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StartseiteUmwelt und VerbraucherDigitalisierung in der Landwirtschaft mit Nebenwirkungen14.11.2018

Big Brother im KuhstallDigitalisierung in der Landwirtschaft mit Nebenwirkungen

Ob eine Kuh sich viel oder gar nicht bewegt - Landwirte können mit digitaler Technik im Stall die Tiere genau überwachen. Auf der weltweit größten Messe für landwirtschaftliche Nutztierhaltung, "Eurotier", werden die Möglichkeiten gezeigt. Doch Tierethiker warnen: Die Technik entfremde Mensch und Tier.

Von Dietrich Mohaupt

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Milchkühe von Landwirt Schwarting stehen am 02.02.2015 in Stadtland (Niedersachsen) auf seinem Hof in einem Stall. Schwarting bekam für den ersten Platz im Wettbewerb der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V. für Milcherzeuger die "Goldene Olga" sowie einen Geldpreis von 3.500 Euro. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)
Wie geht's der Kuh? Digitale Technik im Stall unterstützt die Landwirte (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)
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Ein Rundgang über die Sonderschau der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) zum Thema "Digital Animal Farming" beginnt eigentlich ganz analog – mit einer Kuhattrappe und einer Schaufensterpuppe, verkleidet als Melker. Die kleine Szene steht für die Milchwirtschaft, wie sie sich noch in den 1970er und 80er Jahren präsentierte: Kühe in Anbinde-Haltung in kleinen Ställen, mühsame Handarbeit … von Technik noch keine Spur, erläutert Uwe Mohr vom Landwirtschaftlichen Bildungszentrum im mittelfränkischen Triesdorf.

"Und dann kamen eben die ersten Technisierungsansätze wie die elektronische Melkmaschine, Pulsation, und vor circa 20 bis 25 Jahren kam dann die Robotik, die automatisierten Melksysteme in unseren Ställen zum Einsatz."  

Melkroboter erkennt auch die Qualität der Milch

Und aus denen hat sich dann der moderne Melkroboter entwickelt, wie er gleich ein paar Schritte weiter im Einsatz - ebenfalls an einer Kuhattrappe -  zu bestaunen ist. Ein Roboterarm schwenkt in Position, Laserscanner suchen sich das Euter, mit weichen Bürsten werden die Zitzen gesäubert, dann saugen sich die Zitzenbecher an – und die Milch beginnt zu fließen. So weit, so gut – das kennt man seit Jahren. Dieser Melkroboter sammelt aber nebenbei noch jede Menge Daten, betont Rosemarie Oberschätzel-Kopp von der Herstellerfirma Lely.

"Zum Beispiel ist hier ein Wiegeboden integriert, das heißt, es wird bei jeder Melkung das Gewicht des Tieres erfasst. Es wird die Milchmenge gemessen, es wird die somatische Zellzahl gemessen, das heißt also Hinweise auf Euterentzündung beispielsweise. Fett, Eiweiß wird gemessen, die Milchfarbe wird erfasst, zum Beispiel wenn irgendwo Blutbeimengungen wären, würde diese Milch sofort wegsepariert werden. Das sind all diese Dinge, die hier während des Melkprozesses automatisch erfasst, gespeichert und verrechnet werden."  

Zusätzlich tragen die Kühe einen sogenannten Responder um den Hals, über den der Melkroboter die einzelnen Tiere identifizieren kann. Dieses Gerät sammelt permanent weitere Daten über die Kuh – über ihre Aktivität im Tagesverlauf, wie lange sie wiederkäut, liegt sie viel in der Box, wie bewegt sie sich? Zusammen mit den Daten aus dem Melkroboter laufen diese Informationen zentral an einer Stelle zusammen.

"Wir haben eine ganz zentrale Schnittstelle – und zwar ist das unser Herdenmanagementsystem – T for C, Time for Cows, heißt das ausgeschrieben. Der Landwirt hat die Möglichkeit, in der Früh, wenn er in den Stall kommt, erst mal zu schauen, welche Tiere sind auffällig, welche brauchen wirklich seine Aufmerksamkeit, welche sind krank, welche waren in den letzten zwölf Stunden beispielsweise nicht beim Melken – genau diese Kühe kann er sich dann ganz gezielt holen."  

Überwachung bedeutet nicht automatisch mehr Tierwohl

Spezielle 3D-Scanner überwachen den Körperbau der Kühe, prüfen ständig ihre Bewegungen, andere Sensoren senden nach der Aufnahme über das Futter aus dem Magen der Tiere Daten zum Stoffwechsel. Massiver Technikeinsatz führe aber nicht automatisch zu mehr Tierwohl, mahnt Tierethiker Thomas Blaha. Das habe vor allem die Entwicklung in den vergangenen Jahren gezeigt, so der Vorsitzende der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz.

"In den Anfangsjahren und bis heute eigentlich hat diese Technik dazu geführt, dass die Menschen weniger und kürzer im Stall waren – und häufig übersehen haben, dass Tiere krank geworden sind, denen es dann ganz schrecklich ging, wenn sie erst nach drei, vier, fünf Tagen entdeckt worden sind."  

Der Einsatz modernster Technologie dürfe eben nicht allein darauf ausgerichtet sein, die menschliche Arbeitskraft als Kostenfaktor im landwirtschaftlichen Betrieb möglichst zu gering zu halten, fordert Blaha, denn "die Lebensqualität der Tiere steht und fällt mit der empathischen Zuwendung der Menschen, unter deren Verantwortung diese Tiere sind."  

Was allerdings nicht bedeute, dass moderne Technik in der Tierhaltung grundsätzlich ein Übel sei.

"Diese Schwarzmalerei, immer mehr Technik ist die Entfremdung vom Tier – das ist eben eine Mähr. Man kann es auch tun, immer mehr Gutes für das Tier zu machen und Dinge mit anzudocken an die Betreuung des Menschen, die der Mensch ohne elektronische Hilfsmittel so nicht sehen und erkennen kann."  

Der Melkroboter beendet einen Demonstrationsdurchgang – der Roboterarm schwenkt zurück in die Ausgangsstellung. Ein großes  Display zeigt jetzt jede Menge Daten an – Daten die dem Landwirt helfen, seinen Betrieb möglichst wirtschaftlich zu führen, die aber auch für mehr Tierwohl sorgen, so Uwe Mohr.

"Früher waren solche Maschinen da, Milch zu erzeugen und die Mindestwerte für die Milchqualität zu erfassen. Jetzt sind sie so weit mit diesen vernetzten Sensoren, dass wir bei jedem Melken ein absolut genaues Gesundheitsbild der Kuh geliefert bekommen, und dass das heißt, wir unterstützen das Tierwohl sehr stark, indem wir sehr früh irgendwelche Unregelmäßigkeiten natürlich feststellen. Wir können uns dadurch viel früher und besser um die Tiere kümmern."

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