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StartseiteKommentare und Themen der WocheMerkel ist an Trump gescheitert08.06.2019

Beziehungen zu den USAMerkel ist an Trump gescheitert

Die Hoffnung, mit US-Präsident Donald Trump eine vernünftige Arbeitsbeziehung hinzubekommen, müssen die Deutschen begraben, meint Gregor Peter Schmitz. Der Bundesregierung sei es nicht gelungen, einen Draht ins Weiße Haus zu etablieren. Es reiche nicht aus, auf das Ende des "Spuks Trump" zu warten.

Von Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur Augsburger Allgemeine

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Königin Elizabeth II. von Großbritannien, Donald Trump, Präsident der USA, seine Frau Melania, First Lady der USA, Prokopis Pavlopoulos, Präsident von Griechenland, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Mark Rutte, Ministerpräsident der Niederlande, und Xavier Bettel, Premierminister von Luxemburg, nehmen an der Gedenkveranstaltung in Portsmouth zum 75. Jahrestag des D-Day teil.  (dpa / Kay Nietfeld)
D-Day-Gedenkveranstaltung im britischen Portsmouth (dpa / Kay Nietfeld)
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So viel Geschichtsunterricht gab es selten. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schwärmte von der historischen Ausnahmestellung der USA, die stets im Kampf um die Freiheit am größten gewesen sei - und Kanzlerin Angela Merkel soufflierte rund um die Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des D-Day fleißig. Adressat der gemeinsamen Geschichts-Nachhilfe auf allerhöchster  Ebene: natürlich US-Präsident Donald Trump.

Hat die kleine Lektion Wirkung gezeigt? Natürlich nicht. Trump ließ Merkel bei einem kurzen Treffen dennoch stehen wie ein Schulmädchen und "vergaß" den Handschlag mit ihr – zuvor hatte er vom coolen Kampf seiner Amerikaner gegen die Nazis in einer Form geschwärmt, als werde auf dem Heimflug einen Tweet absetzen, in dem er den amerikanischen Sieg im 2. Weltkrieg als direkten Ausfluss seiner erfolgreichen Politik reklamiert.

Entsprechend ernüchternd muss die Bilanz dieser europäischen Besuchs-Woche des Präsidenten ausfallen. Natürlich, Trump hat die größten Fettnäpfchen ausgelassen. Er hat weder die britische Königin in ihrem eigenen Palast vom roten Teppich gerempelt, er hat sich nicht in weitere Gefechte mit Herzogin Meghan verwickelt, die er noch vor seiner Anreise als "fies" bezeichnet hatte. Auch fiel er nicht durch übertriebenes Gähnen während der Gedenkfeierlichkeiten in der Normandie auf.

Eine zweite Bankrotterklärung?

Aber dass all dies überhaupt erwähnenswert ist, zeigt ja nur, wie niedrig die Erwartungen an diesen Präsidenten geworden sind. Die Hoffnung, mit Trump einen "deal" oder zumindest eine vernünftige Arbeitsbeziehung hin zu bekommen, müssen vor allem die Deutschen begraben. Ihnen entgegen zu kommen, passt nicht in Trumps politisches Geschäftsmodell - das, schon mit Blick auf die angestrebte Wiederwahl, nur darauf abzielt, Gegner zu identifizieren. Dafür eignen sich die deutschen Exportweltmeister die angeblich Amerikas Unternehmen reihenweise über den Tisch ziehen, bestens.

Selbst ranghohe deutsche Regierungsvertreter räumen ein, dass es in über zwei Jahren Trump nicht gelungen ist, wenigstens ansatzweise einen vertrauensvollen Draht ins Weiße Haus zu etablieren. Merkel, die schon so manchen komplizierten Macht-Menschen gezähmt hat, ist an Trump gescheitert.

Sollten wir Deutsche also einfach darauf setzen, dass der Spuk Trump bei der nächsten Präsidentschaftswahl ein Ende findet (obwohl sich ein Hoffnungsträger oder eine Hoffnungsträgerin bei den US-Demokraten noch keineswegs abzeichnet)? Nein, das wäre eine zweite Bankrotterklärung.

Denn man muss nicht zum "Trump-Versteher" werden, um zu begreifen, dass dessen Rolle in der US-Geschichte über die des Politclowns und Medienphänomen hinaus reicht. Henry Kissinger, der weise - wenn auch umstrittene - Altmeister der Diplomatie, hat ihn eine besonders Figur genannt, die es in der Geschichte immer wieder gebe: Anführer, die gnadenlos Schwächen einer Gesellschaft offenlegten, ohne eigene Lösungen anzubieten.

Ordnungsgefüge des Multilateralismus verteidigen

Trump erfüllt diese Prophetenrolle. Nicht alles was er kritisiert, ist ja per se falsch. Trump hat Recht, dass China gerade eine Rolle als Weltmacht wiederfindet, auf die es nach seinem Selbstverständnis einen Anspruch hat - die aber mit unseren westlichen Wertevorstellungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft wenig gemein hat. Trumps hat auch Recht, dass die Globalisierung nicht nur Gewinner hervorgebracht hat, und mit unserem globalen Kapitalismus vieles nicht stimmt. Dass ein zweifelhafter Geschäftsmann mit schlechten (Luxus)-Geschmack diesem Unmut Gehör verschafft, ist eine Ironie der Geschichte.

Und schließlich hat Trump Recht- so wenig wir Deutsche das hören wollen - dass Deutschland sich vor einer echten Gestaltungsrolle in der Welt lange gedrückt hat. Sigmar Gabriel, Ex-Außenminister und bald Chef der Begegnungsorganisation Atlantik-Brücke, hat darauf hingewiesen, in einer Welt voller Fleischfresser könne Deutschland nicht als Vegetarier überleben - und eine Politik des Raushaltens stoße an ihre Grenzen.

Über diese Herausforderungen - China, ein globaler Kapitalismus mit menschlichem Antlitz und unsere Rolle in der Welt - werden wir Deutsche nicht mit Trump Lösungen erarbeiten können. Das kann er, siehe Kissinger, auch gar nicht. Im Gegenteil: wir müssen gegen ihn das Ordnungsgefüge des Multilateralismus verteidigen, wie es Merkel in ihrer fulminanten Harvard-Rede gerade getan hat.

Aber, auch daran erinnert Trumps Europa-Visite, wir müssen zugleich die Zeit nutzen, um Antworten auf die Herausforderungen zu finden, die Trump so krude aufzeigt. Nur dann kann es nach Trump besser werden - denn auch wenn er weg ist, wird sein Einfluss nachwirken.

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