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StartseiteKultur heuteBetroffenheitskunst und Symbolpolitik22.05.2019

Biennale VeneziaBetroffenheitskunst und Symbolpolitik

Eigentlich versteht sich die Kunstbiennale als ästhetische Leistungsschau der Gegenwartskunst. Dennoch wurde sie in den letzten Jahren immer häufiger zum Schauplatz politischer Aktionen. Kritiker bemängeln, diese Spektakelkunst lenke von einer sorgfältigen künstlerischen Analyse der politischen Kultur ab.

Von Carsten Probst

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Das Wrack der Barca Nostra, ein im Jahr 2015 versunkenes Schiff, das 700 Migranten an Bord hatte, steht im Arsenale auf der Art Biennale Venedig 2019. (picture alliance/Felix Hörhager/dpa)
Das Wrack der Barca Nostra, ein im Jahr 2015 versunkenes Schiff, das 700 Migranten an Bord hatte, steht im Arsenale auf der Art Biennale Venedig 2019. (picture alliance/Felix Hörhager/dpa)
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Es gibt Kunstaktionen, die funktionieren nur in Venedig gut. Christoph Büchels Bootswrack im alten Militärhafen des "Arsenale" ist groß, der spektakulär zerbeulte und löchrige Stahlkörper erzeugt wie alle Schrottvehikel eine unpersönliche Form von Mitleid. Und die Symbolik des gescheiterten Schiffes ist als Todeszeichen so fest verankert im Bildgedächtnis der Kunst von Théodore Géricault bis Caspar David Friedrich, dass man kaum anders kann, als davor innezuhalten.
In diesem zerstörten Gefährt starben zahlreiche Menschen bei ihrer Flucht über das Mittelmeer nach Europa, erfährt man später über Texte. Büchel will das reale Elend der Flüchtenden mit symbolischer Urgewalt in die traditionell beschauliche Oberflächlichkeit der Biennale einbrechen lassen, macht sich aber leider gerade dadurch ihre Gesetze besonders eindrucksvoll zu eigen.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

Betroffenheitsästhetik, die, schnell konsumierbar, bei Publikum und Künstler gleichermaßen für gutes Gewissen sorgt, weil man der moralischen Botschaft natürlich nur zustimmen kann, die dabei aber letztlich ebenso gefahr- wie folgenlos bleibt. Politische Kunst als bloßer Handlungs- und Bewusstseinsersatz: Die Biennale ist traditionell schon wegen der Nationenpavillons der beste Ort für wohlfeile Symbolpolitik. So auch auf einem der zahlreichen an die Biennale angegliederten Kunstevents, das sich dem Kampf gegen Kriegsgräuel und Völkermorde verschrieben hat:

"And we believe, that it is time to take atrocity prevention out from the halls of government, and we encourange everybody as individuals, (…) to think about, how can we make sure, that the horrible things, that had happened everywhere do not repeat."

Es ist Zeit, die Verhinderung von Gräueltaten aus den Hallen der Regierungen hinaus jedem Einzelnen zu übertragen. Wie kann jeder Einzelne verhindern, dass sich Völkermorde jemals wiederholen? – "Artivism", der Titel einer Ausstellung in einem herrschaftlichen Palazzo am Canal Grande ist ein Akronym aus dem englischen "Art" für Kunst und "Activism" für politischen Aktivismus und propagiert Kunst als einen Weg, darüber nachzudenken, wie man in Zukunft Völkermorde und Kriegsgräuel verhindern kann. An den Wänden der Ausstellung hängen neben den Bildern kleine Merkzettel mit Handlungsanweisungen, die die Besucher wie Kettenbriefe mitnehmen und verbreiten sollen: Nimm dir Zeit, den Opfern zuzuhören, heißt es da, bring die Geschichten der Opfer unter die Leute. Kopiere diesen QR-Code hier mit deinem Smartphone und schau dir das Video einer hilfsbedürftigen Person an. Teile dieses Video mit deinen Freunden.

Einige Künstler verweigern sich der Politisierung

Mittlerweile gibt es aber auch genügend Kuratorinnen und Künstlerinnen, die sich dieser symbolpolitischen Bigotterie auf der Venedig-Biennale bewusst entziehen. Auch der dieses Jahr preisgekrönte Litauische Pavillon mit seinem inszenierten Badestrand gehört dazu, denn die Gleichgültigkeit der versammelten Pauschaltouristen in dieser szenischen Installation lässt sich ziemlich mühelos als die Haltung des Kunstpublikums selbst auf der Biennale identifizieren, und diese ist ja ihrerseits nicht viel anderes als das Traumschiff der Kunstwelt, das alle zwei Jahre zu seinem feucht fröhlichen Betriebsausflug in See sticht. Auch der Deutsche Pavillon arbeitet gegen die Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie auf diesem Luxusdampfer, die Künstlerin entzieht der Öffentlichkeit ihr Gesicht, ihren Namen und ihren Lebenslauf, die Schau im Inneren ist karg und buchstäblich roh, die Wände wurden nach dem Abbau der letzten Biennale einfach so belassen wie sie waren, im Inneren türmt sich ein riesiger Staudamm auf. Beileibe kein Ort zum Wohlfühlen, aber eben auch kein Ort der Bigotterie.

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