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StartseiteKultur heuteBewegte und starre Bilder01.06.2008

Bewegte und starre Bilder

Eine Doppelausstellung von Francis Alys und Nathalie Djurberg in München

Die Sammlung Goetz in München gilt als bedeutend für die Gegenwartskunst. Die einstige Galeristin Ingvild Goetz sammelt ebenso wagemutig wie zielsicher. Jetzt bietet ihre Sammlung eine erstaunliche Doppelausstellung: Sie zeigt Arbeiten der Schwedin Nathalie Djurberg und des belgischen Künstlers Francis Alys, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Von Carsten Probst

Blick auf München. (Stock.XCHNG / Matthias Schimmelpfennig)
Blick auf München. (Stock.XCHNG / Matthias Schimmelpfennig)

Man kann Ingvild Goetz, der bedeutenden Sammlerin von Gegenwartskunst, nur recht geben: Nathalie Djurberg und Francis Alys sind zwei außergewöhnliche Künstler in ihrer jeweiligen Generation, mit einer unverwechselbaren Sprache, so unterschiedlich diese auch sind. Die Sammlerin beteuert, dass die beiden nur zufällig gemeinsam ausgestellt sind, aber auf seltsame Weise werden sie auch wieder durch die Sammlung in einen Kontext gestellt.

Etwa 4000 Arbeiten umfasst diese Sammlung von Ingvild Goetz mittlerweile, die von sich sagt, dass sie immer ein Auge auf die aktuellsten Tendenzen hat und ihren Bestand immer weiter an der Entwicklung entlang fortschreibt. In jeder neuen Kunst sucht Goetz das aus, von dem sie glaubt, dass es über die Aktualität hinaus interessant bleibt.

Bei Nathalie Djurberg ist das sofort nachvollziehbar. Goetz entdeckte sie 2006 auf der vierten Berlin Biennale. Obwohl damals erst 27 Jahre alt, erregte die gebürtige Schwedin mit ihren Videoarbeiten sofort Aufsehen. Darin zeigt sie selbstgebastelte Figuren aus knetgummiartigem Material, die im ersten Moment durchaus wie Lehrfilme aus dem Kleinkinderfernsehen wirken.

Erst dann registriert man, dass es sich um Figuren bei extremen sexuellen Handlungen handelt, um Fantasien von Liebe und Zwang, Unterdrückung und Unterwerfung, Obsessionen und Perversionen. Und man entdeckt, dass man fasziniert und durchaus berührt hinschaut, dass allein schon die kindlich-unschuldige Präsentation dieser Filme buchstäblich eine Eindringlichkeit bewirkt, die die vorschnellen Einordnungen umgeht.

"Hungry Hungry Hippoes", ein Film von 2007, veranschaulicht auf völlig unkomplizierte Weise eine Beziehung von Herrenmenschentum und sexueller Abhängigkeit, die den Missbrauch von Menschen impliziert. Drei ausgesprochen fette weißhäutige Weiber animieren hier in einer tristen Umkleidekabine einen kleinen dunkelhäutigen Jungen, seine kindliche Neugier an ihnen zu befriedigen und genießen die Aufmerksamkeit, die er ihren riesigen Hinterteilen zukommen lässt, um ihn dann an ihre riesigen Brüste zu pressen und wie ein Spielzeug hin- und herzureichen.

In dem Video "Feed all the Hungry little Children” zeigt Djurberg eine Frau mit entblößten Brüsten, aus der die Milch in Fontänen in die aufgesperrten Münder einer Kinderschar spritzt, die um sie herumsitzt, eine bedrohliche wie ausgebeutete Übermutter, die eine fast spirituell überhöhte Allegorie auf das sexuelle Machtspiel der Fürsorge ist.

Völlig anders Francis Alys. Der 1959 im belgischen Antwerpen geborene Künstler verzichtet in seinem Werk auf jede augenfällige Sensation. Alys wohnt in Mexiko City, im ziemlich verarmten Zentrum der Stadt, und beobachtet seit Jahren mit nonchalanter Ironie die Alltäglichkeiten seiner Umgebung. "Wozu soll ich dieser Umgebung, die täglich so viele Bilder produziert, noch Kunst hinzufügen", fragte er einmal.

Ursprünglich als Architekt ausgebildet, erforscht er die Beziehungen zwischen dem gebauten Raum und den Bewegungen der Menschen, den Freiwilligen und unfreiwilligen, den Machtspielen der Architektur und mit Architektur. Aus verschiedensten Materialien, Zeichnungen, Gemälde Foto, Video, Skulptur, Installationen hat er eine Art Parcours durch das Sammlungsgebäude abgesteckt, den man mit immer unterschiedlichen Ansichten immer ähnlicher Ereignisse durchstreifen kann.

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln begegnet man auf mehreren in den Räumen verteilten Monitoren immer wieder einen Mann, der in einem Videofilm an einer Straßenecke über einen Hund stolpert. Die bewegten Bilder werden von Skizzen und kleinen Gemälden an den Wänden fortgesetzt und erweitern das Feld auf den urbanen Raum. Auf dem Zocalo, dem riesigen zentralen Platz von Mexico City, der ein zutiefst von politischer Geschichte aufgeladener Ort ist, hat Alys immer wieder ironische Beiläufigkeiten inszeniert.

Wie in seinem vielleicht bekanntesten Werk, dem Videofilm "Cuentas Partioticas", in dem Alys einen Mann mit einem Leithammel um den zentralen Fahnenmast herumlaufen und bei jeder Runde ein neues Schaf hinzukommen lässt, bis zwölf Schafe zusammen sind, die immer brav im Kreis um diesen Mast herumlaufen, wie es eben wie ein lammfrommes Volk in der dafür passenden Herrschaftsarchitektur tut.

Nur wenige Künstler vermögen der Banalität der Macht soviel heitere Gewissheit abzugewinnen, wie Francis Alys.

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