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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenZum produktiven Umgang mit Schuld11.04.2019

Bewältigen, aufarbeiten, reinigenZum produktiven Umgang mit Schuld

Interdisziplinäres Projekt an der Universität Bielefeld

Schuld ist die Konsequenz einer bösen Tat. Ihr haftet etwas Destruktives an. Aber kann daraus auch etwas Produktives entstehen? Ein Forschungsprojekt an der Universität Bielefeld geht dieser Frage nach. Und blickt dafür auch zurück: etwa auf die Schuldbekenntnisse nach dem Zweiten Weltkrieg.

Von Ingeborg Breuer

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Eine Illustration zeigt einen Mann der unter Sozialphobie leidet. (Imago / Ikon Images / Stuart Kinlough)
Schuld als Möglichkeit, mit etwas Altem abzuschließen und etwas Neues zu beginnen (Imago / Ikon Images / Stuart Kinlough)
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"Diese Schandtaten: Eure Schuld. Ihr habt ruhig zugesehen und es stillschweigend geduldet. [...] Das ist Eure große Schuld. Ihr seid mitverantwortlich für diese grausamen Verbrechen."

Diese Anschuldigung war 1945 auf Plakaten der Alliierten zu lesen, die die Deutschen über die Gräueltaten in den KZs aufklärten. Die Siegermächte erhoben Anklage gegen alle Deutschen, weil sie kollektiv den Völkermord an den Juden gebilligt hätten. Das sah Bundespräsident Richard von Weizsäcker 40 Jahre nach Kriegsende anders. Am 8. Mai 1985 erklärte er:

"Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld nicht kollektiv, sondern persönlich."

Schuld kann produktiv sein

Schuld entsteht, wenn jemand einen anderen schädigt oder verletzt. Aber ist Schuld etwas Persönliches? Oder kann auch eine ganze Gruppe schuldig sein? Ein Volk? Kann Schuld eine produktive Kraft entfalten? Fragen, die sich die Forschungsgruppe "Guilt", also "Schuld", am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung in Bielefeld stellt.

"Es gibt moralische Schuld, politische Schuld, persönliche Schuld. Und es ist eigentlich wahrscheinlich unmöglich auch für unsere Forschungsgruppe uns auf eine Definition von Schuld zu einigen", erläutert die Leiterin der Forschungsgruppe Prof. Katharina von Kellenbach, Theologin am St. Mary’s College in den USA. Und präzisiert: "Wobei ich denke, dass wir durchaus den Schwerpunkt eher auf kollektive oder politische Schuld legen, also im historisch kollektiven Zusammenhang eher als Individualschuld."

Schuld gilt ja gewöhnlich als Konsequenz einer bösen Tat, eines Verstoßes gegen eine moralische Regel oder gegen ein Gesetz. Ihr haftet also etwas Belastendes und Destruktives an. Aber wieso nennt die Forschungsgruppe ihr Projekt "Felix Culpa" – "glückliche Schuld"?

"Die Formulierung von der glücklichen Schuld ist einerseits eine Provokation, wenn man so will gegen einen etablierten Diskurs der Schuld, die Schuld stehe als etwas Belastendes, etwas Destruktives, etwas was wegmuss, was lähmt. Dagegen ist es provokativ gesprochen."

So Dr. Matthias Buschmeier, Germanist an der Uni Bielefeld, ebenfalls Leiter der Gruppe:

"Die Formulierung selbst stammt aus dem "Exsultet", dem mittelalterlichen Ostergesang und weist damit auf eine bestimmte Dimension dieser Produktivität hin, dass aus einem Mal um ein Bonum entstehen kann, wie das der Philosoph Odo Marquard mal genannt hat."

In der christlichen Tradition wird dem Schuldbewusstsein eine erneuernde Kraft zugeschrieben, die zu einer moralischen Einsicht und Veränderung führen kann. Dagegen verhindert die Leugnung oder mangelnde Aufarbeitung einer Schuld eine Aussöhnung von Tätern und Opfern. Verhindert einen historischen Neubeginn, wie Katharina von Kellenbach in Bezug auf die Massaker an den Armeniern durch die Türken während des Ersten Weltkriegs ausführt.

"Dieser Konflikt ist so emotional aufgeladen auf beiden Seiten, dass es besser gewesen wäre, nach 30 oder 50 Jahren an irgendeinem Punkt wäre es mal möglich gewesen, einen Dialog zu führen und auch eine Wahrheitskommission. Allein die Fakten, die Archive zu öffnen und zu gucken, was ist da eigentlich passiert und wie verhalten wir uns dazu? Dann wäre vielleicht auch der armenische Genozid tatsächlich jetzt Geschichte, zu der man sich gemeinsam verhalten kann."

Schuld werde produktiv gewendet, wenn, so von Kellenbach, "ein Sprachraum geschaffen wird", wo ein Verbrechen verhandelt werden kann. Um letztlich mit etwas Altem abschließen und mit etwas Neuem anfangen zu können.

"Ein ganz bekanntes Beispiel, das wären die Schuldbekenntnisse nach dem Zweiten Weltkrieg. Wobei es natürlich nicht die Schuld selber ist, die produktiv ist, also nicht das Vergehen und seine moralische Bewertung, sondern die Art des Umgangs mit der Schuld", veranschaulicht Maria Sibylla Lotter, Professorin für Philosophie an der Uni Bochum:

"Und da kann man sagen, das ist sicher in dem Sinne produktiv gewesen als die Schuldbekenntnisse, die mit der deutschen Schuld begannen und dann aber eine internationale Praxis wurden, in Amerika, in Australien auch in der asiatischen Welt  praktiziert werden, die geeignet sind, wieder neuen  Beziehungen zwischen der Gruppe, also der Nation, der die Täter zugehörig sind und der Nation oder den sozialen oder kulturellen oder religiösen Gruppen, die Opfer waren, zu stiften."

Kollektivschuld kann es nicht geben

Der Philosoph Karl Jaspers hatte bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Frage nach der juristischen wie auch der moralischen Schuld der Deutschen gestellt. Kriminelle Schuld, befand er da, hätten diejenigen Deutschen, die während der NS-Ära Verbrechen begangen haben. Sie müssten durch die Gerichte bestraft werden.  Aber ebenso wichtig wie die Verurteilung der Täter war für Jaspers die Auseinandersetzung mit der moralischen Schuld. Sie treffe alle Mittäter, aber auch die Mitläufer und die, die einfach schwiegen – mithin fast alle.

Jaspers war überzeugt, dass sich das deutsche Volk als Gemeinschaft dieser moralischen Schuld stellen müsse. Und dennoch befand er, dass die moralische Schuld nur je Einzelnen zuzuschreiben sei. Die Idee einer Kollektivschuld führe ja geradezu zu einer Nivellierung der Verbrechen von Einzelpersonen. Denn dann, so Jaspers wörtlich, werde "alles stufenlos auf eine einzige Ebene gezogen …, um es im großen Zufassen in der Weise eines schlechten Richters zu beurteilen".

"Man kann einer Person nur etwas vorwerfen, was sie hätte verhindern können. Und dazu gehört eine nachweisbare Tatbeteiligung, was natürlich auch einfach Unterlassung einer Hilfeleistung sein kann. Etwas in der Nazizeit. Die keine aktiven Täter waren, die aber etwas hätten verhindern können, also denen kann man natürlich im klassischen moralischen Sinn eine Schuld geben. Aber wenn es um nachfolgende Generationen geht, die gar nicht gelebt haben, dann macht das keinen Sinn."

Gerade die heutige Zeit sei aber von einer, "von Schuld- und Schamgefühlen getriebene(n) Moralisierung der politischen Sphäre" bestimmt, schrieb die Bochumer Philosophin vergangenes Jahr in der ZEIT.  "Der Westen", "die Europäer" trügen sozusagen als

Kollektivtäter die Schuld am historischen Unrecht ehemals kolonisierter Weltgegenden. Insbesondere in den USA gibt es aktuell eine Debatte über "White guilt" - also "weiße Schuld". Danach sei quasi jeder Weiße schuldig an der Unterdrückung von Schwarzen, weil er bereits qua Geburt einen Vorteil gegenüber einem Afroamerikaner habe, ungeachtet seines konkreten sozioökonomischen Hintergrunds. Die weiße Hautfarbe ist damit nicht mehr länger eine zufällige physische Gegebenheit, sondern mit einer Reihe ererbter Privilegien verbunden. In einem ähnlichen Kontext steht die seit geraumer Zeit auch in Europa gebräuchliche Rede von den machttrunkenen "alten weißen Männern", die die Schuld trügen an dem, was falsch läuft auf dieser Welt. Aber wird dabei der Antirassismus nicht selbst rassistisch,  fragt Maria Sibylla Lotter?

"Also man wird aufgrund eines äußeren Merkmals wie Geschlecht, also Gender oder Hautfarbe als eine beschädigte, moralisch defiziente Person dargestellt."

Katharina von Kellenbach, die selbst in den USA lehrt, wendet allerdings gegen diesen Vorwurf einer antirassistischen Diskriminierung ein, der Diskurs über die Schuld der Weißen in der nordamerikanischen Vergangenheit sei noch lange nicht aufgearbeitet, so dass eine Debatte darüber durchaus von Nöten sei:

"Der Begriff der White Guilt kommt ja aus den USA und hat was mit der Geschichte der Sklaverei zu tun und der Tatsache, dass  die Geschichte der Sklaverei und des Bürgerkriegs und Civil Rights Movement immer noch nicht richtig bearbeitet wurde. Und das ist eine offene Wunde. Wenn diese Wunde heilen soll, wenn wir eine nicht rassistische Gesellschaft in den USA haben wollen, dann muss auch das Gespräch über die complicity, die Privilegien, die sich über Hautfarbe daran bindet, auch die emotionalen Qualitäten, die damit verbunden sind, da muss drüber gesprochen werden."

Schuld oder Verantwortung?

Aktuell stellt sich die Frage nach der Schuld erst recht  bei dem in den wohlhabenden Gesellschaften üblichen ressourcenverbrauchenden Lebensstil. Ist der klimaschädigende gigantische CO2-Fußabdruck, den der westliche Wohlstandsbürger produziert, dem einzelnen vorzuwerfen? Müsste er nicht seine Neigung zu großen Autos, hohem Fleischkonsum, geräumigen Wohnungen und häufigen Flugreisen höchst individuell überdenken?

"Heutzutage kann sich kein einigermaßen gebildeter Mensch in der westlichen Hemisphäre sagen, bei bestimmten Lebensweisen handele ich nicht fahrlässig. Wenn ich zehn Mal im Jahr ins Flugzeug steige, dann bin ich mir sehr wohl bewusst, dass ich damit einen starken ökologischen Fußabdruck hinterlasse und einen Schaden zufüge. Durch das Bewusstsein von Schuld kann das ein Ausgangspunkt dafür sein, das eigene Verhalten zumindest zu überdenken."

Ob das schlechte Gewissen allerdings weiter hilft, ist auch noch die Frage. Zumal Matthias Buschmeier zugibt, dass seine Zunft des akademischen Hochschulpersonals ja zu den Vielfliegern der Gesellschaft gehört, weil Forschung immer stärker globalisiert wird? Für Maria Sibylla Lotter kompensiert das Schuldgefühl lediglich das Gefühl der politischen Ohnmacht, weil es dem Handeln vermeintlich eine Richtung gibt, ohne aber etwas am Problem zu ändern. Zudem bedeute Schuld zu übernehmen immer auch, die Aufmerksamkeit auf die eigene moralische Haltung zu lenken und habe daher auch eine potentiell narzisstische Seite. Sie möchte deshalb den Begriff der Schuld durch den der Verantwortung ersetzt sehen. Eine Verantwortung, die auch nicht schuldige Personen tragen, ihre Gesellschaft ökologischer und gerechter zu machen. Politisches Handeln wäre also nützlicher als Betroffenheitsbekenntnisse.

"Es ist ganz klar eine Frage der Verantwortung. Wir müssen diskutieren, was die Folgen von individuellem Handeln sind und wie weit auf der Ebene von Nationen das beeinflusst werden kann. Aber die Rede von Schuld lenkt die Aufmerksamkeit in die falsche Richtung,  in die der Selbstanklage, des Pessimismus über die eigene Sündigkeit."

Die Theologin Katharina von Kellenbach sieht aber in der emotionalen Basis des Schuldgefühls die Produktivität der Schuld, weil gerade das Veränderung bewirken könne.

"Ich komm ja aus der Religion und für mich hat der Schuldbegriff auch eine emotionale Wurzel, es appelliert ans Herz. Die Verantwortung ist etwas, was im Kopf stattfindet, die Schuld ist was, was im Herzen ist. Und für mich ist der Schuldbegriff, gerade weil er so diffus ist, ist das auch der richtige Begriff."

Ein Problem: Schuld als Unreinheit?

Gerade aus theologischer Sicht haben aber Schuld und Befreiung von der Schuld noch einen anderen Aspekt. Im Christentum ist von jeher das Thema Schuld mit Unreinheit verknüpft. Schon in der Bibel wäscht sich Pilatus angesichts der Forderungen der Juden, Jesus zu töten, öffentlich die Hände und behauptet: "Ich bin unschuldig am Tod dieses Menschen" - darauf weist der Literaturwissenschaftler Prof. Meinolf Schumacher von der Uni Bielefeld hin:

"Unreinheit ist eine sehr alte und sehr verbreitete Metapher für Schuld. Und dann ist ganz konsequent auch, dass man alle Aufarbeitungen von Schuld unter dem Begriff der Reinigung begriffen hat. Das kennen wir alle. Die Beichte ist eine Reinigung. Wir sprachen von Karl Jaspers, der hat die Aufarbeitung der Schuld der Deutschen als eine Reinigung des deutschen Volkes verstanden."

Aber dieses Bild, so Schumacher, sei mittlerweile zum Problem geworden.

"Reinigung ist immer etwas sehr Gewaltsames, versucht, die ganze Schuld loszuwerden. Wenn die Reinigung vollkommen ist, dann ist von der Schuld nichts mehr da, auch nicht das, was möglicherweise produktiv daran ist, nämlich die Erinnerung daran. Und wenn wir feststellen, dass die Metapher der Reinigung so schwierig ist, dann stellt sich natürlich auch die Frage, ob überhaupt die Vorstellung von Schuld als Unreinheit akzeptabel ist."

Liegt also, wie Meinolf Schumacher weiter ausführt, in der Verbindung von Schuld und Unreinheit sowie Unschuld und Reinheit eine Wertung, die letztlich auf die Ausgrenzung alles Unreinen hinausläuft? Weil rein eben auch frei von Fremdem und Störendem bedeutet?

"Also man hat das Haus geputzt und Reinheit geschaffen, wenn alles an seinem Platz ist. Das heißt, es gibt Männer und Frauen und Weiße und Schwarze und Deutsche und Franzosen. Und jeder weiß, wo sein Platz ist. Und die Unreinheit passiert immer dann, wenn sich das vermischt. Und natürlich ist eine offene Gesellschaft, die keine Grenzen hat, damit eine Bedrohung."

Führt also die Verknüpfung von Schuld mit Unreinheit geradewegs zu dem rassistischen Statement, eine offene Gesellschaft, in der viele Kulturen einen Platz haben, sei unrein, gewissermaßen eine Gesellschaft, die Schuld auf sich geladen hat? Oder ist es so, wie Maria Sibylla Lotter meint, dass es ein strahlend reines Haus ebenso wenig geben kann wie die völlige Freiheit von Schuld?

"In dem Sinne, dass es nicht so etwas wie reine Gerechtigkeit gibt und dass es ganz wichtig ist in einer Gesellschaft, dass sich alle darüber klar sind, das etwa nicht alle Vergehen und Verbrechen durch Rechtsverfahren abgearbeitet werden können, sondern es bleibt immer so etwas wie schmutzige Restschuld. Und damit müssen Gesellschaften leben können, dass nicht alles in Ordnung gebracht werden kann. Das Zimmer wird nie ganz ordentlich. Und trotzdem muss man sich wohlfühlen können."

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