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StartseiteKultur heuteBewerten, aussortieren und bewahren26.09.2012

Bewerten, aussortieren und bewahren

In Köln diskutiert der Deutsche Archivtag über die Zukunft der Sammlungen

Ein Blick in die Zukunft wagt Michael Diefenbacher, Vorsitzender des Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare: Neue Wirtschaftsformen ausloten, die Bereiche Lobbyarbeit und Fundraising verstärken. Das seien neben dem Bewahren und Bewerten die wichtigsten Aufgaben von Archivaren.

Fragen von Stefan Koldehoff an Michael Diefenbacher

Eine Justizbeamtin sortiert Aktenordner in einem Nebenraum der Wirtschaftsstrafkammer des Hamburger Gerichts. (AP Archiv)
Eine Justizbeamtin sortiert Aktenordner in einem Nebenraum der Wirtschaftsstrafkammer des Hamburger Gerichts. (AP Archiv)

Stefan Koldehoff: Ob er Recht hat mit seinen Einschätzungen, das wird irgendwann die Geschichte entscheiden: Dieses seltsam ungreifbare Gebilde, Geschichte, das sich eigentlich nur an einem Ort so richtig, also in Originalbelegen und –quellen, manifestiert – in den Archiven nämlich. Rund 2400 von ihnen – private wie öffentliche, kommunale wie solche von Verbänden oder Unternehmen – sind Mitglied im "Verband deutscher Archivarinnen und Archivare". Und der wiederum veranstaltet regelmäßig den Deutschen Archivtag. Der 82. beginnt heute in Köln und hat das Thema "Kulturelles Kapital und ökonomisches Potenzial". Den Vorsitzenden des Verbandes, Michael Diefenbacher, habe ich vor dieser Sendung gefragt, ob denn ein Archivar überhaupt an die ökonomischen Aspekte seiner Tätigkeit denken darf.

Michael Diefenbacher: Wir müssen an ökonomisches Potenzial denken. Wir Archivare sind im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare nach Fachgruppen organisiert. Das beginnt mit staatlichen Archiven als Fachgruppe eins und endet mit Universitätsarchiven als Fachgruppe acht. Da zwischendrin hat es Medienarchive, Wirtschaftsarchive, Parteiarchive, kommunale Archive, kirchliche Archive. Und ich würde mal behaupten, je weniger öffentlich-rechtlich Archive oder Archivträger organisiert sind, desto eher ist das Problem des finanziellen Potenzials gegeben. Auch wir in den Kommunen müssen in irgendeiner Form nach den Vorstellungen unserer Kämmerer in der Zwischenzeit einen gewissen Deckungsgrad erbringen. Der wird nie so hoch sein wie bei einem Zoo oder so, aber es ist ein gewisser Erwartungsdruck auch im öffentlich-rechtlichen Bereich schon vorhanden.

Koldehoff: Welche Möglichkeiten hat denn ein Archiv überhaupt, Geld einzuspielen?

Diefenbacher: Ein Archiv hat die Möglichkeit, über Fundraising, über Sponsoring sich bestimmte Projekte finanzieren zu lassen. Ein Archiv hat die Möglichkeit, über Publikationen Geld einzunehmen. Ein Archiv hat die Möglichkeit, über den Verkauf von Fotos Geld einzunehmen. Ein Archiv hat die Möglichkeit, bestimmte Forschungsgruppen mit Geld zu belegen.

Koldehoff: Bleiben wir mal zunächst bei den öffentlich-rechtlichen Archiven. Spüren Sie da auch als Verbandsvorsitzender von dem, was Sie von Ihren Kolleginnen und Kollegen hören, in den letzten Jahren, in denen es den Kommunen beispielsweise gar nicht mehr so gut geht, finanziell einen steigenden Druck, was die Erwartungen angeht?

Diefenbacher: Ja, das kann man schon so sagen. Je verschuldeter die Kommunen sind, desto eher versuchen sie, auch Standards abzubauen, was natürlich uns genauso trifft wie andere kulturelle Einrichtungen, und desto höher ist auch der Druck auf die Archive, Geld in irgendeiner Form zu generieren.

Koldehoff: Nun sind ja die Aufgaben von Archiven relativ klar definiert: Sammeln, Bewahren, Aufarbeiten, der Wissenschaft und Forschung zur Verfügung stellen. Bleibt denn für diese Kernaufgaben überhaupt noch Zeit, wenn man sich jetzt überlegen muss, wie kann ich damit auch Geld verdienen?

Diefenbacher: Ich zähle zu diesen Kernaufgaben, die Sie als Kernaufgaben bezeichnen, ebenfalls die historische Bildungsarbeit. Das ist der Sektor, wo man noch am ehesten Geld damit verdienen kann. Ansonsten muss man halt versuchen den Spagat zwischen Aufbewahren, zwischen Bewerten (Vernichten) und historischer Bildungsarbeit. Den Spagat muss man halt wagen, und wer ihn wagt, der gewinnt in der Regel auch.

Koldehoff: Es gibt eine zweite gedankliche Strömung, angestoßen im vergangenen Jahr durch die Bundeskulturstiftung ausgerechnet, die die Frage gestellt hat: Müssen wir, können wir denn überhaupt noch alles so bewahren, wie wir es in der Vergangenheit getan haben? Muss denn alles tatsächlich aufbewahrt, archiviert werden, oder müssen wir nicht stärker selektieren? – Wenn Sie jetzt sagen, der Druck wird immer stärker auf die öffentlich-rechtlichen Archive, muss man dann da einen Zusammenhang sehen, oder gar die Gefahr, dass die Archive geschwächt, verkleinert, möglicherweise ganz geschlossen werden?

Diefenbacher: Wir Archivarinnen und Archivare sind Informationsbewahrer und Informationsvermittler. Das ist ganz klar. Aber ich sage immer, unsere Hauptaufgabe ist nicht das Aufbewahren, sondern unsere Hauptaufgabe ist das Bewerten, also zu entscheiden, was in Zukunft aufhebenswert ist und was nicht. Es gibt bestimmte Länder, die beispielsweise ihren Landesarchiven schon vorschreiben eine Aufbewahrungsquote von zehn Prozent dessen, was überliefert wird. Also zumindest was den öffentlich-rechtlichen Sektor anbelangt, den ich einigermaßen überschaue: Auch bei uns in Nürnberg ist es so, dass wir keine zehn Prozent dessen aufbewahren, was jährlich an Schriftgut produziert wird.

Koldehoff: Aus den Vereinigten Staaten sind kommerzielle Modelle bekannt, die ein bisschen nach der klassischen Win-Win-Situation auf den ersten Blick aussehen: Firmen digitalisieren ganze Archive, beispielsweise im Nationalarchiv in Washington, stellen die dann übers Internet online und gegen eine jährliche Benutzergebühr kann jeder darauf zugreifen. Wissenschaftler können vom Schreibtisch aus recherchieren, sparen Reisekosten, zahlen dann vielleicht lieber auch diese Benutzungsgebühr. Wäre das auch ein Modell für Deutschland?

Diefenbacher: Der rechtliche Hintergrund in den USA ist ein anderer wie bei uns. Ich sehe momentan keinen Bereich, zumindest im öffentlich-rechtlichen Sektor, wo ganze Archive digitalisiert werden würden. Zweifelsohne gibt es bei uns auch Bereiche, wo Firmen daran interessiert sind zu digitalisieren, vor allem im Bereich der Personenstandsüberlieferung, die ein ganz bestimmtes Interesse daran haben, genealogisches Material zu verfilmen und dies weltweit zur Verfügung zu stellen, und da gibt es auch Kooperationen von Archiven im öffentlich-rechtlichen Bereich mit diesen Firmen.

Koldehoff: Wenn Sie jetzt beim Deutschen Archivtag über Zukunftskonzepte für Archive diskutieren werden, was sind dann die dringlichsten Anliegen?

Diefenbacher: Die dringlichsten Anliegen sind in der Tat, neue Wirtschaftsformen eventuell auszuloten, oder den Bereich Lobbyarbeit und Fundraising noch zu verstärken, weil wir stehen in vielem da noch am Anfang und es gibt sicherlich Felder, die momentan noch gar nicht in unserem Blickwinkel sind, und wir hoffen schon, dass auf diesem Kongress solche Felder mit diskutiert werden können.

Koldehoff: ... , sagt Michael Diefenbacher, der Vorsitzende des Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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