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StartseiteCampus & Karriere"Bewerben, bewerben, bewerben! Und nicht müde werden!"28.07.2010

"Bewerben, bewerben, bewerben! Und nicht müde werden!"

Serie "Studienabbruch in Deutschland" - Teil 3: Was tun ?

Studienabbruch heißt immer auch: persönliche Krise. Zur großen Frage "Was soll ich bloß danach machen?" gesellen sich für die Studenten eine Reihe nerviger, bürokratischer Gänge, die jedoch sehr wichtig sind. Aber auch die Hochschulen müssen aktiv werden, wenn es um Studienabbrecher geht.

Von Jens Rosbach

Wer den Hörsaal endgültig verlässt und sich exmatrikuliert, muss einige bürokratische Gänge auf sich nehmen. (AP)
Wer den Hörsaal endgültig verlässt und sich exmatrikuliert, muss einige bürokratische Gänge auf sich nehmen. (AP)

"Ja, guten Tag, Walus mein Name. Ich bin momentan versichert bei Ihnen als Student. Und möchte mich jetzt wahrscheinlich exmatrikulieren lassen. Was würde das dann kosten monatlich?"

Sandra Walus sitzt in ihrer Küche, vor sich ein Ordner mit AOK-Schreiben. Die 27-Jährige studiert Politik- und Erziehungswissenschaften an der Universität Potsdam. Aber nicht mehr lange - denn sie will ihre Ausbildung abbrechen. Das Studium ist ihr zu theoretisch, die Berlinerin möchte lieber in einem kreativen Beruf arbeiten. Doch dafür muss sie erstmal eine Menge Papierkram erledigen.

"Also da muss man sich da selber versuchen durchzuwurschteln. Und Hilfe von außen gibt es da nicht so viel."

Was müssen Studienabbrecher tun, um das Kapitel Hochschule formell sauber abzuschließen?

Zuerst einmal steht der Gang zum Immatrikulationsbüro an – für die Exmatrikulation. Das geht auch mitten im Semester. Allerdings wird dabei auch das preisgünstige Semesterticket eingezogen. Wer bislang eine Ausbildungsförderung erhalten hat, sollte auch möglichst bald zum BAföG-Amt gehen.

Das Amt wird den Geldhahn allerdings sofort zudrehen. Achtung! Studien-Abbrecher, die ihre Exmatrikulation verspätet melden, bekommen Ärger.

"Dann führt das dazu, dass – wenn eine Überzahlung vorliegt – die auch zurück zu fordern ist vom Auszubildenden",

warnt Christian Gröger vom Berliner BAföG-Amt:

"Und es würde sich möglicherweise auch ein Ordnungswidrigkeiten-Verfahren anschließen, ein Bußgeldverfahren."

Auch die Krankenkasse kennt kein Pardon. Ist der Studierenden-Status weg, entfallen auch die 66 Euro Studenten-Pflichtversicherung im Monat. Fortan ist in der Regel mehr als das Doppelte zu berappen: rund 140 Euro im Monat. Jedenfalls wenn keine Arbeit aufgenommen und auch kein Hartz-IV bezogen wird.

"Und immer wieder bewerben, bewerben, bewerben! Und nicht müde werden!"

Die Berliner Studienabbrecherin Sandra Walus hat sich entschlossen, "Gestalterin für visuelles Marketing" zu werden. Mit diesem Berufsschulabschluss will sie später – möglichst kreativ – Kaufhaus-Schaufenster gestalten. Die 27-Jährige recherchiert selbst nach Ausbildungsplätzen – ging aber dennoch zur Arbeitsagentur:

"Ich bin eigentlich da nur hingegangen und habe mich da angemeldet, weil es ja die Möglichkeit gibt, kleine Zuschüsse für die Bewerbungsunterlagen zu bekommen. Weil ich echt gemerkt habe, wie teuer das alles geworden ist, Fotos machen und was da alles mit dranne hängt. Und da gibt es halt einen kleinen Zuschuss, aber da muss man halt beim Arbeitsamt gelistet sein."

Immatrikulationsbüro, BAföG-Amt, Krankenkasse, Arbeitsagentur – Studienabbrecher haben viel um die Ohren bei ihrem Krisenmanagement. Und die Hochschulen? Wie können sie ihren Studierenden den "Gang nach Canossa" ersparen? Ganz einfach: indem sie vornherein keine – oder zumindest weniger – Abbrecher "produzieren".

Die Fakultät Prozesswissenschaften der TU Berlin zeigt beispielhaft, wie das geht. Vor allem in den neuen B.A.-Studiengängen, die häufig besonders hohe Abbrecherquoten haben. Ob in den Fachrichtungen Biotechnologie, Technischer Umweltschutz oder Werkstoffwissenschaften – Studiendekan Professor Helmut Schubert hat überall auf ein angemessenes Ausbildungs-Pensum geachtet:

"Wir haben den Bachelor deshalb nicht so überfüllt."

Der Dekan hat eine Untersuchung an seiner Fakultät durchgeführt und heraus gefunden, welche zusätzlichen Maßnahmen die Abbrecherzahl senken können. Zentraler Ansatz: Die Studierenden müssen Teams bilden. Denn die vielen Module der B.A.-Ausbildung erfordern eine Arbeitsteilung der Immatrikulierten.

"Beispielsweise die Sprechstunde von Fach A ist zeitgleich mit der Sprechstunde von B und dem Tutorium von C. Als Einzelperson können Sie nur eine von Dreien machen, im Team ist es überhaupt kein Problem: Der eine geht zu A, zu B, zu C – und fertig!"

Weitere Ideen zur Steigerung des Studienerfolgs: Mehr informative Webseiten - die von vornherein keine falschen Erwartungen wecken über die Ausbildung. Mehr WLAN-Arbeitsplätze für die Studierenden. Und: Mehr Analysen, wie groß die tatsächliche Belastung der Immatrikulierten ist. Einiges wurde an der TU Berlin bereits umgesetzt. Professor Helmut Schubert hofft, dass sich andere Fakultäten und Hochschulen seinen Reformen anschließen:

"Wir sehen es im Moment unter anderem darin, dass in verschiedenen anderen Fakultäten Streiks, dauernde Sitzungen – ja einfach Äußerungen der Unzufriedenheit passieren. Das können wir für unseren Bereich nicht bestätigen."

Campus & Karriere-Serie "Studienabbruch in Deutschland":
"Ich fang' jetzt bei null an" - Teil 1: Porträt Sandra Walus
Psychotherapeut: "Scheitern gehört dazu" - Teil 2: Ursachen der persönlichen Krise

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Weitere Informationsangebote:
Bundesagentur für Arbeit: Hilfe für Studienabbrecher
Deutscher Bildungsserver: Studienabbruch
Bundesministerium für Bildung und Forschung: Das neue BAFöG

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