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StartseiteSportgesprächAngela Marquardt: "Sport war mein Fluchtpunkt"19.07.2020

Betroffenenrat gegen sexuellen MissbrauchAngela Marquardt: "Sport war mein Fluchtpunkt"

Als Kind wurde Angela Marquardt selbst Opfer sexualisierter Gewalt. Im Betroffenenrat gegen sexuellen Missbrauch will die Politikerin nun für das Thema sensibilisieren und andere Betroffene unterstützen. Sie selbst habe damals Zuflucht im Sport gefunden, erzählt Marquardt im Dlf-Sportgespräch.

Angela Marquardt im Gespräch mit Andrea Schültke

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Angela Marquardt präsentiert ihr Buch "Vater, Mutter, Stasi" auf der Leipziger Buchmesse 2015. (imago images / STAR-MEDIA)
Die SPD-Politikerin Angela Marquardt wurde vor kurzem in den Betroffenenrat gegen sexuellen Missbrauch gewählt. (imago images / STAR-MEDIA)
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Triggerwarnung:
Im folgenden Beitrag geht es unter anderem um Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Das kann belastend und retraumatisierend sein. Das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch bietet anonym und kostenfrei Hilfe und Beratung unter: 0800 22 55 530.  

Seit Juni sitzt Angela Marquardt im Betroffenenrat des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung. Die 48-jährige Politikerin, die bis 2003 in der PDS war, später lange für das SPD-geführte Arbeitsministerium gearbeitet hat und heute Referentin beim SPD-Fraktionsvorsitz im Bundestag ist, wurde in ihrer Kindheit und Jugend selbst Opfer sexualisierter Gewalt. Täter war ihr Stiefvater.

In dieser Zeit sei Judo für sie zu einer Art "Fluchtpunkt" geworden: "Ich bin jeden Tag in der Halle gewesen", erzählt Angela Marquardt im Dlf-Sportgespräch. Der Sport habe ihr gut getan, "weil ich über meinen Körper bestimmen konnte beim Judo. Ich konnte sozusagen über das, was ich will, bestimmen."

Flucht in den Sport

Der sexuelle Missbrauch, der von ihrem Stiefvater ausging, begann, als Marquardt neun Jahre alt war und dauerte mehrere Jahre lang an. Ihr intensives Judotraining ermöglichte es ihr in dieser Zeit auch, sich immer wieder dem Zugriff ihrer Familie zu entziehen: Etwa wenn sie zu Wettbewerben fuhr.

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Für sie war Sport immer positiv besetzt - der Politikerin und Autorin ist jedoch bewusst, dass das für andere nicht so ist: Sexualisierte Gewalt im Sport ist aus Sicht von Angela Marquardt ein Thema, das immer noch nicht ernst genug genommen wird: "Der Sport reduziert es genauso wie andere Institutionen auf Einzelfälle. Wir müssen aus dieser Einzelfall-Diskussion raus!"

Betroffenen Mut machen

Auch dafür möchte sie sich einsetzen in ihrer neuen Rolle als Mitglied im Betroffenenrat des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung. Die 48-Jährige fordert, dass sexualisierte Gewalt noch stärker in den Fokus von Politik und Gesellschaft rückt. Und dass Betroffene noch mehr Unterstützung bekommen.

Wie schwer es sei, sich zu öffnen und über das Erlebte zu reden, wisse sie aus eigener Erfahrung, sagt die Politikerin im Dlf-Sportgespräch: "Es hat sehr lange gedauert, bis ich mich damit auseinandersetzen und darüber reden konnte." 

Marquardt will anderen Betroffenen zeigen: "Hey, du kannst es auch schaffen! Ich habe das auch geschafft!" Und auch, wenn es immer wieder dunkle und schwierige Momente gebe, so Marquardt, wolle sie versuchen, Wege zu finden, wie sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft "anders und besser diskutiert werden" kann.

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Betroffene sollten jedoch selbst entscheiden, wie sie mit dem Erlebten umgehen möchten, sagt Marquardt. Offen oder gar öffentlich über sexualisierte Gewalt zu sprechen, sei schwer, das wisse sie aus eigener Erfahrung - und womöglich ist das nicht immer der richtige Weg. Wer sich jedoch entschließe, darüber zu reden, "sollte das auf jeden Fall nicht alleine tun", sagt Marquardt. Es sei wichtig, Hilfe annehmen zu können - auch etwas, was ihr selbst lange Zeit nicht möglich war. 

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