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StartseiteKultur heuteHolocaustmuseum zeigt Tagebücher von Nazi-Chefidiologen Alfred Rosenberg22.12.2013

Beutekunst in den USAHolocaustmuseum zeigt Tagebücher von Nazi-Chefidiologen Alfred Rosenberg

In Washington hat das Holocaustmuseum die Tagebücher von Alfred Rosenberg veröffentlicht. Nachdem der Naziideologe Rosenberg in Nürnberg zum Tode verurteilt wurde, hatte der Ankläger Robert Kempner die Tagebücher mit in die USA genommen, erklärt Beutekunstexperte Willi Korte.

Willi Korte im Gespräch mit Beatrix Novy

Alfred Rosenberg nach seiner Festnahme in Flensburg im Mai 1945 (AP Archiv)
Die Tagebücher von Alfred Rosenberg hat das Washingtoner Holocaustmuseum auch ins Internet gestellt. (AP Archiv)
Weiterführende Information

Kunst und Kultur in tiefster Überzeugung zum Führer (Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 26.10.2013)

Das NS-Regime auf der Anklagebank (Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 05.02.2012)

Beatrix Novy: Alfred Rosenberg, ein ganz früher Weggefährte Hitlers, Halluzinierer der sogenannten jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung, Verfasser süffig-pseudowissenschaftlicher Propaganda, in die er den ganzen Quatsch vom deutschen Genius versus jüdischer Dämon goss, "Der Mythus des 20. Jahrhunderts", der Nazi-Chefideologe Alfred Rosenberg also, führte ein Tagebuch. Man wusste das, es war Bestandteil der Anklage in Nürnberg, wo Rosenberg zum Tode verurteilt wurde.

Warum also zeigt das Holocaust-Museum in Washington dieses Schriftdokument jetzt in einer Ausstellung? Weil der Nürnberger Ankläger Robert Kempner es seinerzeit hatte mitgehen lassen – gar kein Einzelfall. - Willi Korte, in den USA lebender Beutekunstexperte und Aufspürer derselben, erklärt, wie das alles genau ablief.

Willi Korte: Kempner hat ja als Mann der Anklage in Nürnberg privilegierten Zugang zu den ganzen Millionen von Dokumenten in Nürnberg damals gehabt und hat sich einen größeren Anteil derselben mit nach Hause genommen, was übrigens gar nicht so selten war. Autografen waren ja sehr beliebt dort bei den Nürnberger Dokumenten und die wurden von allen möglichen Leuten gesammelt. Ich kenne zahlreiche Beispiele, wo Dokumente in Nachlässen aufgetaucht sind, die alle aus dem Nürnberger Bestand stammen.

Herr Kempner hat diese Sachen mit nach Hause in die USA genommen und hat sie dann auch über die Jahre immer wieder bei Publikationen benutzt. Von daher hatte man eigentlich schon eine Ahnung, dass er da was hat, was er vielleicht gar nicht haben sollte. Aber es hat dann ein paar Jahre gedauert nach seinem Ableben, bis diese Sache dann zum Kriminalfall wurde, und es hat sich dann noch mal Jahre hingezogen, bis das Holocaustmuseum zusammen mit dem amerikanischen Justizministerium und Strafverfolgungsbehörden hier in den USA diese Sachen ins Holocaustmuseum gebracht haben, obwohl das ja auch nur ein Teil des Kempner-Konvoluts ist, denn der andere Teil wurde den anderen, an dem Verfahren beteiligten Personen überlassen, die das dann gewinnbringend hier auf dem Sammlermarkt verkaufen durften.

Novy: Das heißt, das ist weg und wir wissen gar nicht, was es ist?

Korte: Ja man weiß schon, was es ist, denn es ist ja im Wesentlichen aufgeteilt worden von den Behörden. Aber in den USA gibt es einen sehr lebhaften Sammlermarkt für Nazi-Memorabilia und gerade natürlich auch Dokumente dieser Art, die wie gesagt die berühmten Unterschriften der Nazizeit tragen.

Novy: War dieses Verhalten von Kempner – Sie haben es ja eigentlich schon gesagt – Usus und was betraf es denn alles, außer all diesen, auf dem Sammlermarkt befindlichen Dokumenten?

Korte: Na ja, nun bin ich seit 30 Jahren hier in den USA mit dem Thema Beutekunst beschäftigt. Angefangen vom Quedlinburger Domschatz nach unten wurde hier so ziemlich alles Mögliche an Kriegssouvenirs gesammelt. Kempner als sozusagen Intellektueller hatte ein besonderes Interesse an einem großen Konvolut von historischen Akten, andere haben Kunstwerke geklaut.

Novy: Wo wurde der Quedlinburger Domschatz gefunden?

Korte: Der Quedlinburger Domschatz war bei einem Soldaten in einem kleinen Dorf in Texas zu Hause untergebracht. Den hatte der mit der Feldpost bei Kriegsende dort hingeschickt. Damals war das ja etwas schwierig, weil Quedlinburg war in der DDR und eigentlich habe ich das als Privatveranstaltung gemacht, bis dann nach dem Fall der Mauer ich einen offiziellen Auftrag der kleinen Kirchengemeinde hatte, aber die hatten natürlich kein Geld für so was.

Heute würde ich ja so was nicht mehr auf diese Art machen; ich bin ja nach Quedlinburg von amerikanischen Strafverfolgungsbehörden angesprochen worden. Seitdem, seit Mitte der 90er-Jahre, verfolge ich eigentlich Beutekunst und alle Fälle der letzten Jahre waren eigentlich Fälle, die ich mit den Strafverfolgungsbehörden gemacht habe.

Novy: Mit Russland steht die Bundesrepublik seit Jahren in mühsamen Verhandlungen, und zwar auf höchster Ebene. Das russische Parlament hat die Causa zum Thema gemacht und Beschlüsse dazu gefasst. Das passiert zwischen Deutschland und den USA nicht, oder?

Korte: Man war hier traditionell ja etwas zurückhaltend. Amerika, der große Verbündete, das Unwohlsein wegen der historischen Rolle Deutschlands, Krieg angefangen, Krieg verloren, furchtbarer Verbrechen hat man sich schuldig gemacht …

Novy: Das könnte mit Russland auch ein Motiv sein.

Korte: Ja, da geht man aber traditionell etwas forscher um. Nicht, dass das etwas gebracht hätte, wie wir wissen. Aus Russland ist ja im Großen und Ganzen nichts zurückgekommen, außer ein paar Dinge, die im Grunde als Tauschgeschäfte abgewickelt wurden. Auch ich habe hier traditionell Schwierigkeiten gehabt am Anfang, habe sie auch heute noch, weil wir schon von den Rosenberg-Tagebüchern sprechen.

Die sollten natürlich nicht ins Holocaustmuseum gehen, nach meiner Ansicht, sondern sie sollten ins Bundesarchiv gehen. Das Bundesarchiv hat allerdings an diesem Thema in den USA kein großes Interesse, scheint mir, denn ich habe ein paar Mal versucht, solche Sachen in Amerika aufzunehmen, und das Bundesarchiv hat mich da in der Regel hängen lassen, im Gegensatz zu deutschen Museen, die ihre Verluste hier in Amerika beklagen.

Novy: Was ist aus dem Gründungs- oder Neugründungspapier der NSDAP von 1925 geworden?

Korte: Das ist ja auch so ein Fall, den ich seit Jahren verfolge, und da gibt es eine Anfrage der amerikanischen Strafverfolgungsbehörden beim Bundesarchiv, die eigentlich nur eine ganz formlose Bitte haben möchten, dass sie die Sache hier aufgreifen dürfen und verfolgen dürfen, und das Bundesarchiv hat das seit ein paar Jahren ignoriert, sodass auch ich in der Zwischenzeit davon ausgehe, um die Sachen vom Markt zu nehmen, dass es vielleicht besser ist, wenn die Sachen dann im Holocaustmuseum landen, damit sie zumindest der Öffentlichkeit zugänglich sind, der Forschung zugänglich sind, wenn hier von bundesdeutscher Seite kein Interesse besteht.

Novy: Der Beutekunstexperte Willi Korte war das in Washington. Anlass für dieses Gespräch mit ihm ist übrigens die Ausstellung von Alfred Rosenbergs Tagebüchern in Washington, das Holocaust-Museum zeigt sie da, aber nicht nur in natura, sondern es hat sie auch ins Internet gestellt, auf der Homepage des Museums gut zu finden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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