektrum erweitern. Wir haben Ernährungsangebote, Ernährungskurse, Ernährungsfortbildungen, ganz bestimmte Unterstützung, was das Trinken betrifft - auch das ist letztendlich in die Unternehmen hereingetragen worden, das bedeutet also, es gibt neue Konzepte, Zusammenarbeit wird gefördert mit Fitnesseinrichtungen, mit anderen externen Partnern. Also das BGF, so heißt das, Betriebliche-Gesundheitsförderungs-Thema  - und dazu gehört der Betriebssport - ist deutlich auf dem Vormarsch - unter anderem deswegen, weil es Geld dafür für die Unternehmen gibt.

Unternehmen haben Interesse an leistungsfähigen Mitarbeitern

Jungblut: Das klingt ja so, als ob die Unternehmen auch ein großes Interesse daran hätten, dass ihre Mitarbeiter den Betriebssport nutzen - kann das für die Mitarbeiter aber auch ein zusätzlicher Druck sein, also den Wünschen des Arbeitgebers gerecht werden zu müssen?

Ingo Froböse: Da gebe ich Ihnen natürlich recht. Es ist in der Tat so, dass die Unternehmen natürlich auch deswegen Interesse daran haben, weil es um Fachkräftemangel geht und damit auch um das Bewerben als guter Arbeitgeber - und dazu zählt möglicherweise, solche betriebssportlichen, gesundheitssportlichen Angebote anzubieten. Das ist das eine. Also Imagebildung, möglicherweise auch etwas mehr zu tun als andere Konkurrenz, das steckt dahinter. 

Auf der anderen Seite wissen wir natürlich auch, das Unternehmen an leistungsfähigen Mitarbeitern das größte Interesse haben. Und dazu wissen sie natürlich auch, dass da die Förderung außerhalb des Unternehmens, außerhalb der Arbeitszeit ganz wichtige Inhalte darstellen können. Nämlich zum Beispiel, indem ein leistungsfähiger, fitter Arbeitnehmer natürlich auch später bessere Leistung im Unternehmen bringt. Das ist natürlich eine Form des Drucks. Auf der anderen Seite wissen wir natürlich auch, dass die Lebensarbeitszeiten immer länger werden. Das bedeutet sowohl für den Arbeitgeber, er sollte investieren - auch das ist ein Druck, um nämlich das Know-how der erfahrenen Mitarbeiter zu halten in Unternehmen. Oder: Auch der Mitarbeiter muss natürlich Interesse haben, dass er gesund in die Rente geht. Auch das ist nicht selbstverständlich und da kann er nicht den Arbeitgeber für verantwortlich machen.

Den Akku wieder vollladen 

Jungblut: Sie haben es gerade schon angedeutet: Innerhalb des vergangenen Jahrzehnts hat sich die Zahl der beruflichen Fehltage aufgrund von psychischen Belastungen mehr als verdoppelt - das geht aus Zahlen des aktuellen Gesundheitsreports der Betriebskrankenkassen hervor. Inzwischen geht fast jeder sechste Ausfalltag auf Angst, Stress, Überbelastung oder Depression zurück. Kann der Betriebssport auch helfen, diese Situation zu verbessern?

Ingo Froböse: Ich bin mir sogar sicher. Und ich sage jetzt etwas ganz Provokantes. Wir haben in unserer Gesellschaft und im Arbeitsprozess in der Regel kein Belastungsproblem, sondern wir haben ein Regenerationsproblem. Wir sind also aktuell nicht in der Lage aufgrund der ausgedehnten Belastungszeiten, so viel Zeit für uns selber aufzubringen, dass wir die Belastung kompensieren, bearbeiten, nachbearbeiten. Wir kennen das doch alle, dass Viele sagen: endlich Freitag, ich bin kaputt. Weil wir es alle nicht geschafft haben, im Laufe der Woche, das normale Maß wiederherzustellen. Wir kennen das doch, wenn ich das mal technokratisch oder technologisch beschreiben möchte, es ist doch so: Wir müssen es tagein, tagaus schaffen, den Akku wieder so vollzuladen, dass wenn wir morgens aufstehen, wir wieder bei Hundertprozent sind. Das, was wir jeden Tag mit dem Smartphone machen, müssten wir bei uns selber schaffen. Wenn wir das nicht tun, dann haben wir natürlich ein Problem und das wirkt sich nicht in körperlichen Belastungssituation aus, sondern in einer psychischen Überforderung. Und das ist das, was wir aktuell in unserer Zeit erleben: Die psychischen Belastungen, depressive Verstimmungen, Depressionen sogar resultieren daraus, das wir den Organismus nicht wieder in die Ruhe, in die Ausgangsposition tagein, tagaus zurückfahren. Das heißt also, für mich ist die Regeneration, nicht die Arbeitsbelastung der eigentlich Faktor dafür, dass wir so unheimlich hohe psychische Belastungen haben und da hilft Betriebssport, weil er Ausgleich darstellt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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