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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenBeziehungsorgan Gehirn14.08.2008

Beziehungsorgan Gehirn

Die Neurobiologie sozialen Verhaltens

Nicht der Mensch nimmt die Welt wahr und handelt, sagen manche Neurowissenschaftler, sondern sein Gehirn bestimmt letztlich, wie er die Welt sieht. Ein interdisziplinäres Projekt aus Philosophen, Psychiatern und Entwicklungspsychologen mehrerer Universitäten möchte nun aber den Spieß umdrehen. Für sie ist das Gehirn nicht der Erzeuger, sondern nur ein Medium der sozialen Realität des Menschen.

Von Martin Hubert

Entscheidet mein Gehirn, wie ich mich verhalte? (AP)
Entscheidet mein Gehirn, wie ich mich verhalte? (AP)

"Das Gehirn und seine Wirklichkeit" heißt ein einflussreiches Buch des Bremer Hirnforschers Gerhard Roth. Darin legt er nahe, dass die Nervennetzwerke unter der Schädeldecke bereits die fertigen Konstruktionsprinzipien enthalten, mit deren Hilfe der Mensch die Wirklichkeit ordnet und sich und andere Menschen versteht. Auch andere Hirnforscher sprechen manchmal so, als sei das Gehirn eine bestens ausgestattete Insel, für die die umgebende kulturelle und soziale Welt nur ein bloßer Reizlieferant ist.

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt der Universitäten Heidelberg, München und Berlin möchte dieser Sichtweise in den kommenden drei Jahren nun eine andere Perspektive gegenüberstellen. Das Gehirn sei keineswegs ein biologisch und genetisch festgelegtes Organ, sondern würde durch die soziale Umwelt entscheidend mitgeprägt. Thomas Fuchs, Psychiatrieprofessor in Heidelberg und Leiter des Projekts:

"Das Gehirn wird also durch Beziehungen geformt, es ist aber auch ein Organ, das wesentlich unsere Beziehungen vermittelt, das unsere Interaktionen und unsere Beziehungen zur natürlichen und sozialen Umwelt trägt, sodass wir in der Welt leben und mit den Anderen, mit der Umwelt interagieren können. In diesem Sinne ist das Gehirn eben ein vermittelndes oder ein Beziehungsorgan."

"Das Gehirn - ein Beziehungsorgan", so ist auch der Name des Forschungsprojekts. In einem gleichnamigen Buch hat Thomas Fuchs bereits einige Grundideen dafür entwickelt, wie die Hirnforschung vom neuronalen Kopf auf die sozialen Füße gestellt werden könnte. Etwa am Beispiel der sogenannten Spiegelneurone, die vor einigen Jahren entdeckt wurden. Das sind Hirnzellen, die zum Beispiel nicht nur aktiv werden, wenn jemand nach einer Tasse greift, sich ekelt oder Schmerz empfindet, sondern auch, wenn das bei anderen Menschen beobachtet wird. Sie spiegeln also das Verhalten anderer Personen im Gehirn. Eigentlich zeigt diese Entdeckung, wie stark das Gehirn auf soziale Beziehungen hin orientiert ist. Manche Neurowissenschaftler interpretieren sie aber wieder so, als ob das soziale Geschehen durch die Spiegelneurone konstruiert werde. Das, so Thomas Fuchs, sei aber schon empirisch nicht haltbar:

" Wir wissen, dass es bestimmte Spiegelneurone gibt, die reagieren, wenn ich mit der Hand zu einer Tasse greife, um zu trinken, das heißt wenn offensichtlich die Situation die eines Frühstücks ist, das für mich gedeckt ist. Wenn aber der Tisch jetzt schon halb abgeräumt und leergegessen ist und die Person greift wieder nach der Tasse, dann reagieren die nicht, sondern es reagieren Neurone, die sozusagen den Kontext einbeziehen "Tasse greifen, um sie zum Abspülen zu bringen". Das heißt die Situation "Tisch abräumen und spülen" ist eine andere als die, "nach einer Tasse greifen, um zu trinken". Und wenn es nun auf dieser Ebene tatsächlich Differenzierungen gibt im Spiegelneuronensystem, dann ist ja völlig klar, das offenbar der Kontext mit erfahren und gelernt werden muss, damit die jeweiligen Spiegelneurone dann so spezifisch reagieren können auf die Situation."

Das Gehirn stellt zwar Anlagen zur Verfügung, mit deren Hilfe man die soziale Realität verstehen kann. Welche Nervennetzwerke im Gehirn jedoch konkret aktiviert werden, darüber entscheidet immer die Situation, in der der gesamte Mensch steht. Soziale Erfahrung ist also ein eigenständiger Einflussfaktor. Allerdings wollen die Forscher den Einfluss des Sozialen auf das Beziehungsorgan "Gehirn" natürlich nicht nur am Beispiel von "Trinken-Können" und "Spülen-Müssen" untersuchen. Sie möchten von Grund auf verstehen, wie sich das Gehirn des Säuglings und Kleinkinds als soziales Organ entwickelt. Sabina Pauen, Heidelberger Professorin für Entwicklungspsychologie und Biologische Psychologie, widmet sich daher einem ganz entscheidenden Schritt in der frühkindlichen Entwicklung: der Unterscheidung zwischen unbelebten und belebten Objekten.

Denn diese mit dem siebten Monat einsetzende Differenzierung ebnet erst den Weg für ein soziales Verständnis der Welt. Bei unbelebten Objekten nämlich haben die Kleinen nur die feststehenden Gesetze der Physik zu lernen: Wann bewegt sich etwas? Wann fällt es herunter?

"Bei Lebewesen ist es so, da hängt es eben genau davon ab, welche Erfahrungen ich mache: sind die zuverlässig oder sind sie es nicht? Mein Wissen über Lebewesen baue ich als eigenständigen Wissensbereich auf und es könnte sein, dass wenn die Kinder keine normalen Erfahrungen in dieser Hinsicht machen, sich auch ihr Wissen über Menschen, über Psychologie anders entwickelt und sie dann natürlich auch in sozialen Interaktionen mehr Verhaltensprobleme haben, wenn sie keine richtigen Ideen darüber entwickeln, wie Menschen sich verhalten."

Sabina Pauen möchte daher mit Hirnstrommessungen untersuchen, was im Gehirn etwa um den siebten Lebensmonat herum passiert, wenn Kinder darauf vorbereitet werden, die Motive und sozialen Absichten anderer Personen zu erkunden. Ein weiteres Projekt untersucht die Interaktionen zwischen depressiven Müttern und ihren Kindern. Auch in Heidelberger Studien, so Thomas Fuchs, hat sich nämlich gezeigt, dass depressive Mütter oft regelrecht gelähmt auf ihre Kinder reagieren.

"Wenn die Mutter nicht immer rechtzeitig, sondern nur verzögert oder gar nicht auf Beziehungsangebote, auf Bewegungen oder Handlungen des Kindes reagiert, dann wird das Kind nicht die Erfahrung von Selbstwirksamkeit machen,. Es wird nicht merken, das, was ich tue, hat eine Auswirkung auf meine Umgebung und wird sich nach und nach zurückziehen, wird also nicht in so eine lebendige und intensive und stimulierende Interaktion mit der Umwelt kommen. Und es wird sich gegenüber anderen Erwachsenen ähnlich verhalten wie gegenüber der depressiven Mutter, selbst wenn die ganz anders und lebendig mit ihnen reagieren."

Bisherige Studien zeigen auch: Wenn Kinder in den ersten Lebensmonaten regelmäßig solchen depressiven Verhaltensmustern ausgesetzt sind, ist ihre geistige Leistungsfähigkeit im frühen Schulalter oft generell eingeschränkt. Unklar ist jedoch, wodurch das in der dazwischen liegenden Zeit verursacht wird. Sabina Pauen möchte daher zwei Hypothesen nachgehen.

"Das eine wäre: Die Kinder, die keine normalen sozialen Erfahrungen machen, geraten häufiger unter Stress und wir wissen, dass diese Stresshormone durchaus toxisch wirken können im Gehirn. Also es könnte sein, dass einfach das Stresshormon der vermittelnde Mechanismus ist, der erklärt, warum wir hinterher bei den Kinder Verhaltensauffälligkeiten und kognitive Defizite finden. Die zweite Möglichkeit ist, dass das Kind grundsätzlich etwas über die Regelhaftigkeit und Ordnung der Welt lernt in sozialen Interaktionen, als ganz kleines Baby. Wenn es da jetzt erlebt, dass es keine zuverlässigen Antworten gibt, dann könnte es sein, dass sein Vertrauen in diese Regelhaftigkeit der Welt nachhaltig gestört ist, und es dann einfach nicht mehr so stark exploriert und nicht mehr so sehr nach Ordnung sucht. Und das seinerseits würde mit Entwicklungsverzögerungen einhergehen, die sich dann eben im sozialen Bereich und im Denken auswirken können."

Die Frage ist also: Ist bei solchen Kindern langfristig der Stresslevel erhöht oder bestehen eher Mängel in der normalerweise immer besser werdenden Fähigkeit, die Vielfalt der Welt zu kategorisieren? Solche Forschungen sollen auch in Leitlinien dafür münden, wie soziale Räume gestaltet werden sollten, damit sich die Gehirne kleiner Kinder gut entwickeln können.

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