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StartseiteInterviewBierdel: Tote Flüchtlinge werden zur Abschreckung in Kauf genommen05.10.2013

Bierdel: Tote Flüchtlinge werden zur Abschreckung in Kauf genommen

Mitbegründer von Menschenrechtsorganisation zum Flüchtlingsdrama

Weil die EU keine legalen Zugangswege offen lasse, ermögliche sie Flüchtlingsschleppern ihr häufig todbringendes Geschäft, sagt Elias Bierdel, Vorstandsmitglied der Menschenrechtsorganisation borderline-europe. Auch Menschen, die zum Beispiel berechtigte Asylgründe vorbringen könnten, hätten keine Möglichkeit zur Einreise.

Elias Briedel im Gespräch mit Jürgen Zurheide

Mitbegründer der Menschenrechts-organisation borderline-europe: Elias Bierdel. (Komitee Cap Anamur)
Mitbegründer der Menschenrechts-organisation borderline-europe: Elias Bierdel. (Komitee Cap Anamur)

Jürgen Zurheide: Das war der Bericht von Henryk Jarczyk, und wir wollen beim Thema bleiben und wollen uns fragen, was passiert denn eigentlich im Mittelmeer wirklich, kann man so etwas verhindern. Und wir wollen mit jemandem reden, der sich auskennt, nicht zuletzt auch aus eigener Erfahrung. Wir wollen reden mit Elias Bierdel, dem Gründungsmitglied der Organisation borderline-europe. Zunächst einmal schönen guten Morgen, Herr Bierdel!

Elias Bierdel: Guten Morgen nach Köln!

Zurheide: Wie verzweifelt müssen Menschen eigentlich sein, dass sie solche Risiken auf sich nehmen? Ich frage da jemanden, der das ja am eigenen Leibe praktisch erlebt hat, der selbst mal Menschen aufgenommen hat. Also, wie verzweifelt sind die, dass man auf Lebensgefahr übers Meer schippert?

Bierdel: Also wir wissen, dass diese Menschen jedenfalls sehr triftige Gründe haben. Niemand bricht zum Spaß auf, das ist ja klar, und viele, die da unterwegs sind, die meisten sind sich auch darüber im Klaren, dass sie hier ein sehr hohes Risiko für ihr Leben eingehen. Das haben wir damals schon an Bord der Cap Anamur so gehört, dass sie uns gesagt haben: "Na und, wir wissen, wir haben eine 50-Prozent-Chance, wir probieren es einfach, wir haben keine Alternative. Hier, wo wir herkommen, können wir nicht bleiben, dort sind keine Lebensgrundlagen mehr, wir versuchen, nach Europa zu kommen." Und das trifft eben wohl auf die allermeisten Opfer dieser letzten schrecklichen Katastrophe ebenfalls so zu.

Zurheide: Wir reden über ein Ereignis, was Ihnen damals persönlich passiert ist, mit der Cap Anamur, das war 2004, und jetzt könnte ich fast die ketzerische Frage stellen: Damals hat man so ähnlich diskutiert wie heute, was ist seither eigentlich passiert?

Bierdel: Passiert ist, dass sehr, sehr viel weitere Menschen gestorben sind, unbeachtet irgendwo dort draußen auf dem Meer verschwunden sind. Angeblich hat man sie nicht gesehen, aber wir haben immer mehr Zweifel daran, dass das wirklich stimmt. Wir hatten ja schon im Jahr 2004 im Mittelmeer massive Hinweise darauf, dass die meisten Boote gesehen werden. Es gab präzise Ortungsdaten, aber ohne Rettungsauftrag von sinkenden Booten, und so ist es bis heute. Wenn jetzt ein solches Schiff hier sinkt, kaum einen Kilometer von der Küste entfernt, und man uns erzählen möchte, man hätte es gar nicht gesehen, ein Boot dieser Größe, mit 500 Menschen an Bord, dann ist das einfach nicht glaubwürdig. Nein, das Schreckliche ist, was wir annehmen müssen, dass man tatsächlich hier im Sinne von Abschreckung und Abschottung in Kauf nimmt, dass Menschen in großer Zahl ums Leben kommen. Von etwa 20.000 wissen wir über die letzten Jahre, und wie viele es sonst noch sind, die irgendwo verschwunden sind, ohne dass wir es erfahren, das weiß kein Mensch. Auf jeden Fall nimmt dies eine gewaltige Dimension an, eine Katastrophe, wie sie in Europa seit dem Krieg eigentlich auf keinem anderen Gebiet mehr zu beklagen ist.

Zurheide: Jetzt heißt es natürlich, die Herkunftsländer müssten mehr tun, das sind so Stimmen, die wir aus Berlin hören. Ist das eigentlich realistisch, dass die Herkunftsländer etwas tun können, um die Menschen dort, ja, festzuhalten, hätte ich jetzt fast gefragt?

Bierdel: Also man hat ja in den letzten Jahren immer wieder schändliche Verträge geschlossen, auch mit den Diktatoren in Nordafrika, speziell mit Gaddafi, auch mit der tunesischen Regierung, genau mit diesem Ziel, dass Flüchtlinge oder Migrantinnen und Migranten, die versuchen könnten, von Afrika aus Europa zu erreichen, dort zurückgehalten werden – sie sind dort in irgendwelchen Folterlagern verschwunden. Wir wussten das in Europa, wir haben dafür bezahlt, Milliarden und Abermilliarden. Gaddafi zum Beispiel wollte eine Küstenautobahn bauen für 30 Milliarden Euro, und man hätte ihm dieses Geld sicherlich auch gegeben. Dann kam es anders in Nordafrika, und wenn man so will, ist das einer der Gründe, warum die Katastrophe nun so offen zutage tritt. Denn diese Art von Vereinbarung, "haltet uns die Flüchtlinge vom Leib und wir bezahlen euch dafür", die funktioniert nun nicht mehr oder nur noch teilweise. Und jetzt kommen eben wieder mehr Boote und Europa schreit Alarm, anstatt ernsthaft darüber nachzudenken, wo die wirklichen Ursachen liegen dieser Bewegungen, und dort anzusetzen. Denn das geschieht natürlich nicht. Wir versuchen, mit repressiven Maßnahmen hier etwas in den Griff zu kriegen, das geht so nicht, sie können nicht einfach Migration verbieten. Da müsste man sehr ernsthaft und sehr fundamental ansetzen – Sie sagen es – in den Herkunftsländern, aber das geschieht eben nicht oder nur halbherzig. Stattdessen schafft Europa fortlaufend durch seine Politik und speziell gegenüber Afrika weitere Fluchtgründe und Migrationsgründe.

Zurheide: Ich werde gleich mit Ihnen noch darüber reden, was man denn tun könnte, sollte, müsste, auch die Europäische Union. Ich will doch die Parenthese öffnen und fragen: Natürlich kann man diesen Schleppern, die an diesem Elend auch noch furchtbar viel Geld verdienen … Könnte man denen das Handwerk legen, oder ist der Ansatz völlig falsch?

Bierdel: Also Sie können mir glauben, ich hab ganz wenig Sympathie für Menschen, die ihr Geld verdienen mit dem Elend von anderen. Da ich aber selber schon mal unter Schlepperverdacht im Gefängnis gesessen habe, in Europa, weiß ich auch, wie schnell man in diesen Geruch kommen kann. Fest steht, Sie können durch restriktive Maßnahmen und immer höhere Strafen gegen Schlepper das Problem nicht wirklich lösen, denn es ist ja gerade erst die Logik der Abschottung und Abschreckung, die diesen Schleppern ihr Geschäft ermöglicht. So rum wird ein Schuh daraus. Wenn Sie glauben, Sie können das Problem lösen, indem sie mehr Menschen ins Gefängnis bringen, das ist einfach ersichtlichermaßen Blödsinn. Es gibt hier Kollegen von mir, die das auf die Formel bringen zu sagen, es ist erst die Europäische Union, die den Schleppern ihr Geschäft ermöglicht, weil sie eben keine legalen Zugangswege offen lässt für Menschen, die zum Beispiel berechtigte Asylgründe hier vorbringen könnten. Und wenn das nicht geschieht, dann gibt es eben sogenannte illegale Wege, und dann braucht man jemanden, der einem da hilft. Das sind dann eben die Schlepper, die nehmen Geld dafür, und dann beißt sich die Katze in den Schwanz.

Zurheide: Jetzt mach ich’s andersrum, auch zugegeben provokativ, um Sie noch ein bisschen zu locken. Wir können natürlich in Europa auch nicht das Elend des gesamten Kontinents Afrika aufnehmen, auflösen – was könnte, was sollte die Europäische Union aus Ihrer Sicht tun?

Bierdel: Also zumindest muss sie sofort alles unterlassen, was den Druck auf Menschen dort erhöht, ihre Heimatregion zu verlassen. Ich erwähne hier nur die äußerst unfairen Handelsbeziehungen. Sie wissen – und das wissen wir alle, es steht ja in der Zeitung, es ist ja banal geradezu –, dass die Agrarsubventionen in Europa die Märkte speziell in Westafrika zerstören. Wir kippen subventionierte Güter dorthin, und dadurch ist kein Produzent mehr vor Ort in der Lage mitzuhalten mit den Dumpingpreisen aus Europa. Das ist ein einfacher wirtschaftlicher Grund. Wir fischen ihnen ihre Fischgründe leer, und am Ende steht dann der Klimawandel und seine Folgen, die ganz eindeutig auf Kosten der Industrienationen gehen. Die Verantwortung liegt bei uns, auch in der Europäischen Union. Ganz Afrika ist nicht einmal mit fünf Prozent an der Emission von Treibhausgasen beteiligt. Das sind die Dinge, wo wir hinschauen müssten, und wenn wir die Frage nach Verantwortung stellen. Es gibt natürlich auch home grown afrikanische Ursachen, das will ich gar nicht leugnen, aber wir müssen uns zumindest der Verantwortung stellen, die wir hier in Europa zu tragen haben. Und der Anteil ist wahrscheinlich höher, als die meisten Menschen es hier in ihrem Alltag sich vorstellen können.

Zurheide: Danke schön! Das war Elias Bierdel, der Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Menschenrechtsorganisation borderline-europe. Wir haben dieses Interview kurz vor der Sendung aufgezeichnet.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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