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StartseiteCorso"Da sind noch viele weitere Schritte nötig"13.04.2018

Bewegung #DeleteFacebook"Da sind noch viele weitere Schritte nötig"

Trotz Löschkampagne und Datenskandal steigen die Nutzerzahlen von Facebook. Ein Grund dafür seien Gewöhnung und Naivität, sagte IT-Experte und Buchautor Markus Morgenroth im Dlf. Allmählich erkenne die Politik das Problem, doch das reiche nicht.

Markus Morgenroth im Corsogespräch mit Christoph Reimann

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Facebook-Chef Mark Zuckerberg spricht vor dem US-Kongress im April 2018 (imago)
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Christoph Reimann: Mark Zuckerberg machte ein bedröppeltes Gesicht, sagte sorry vor US-Senatoren - ja, und jetzt wird alles besser, sicherer, privater bei Facebook? Die Unterstützer der #DeleteFacebook-Kampagne waren und sind davon wenig überzeugt. Sie rufen dazu auf, das soziale Netzwerk zu verlassen. Aber ist das die Lösung?

Markus Morgenroth ist IT-Berater und hat selbst im Silicon Valley gearbeitet. 2014 ist sein Buch "Sie kennen dich! Sie steuern dich! Die wahre Macht der Datensammler" erschienen. Vor der Sendung habe ich mit ihm gesprochen. Am Anfang stand die Frage, ob auch er die Delete-Facebook-Kampagne unterstützt.

Markus Morgenroth: Also ich unterstütze das auch. Weil: Es ist ja durchaus bekannt, dass Facebook wahnsinnig viele Daten sammelt von zigmillionen Bürgern. Und das ist letztendlich keine gute Sache. Denn: Was Facebook natürlich macht, auch wenn sie es nicht zugeben, ist, dass die Daten mit anderen Datenquellen verknüpft werden. Es werden Schlüsse daraus gezogen. Und all das passiert hinter unserem Rücken. Wir kriegen - selbst jetzt in dieser Anhörung, die gerade war vor dem amerikanischen Senat - hat man ja eigentlich nichts darüber erfahren, was da tatsächlich alles im Hintergrund passiert, weil: Dieses ganze Thema ist halt sehr komplex.

Es ist ein Problem, das wirklich sehr einfach darzustellen, auch in kurzen, prägnanten Worten, dass es der normale Bürger versteht. Von daher sagen dann viele: Ach, was geht mich das an. Sollen sie meine Daten doch haben. Und die meisten verstehen eigentlich gar nicht, was da tatsächlich im Hintergrund passiert und was daran so gefährlich ist. Und vor diesem Hintergrund unterstütze ich diese Kampagne #DeleteFacebook natürlich schon, wobei man natürlich ehrlicherweise sagen muss, dass, selbst wenn ich mich jetzt bei Facebook abmelde, natürlich weiterhin - nicht nur bei Facebook, aber ja auch bei Facebook - weiterhin Daten über mich gesammelt werden. Dem kann man sich ja gar nicht mehr entziehen.

"Man hat sich natürlich sehr daran gewöhnt"

Reimann: Ja, rund 87.000.000 Accounts könnten von diesem jüngsten Datenskandal um Facebook und Cambridge Analytica betroffen sein. Und Sie sagten es gerade: Es ist vielleicht ein bisschen undurchschaubar, was da passiert. Aber wir wissen doch jetzt, es werden Daten gesammelt, das ist gefährlich. Warum bleiben die Deutschen dem Netzwerk trotzdem treu? So das Ergebnis einer Umfrage.

Markus Morgenroth, aufgenommen am 10.10.2014 auf der 66. Frankfurter Buchmesse (dpa/ Uwe Zucchi)Markus Morgenroth (dpa/ Uwe Zucchi)

Morgenroth: Das Ding ist einfach, dass man sich natürlich sehr daran gewöhnt hat. Facebook hilft einem natürlich, mit Freunden in Kontakt zu bleiben, auch mit den Personen, mit denen man jetzt vielleicht nicht auf einer normalen freundschaftlichen Basis jeden Tag im Kontakt ist, sondern auch mit den etwas entfernteren Bekannten. Facebook hat sich wirklich im Tagesablauf schon etabliert. Viele machen morgens Facebook auf, gucken erst mal, was so passiert ist bei den Freunden, bei Verwandten. Und das ist einfach schon so zur Gewohnheit geworden, dass man es einfach gar nicht mehr hergeben möchte. Es gibt ja auch schon viele, die einfach danach süchtig sind. Es gibt ja auch Studien, die zeigen, dass es ähnlich ist wie Nikotin oder bei Alkoholikern der Alkoholentzug. Wenn man aber auf einmal aufhört, bei Facebook sich zu informieren, was bei den Freunden und Bekannten los ist, dann kann das auch richtig heftige Entzugserscheinungen geben. Und ich glaube, das spielt auch eine große Rolle, warum eben jetzt auch irgendwo bewusst wird, was Facebook da jetzt letztendlich Böses getan hat. Trotzdem - die meisten Leute sagen: Nein, ich bleibe trotzdem dabei.

Reimann: Was müsste denn noch passieren, damit wir Nutzer endlich sorgsamer mit unseren Daten umgehen?

Morgenroth: Ich glaube, es müsste noch viel mehr bekannt werden - mit deutlichen Beispielen, was da tatsächlich alles passiert. Und warum das eben das Problem ist. Ich habe das ja in meinem Buch versucht zu beschreiben, dass man eben sehr blauäugig ist, sehr naiv ist, wenn man sagt: Ach, meine Daten sind doch unwichtig. Und: Ich habe nichts zu verbergen. Diese Standard-Floskeln, die man leider immer noch von vielen, vielen Menschen hört - so lange das noch der Fall ist, wird auch weiterhin nichts passieren. Ich glaube, da muss einfach noch mehr Aufklärung passieren. Vielleicht muss auch noch der eine oder andere Datenskandal passieren, damit das Thema noch mehr in die Öffentlichkeit, noch mehr in die Nachrichten drängt, damit dann langsam vielleicht doch ein Umdenken stattfindet. Was ganz interessant ist, dass gerade in den USA, die ja nun nicht gerade als sehr datenschützermäßig bekannt sind, dass selbst da langsam bei den Politikern ein Umdenken stattfindet. Man hat das jetzt bei der Anhörung von Mark Zuckerberg wirklich gesehen, wie er da von den Senatoren förmlich gegrillt wurde. Und da sieht man, dass, zumindest Stück für Stück in der Politik auch schon langsam ein Umdenken stattfindet. Aber das ist natürlich nur der allererste Schritt. Und da sind noch viele weitere Schritte nötig.

"Man müsste auf eine einsame Insel auswandern"

Reimann: Hat denn #DeleteFacebook, diese Kampagne, das Potenzial, so groß zu werden, so eine Schlagkraft zu entwickeln wie die #MeToo-Kampagne?

Morgenroth: Glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Weil: Ich glaube für die meisten Menschen hat das Problem, das bei Facebook jetzt gerade an der Tagesordnung ist, keine große Relevanz. Also zumindest ist das die Wahrnehmung der meisten Leute. Von daher glaube ich nicht, dass diese Kampagne so eine Schlagkraft gewinnt wie die MeToo-Kampagne. Da kann man sich viel mehr mit identifizieren, da haben viele Leute auch Betroffene in der Umgebung. Aber ich glaube, bei #DeleteFacebook ist es deutlich schwieriger, da konkret zu werden. Und da fühlen sich gerade auch in Deutschland einfach viel zu wenige Leute wirklich davon betroffen. Und von daher glaube ich, wird zumindest hierzulande die Schlagkraft deutlich geringer sein.

Reimann: Jetzt haben wir viel über Facebook gesprochen, aber das sind natürlich nicht die Einzigen, die Daten sammeln. Und diese Datensammler sind ja kaum zu umgehen. Wer sich heute ein Smartphone zulegt, der kann maximal entscheiden, ob er seine Privatsphäre lieber Google oder lieber Apple überlässt. Vielleicht hat dann auch ein Aufruf wie #DeleteFacebook etwas Fadenscheiniges, weil wir gar keine andere Möglichkeit mehr haben, als mit unseren Daten zu bezahlen.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor Abgeordnetendes US-Kongresses. (dpa / ap / Pablo Martinez Monsivais)Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor Abgeordnetendes US-Kongresses. (dpa / ap / Pablo Martinez Monsivais)

Morgenroth: Ja, das ist absolut richtig. Facebook ist ja nur ein ganz kleiner Teil des ganzen Problems. Wie Sie eben schon sagten: Es gibt viele, viele andere Firmen, die Daten von einem sammeln. Viele sind auch im Verborgenen. Also wir reden alle von Google, von Facebook, von Apple, aber es gibt natürlich noch ganz, ganz viele andere Firmen, die im Verborgenen abreiten, im Hintergrund, die auch weiterhin Daten von uns sammeln. Von daher stimmt das schon. Bei Facebook abmelden ist das eine, aber natürlich müsste man konsequenterweise sagen, ich schmeiß auch mein Smartphone weg. Da müsste man weiterhin konsequent sein und sagen: Ich möchte gar nicht mehr am modernen Leben teilnehmen. Weil: Auch außerhalb vom Smartphone und außerhalb des Internets werden ja Daten von einem im großen Maßstab gesammelt - sei es bei Behörden, bei Ärzten, Krankenkassen, Gesichtserkennung im Supermarkt, da gibt es so viele Beispiele. Wenn man wirklich sich dem Ganzen entziehen möchte, dann müsste man auf eine einsame Insel auswandern. Und das kann natürlich auch nicht die Lösung sein.

Von daher glaube ich, ist der einzige Weg, den wir gehen können, vernünftig mit dieser Technologie umzugehen, versuchen, sehr bewusst auch mit seinen eigenen Daten umzugehen und zu versuchen, zumindest langfristig, auch in der Politik ein Umdenken anzustoßen, dass man Datenschutz nicht übertreibt, dass es lästig wird - da muss man auch aufpassen -, aber natürlich Datenschutz so sinnvoll einsetzt, Firmen kontrolliert und schaut, dass dort eben nur Dinge getan werden, die auch im Sinne der Gesellschaft sind - und nicht immer nur das Geldverdienen im Vordergrund steht. Das müssen die Firmen natürlich auch machen, das ist klar. Aber es darf nicht um jeden Preis passieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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