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StartseiteKommentare und Themen der WocheSchutz durch den Gesetzgeber sieht anders aus27.06.2018

BGH-Urteil zu LebensversicherungenSchutz durch den Gesetzgeber sieht anders aus

Der Bundesgerichtshof erlaubt den Lebensversicherern, mehr Erträge aus den sogenannten Bewertungsreserven einzubehalten. Gut möglich, dass sich jetzt das Modell Lebensversicherung erledigt habe, kommentiert Ursula Mense. Und dennoch: Zur Entscheidung der Richter gebe es keine wirkliche Alternative.

Von Ursula Mense

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Der Versicherungsschein einer Lebensversicherung.  (imago / Rainer Unkel)
Die Branche müsse jetzt Branche neue, wirklich attraktive Modelle entwickeln, kommentiert Ursula Mense. (imago / Rainer Unkel)
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Ja, es ist ein bitteres Urteil. Für all jene, die sich mehr erhofft und die zu Konditionen abgeschlossen haben, die ihnen ein sorgenfreies Alter bescheren sollten. Jetzt wird ihnen viel von dem genommen, was versprochen war. Abgesegnet durch den Bundesgerichtshof.

Und ja, geklaute Bewertungsreserven kommen einer Enteignung gleich, wie der Bund der Versicherten sagt, wenn nach jahrelangen Einzahlungen die Ausschüttung am Ende geschrumpft ist und als Grundlage für ein abgesichertes Leben im Alter nicht mehr reicht. Schutz durch den Gesetzgeber sieht anders aus.

Und ja, wieder sind es die Verbraucher, die Opfer einer ultralockeren Zinspolitik werden, deren Ende nicht abzusehen und deren Sinnhaftigkeit zumindest umstritten ist.

Trotzdem: Zur Entscheidung der Richter gibt es keine wirkliche Alternative. Sie mussten im Sinne aller Versicherten urteilen. Vor allem derer, die jünger sind und deren Lebensversicherung erst in vielen Jahren fällig wird.

Solidarprinzip gestärkt

Schon lange leiden Renten- und Lebensversicherungen unter der Zinsflaute. Was die Versicherer einst versprachen, können sie kaum mehr erwirtschaften. Wenn sie weiterhin hochprozentige Papiere verkaufen müssen, um jetzt fällig werdende Auszahlungen zu begleichen, bleibt für die Zukunft nichts mehr übrig. Ein "weiter so" auf Kosten Vieler wäre die Alternative gewesen. Insofern haben die Richter mit ihrem Urteil das Solidarprinzip gestärkt.

Das Modell Lebensversicherung aber haben sie damit nicht gerettet. Auch wenn die Politik das gern anders sieht. Sie hält weiterhin ihre schützende Hand über die Branche, hat sie den Bürgern doch lange die Lebensversicherung als ergänzende Altersvorsorge ans Herz gelegt.

Tatsache aber ist: Wer heute eine Lebensversicherung abschließt, muss damit rechnen, dass am Ende außer einem inflationsbereinigten Verlust nichts bleibt. Das klappt auch unter dem Kopfkissen.

Gut möglich also, dass sich spätestens mit dem Tag heute das Modell Lebensversicherung erledigt hat. Es sei denn, die Branche nutzt die Zeichen der Zeit und ersinnt neue, wirklich attraktive Modelle, mit geringeren Begleitkosten für Provisionen und ähnliches. Die Zinspolitik können die Versicherer nicht beeinflussen. Aber für geringere Kosten einer Lebensversicherung und vor allem für mehr Transparenz ihrer Angebote könnten sie durchaus sorgen.

Ursula Mense, Jahrgang 1953, hat in Münster, Marburg und London Germanistik und Anglistik studiert. Nach einem längeren USA-Aufenthalt hat sie für verschiedene öffentlich-rechtliche Radio- und TV-Sender mit den Schwerpunkten Umwelt-, Agrar- und Sozialpolitik gearbeitet und Magazine unterschiedlichen Formats moderiert. Seit 2014 gehört sie zum Team der Dlf-Redaktion "Wirtschaft und Gesellschaft".

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