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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Was machen Politiker eigentlich beruflich?"11.03.2019

Bijan Kaffenberger"Was machen Politiker eigentlich beruflich?"

Bijan Kaffenberger möchte in seinem Buch jungen Lesern erklären, wie Politik funktioniert. Das Tourette-Syndrom und ein eigener Youtube-Kanal haben ihn bekannt gemacht. Doch er wollte selber politische Verantwortung übernehmen und sitzt seit Mitte Januar für die SPD im hessischen Landtag.

Von Moritz Küpper

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Schüler mit Smartphone (Verlag Rowohlt, imago/PhotoAlto/Dinoco Greco)
Bijan Kaffenberger: „Was machen Politiker eigentlich beruflich?“ Ein Buch für die „Generation Smartphone“ (Verlag Rowohlt, imago/PhotoAlto/Dinoco Greco)
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Nun also als Buch. Dieser Gedanke liegt nahe, wenn man sich mit Bijan Kaffenbergers Taschenbuch beschäftigt. "Was machen Politiker eigentlich beruflich?", fragt Kaffenberger, Jahrgang 1989, sympathisch grinsend auf dem Cover - und schiebt nach: "Fragen an die da oben." Denn: Das Prinzip des Buches, es ähnelt dem "Youtube"-Kanal, den Kaffenberger betreibt:

"Tourettikette", heißt der Kanal, der bereits millionenfach geklickt wurde und in dem Kaffenberger Fragen beantwortet:

"Christian fragt: 'Hey Bijan. Ich lerne das eine oder andere mal echt attraktive Frauen kennen. Wenn diese sich dann wegen fehlender Bildung, rassistisch zu aktuellen Flüchtlingssituation äußern, verlieren sie schlagartig ihre Attraktivität. Wie gehe ich möglichst cool damit um, damit doch was draus wird?' Lieber Christian, zuerst einmal: Wo treibst Du Dich denn rum? Gehst Du etwa in Nipster-Läden, dass Du solche Mädels kennenlernst?"

Buch für die "Generation Smartphone"

Als "Das Politikbuch für die Generation Smartphone", bewirbt es daher auch der Verlag - und man darf gespannt sein, ob es diese Inhalte sind, die das junge Publikum dazu verleiten werden, das Smartphone beiseite zu legen, um eben das Buch zu lesen. Denn: An der Bedeutung des Inhalts dürfte es nicht scheitern und auch die Struktur ist - wie geschildert - der eines "Youtube"-Kanals ähnlich. 23 Begriffe hat Kaffenberger, der seit vergangenem Herbst für die SPD im hessischen Landtag sitzt, dafür ausgewählt und einfach Fragen dazu formuliert:

Frage: "Lieber Bijan, Menschenwürde ist ja nichts Greifbares. Was ist sie genau, und wie könnte man sie überhaupt antasten?"

Antwort: "'Alle in dieser Verfassung verliehene gesetzgebende Gewalt ruht im Kongress der Vereinigten Staaten, der aus einem Senat und einem Repräsentantenhaus besteht.' Das ist der erste Satz der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika. Aber derzeit ist es vielleicht nicht die beste Idee, ein Kapitel zum Thema Menschenwürde mit den USA zu beginnen. Der Fisch stinkt ja bekanntlich vom Kopf her. Vielleicht sollten wir uns lieber der 'Grande Nation' zuwenden. Monsieur Macron hat zwar auch seine Schwächen, aber im Vergleich zu Mr. Trump verhält er sich durchaus menschenwürdig. [...] Die Würde des Menschen ist unantastbar, natürlich. Sie soll nicht etwa unangetastet bleiben, nein, sie kann gar nicht angetastet werden. Denn Würde steht jedem Menschen zu. Ja, das gilt auch für Donald Trump."

So beginnt diese Struktur. Kaffenberger bemüht sich um einfach-verständliche Sprache, er ist ein Freund von Zitaten. Die Kapitel sind lexikalisch angehaucht, wie beispielsweise bei den Stichworten "Bundesrepublik", "Direkte Demokratie" und auch "Die Rente" oder eben aktuellerer Natur wie bei "Facebook, Daten und die Politik", "Krieg im Netz" und "Schnelles Internet für alle".

Ohnehin fällt auf, dass das Buch einen Schwerpunkt Digitalisierung aufweist, wobei Kaffenberger wichtig ist, dass dies – trotz seines Anliegens, die Politikverdrossenheit seiner Generation zu bekämpfen – keine Frage von jung oder alt ist:

"Ich meine, natürlich ist Digitalisierung, insbesondere in der Verbindung mit Bildungspolitik, ein Thema für Schule. Aber es ist natürlich auch für die Menschen, die im Beruf stehen ein Thema für Weiterbildung. Und es ist natürlich auch ein Thema für ältere Menschen, die jetzt, ich sag mal, mit der Technik nicht groß geworden sind, von Teilhabe. Also, ich kann ja heutzutage auch im Rentenalter wunderschön im Internet Dinge tun und mit Leuten kommunizieren und ich glaube, es gibt doch super viele Beispiele dafür. Es sind ja dann die sogenannten Silversurfer im Netz unterwegs."

Zudem hat das Buch auch - natürlich – biografische Züge. Kaffenberger weiß, dass er auch wegen des Tourette-Syndroms Interesse weckt.

"Also, ich glaube, es hilft. Aber es darf eben dabei nicht bleiben, weil es geht bei mir mit meinem Tourette jetzt nicht darum, in dieser Aufmerksamkeits-, ich sag mal, -Phase zu bleiben. Das ist jetzt natürlich ganz spannend, dass da mal ein Landtagsabgeordneter mit Tourette drinsitzt, aber im Wesentlichen müssen wir eigentlich dahinkommen, dass meine Wahl zu irgendwas oder in irgendein Amt halt eben nicht mehr als so besonders dargestellt wird, dass jetzt jeder darüber berichten muss, weil es halt Normalität geworden ist. Also, ich meine, das ist natürlich noch ein langer Weg und das ist natürlich auch die Optimal-Vorstellung, aber das ist zumindest das langfristige Ziel."

Von "denen da unten" zu "denen da oben"

Er selbst lässt sich von seinen körperlichen Tics nicht einschränken. Ein Kapitel behandelt auch Kaffenbergers Landtagskandidatur in Hessen für die SPD:

"Seit meinem Eintritt in die SPD waren etwa 10 Jahre vergangen, als ich in meinem Büro im Thüringer Wirtschaftsministerium in Erfurt saß. Zu dieser Zeit spürte ich, dass ich zwar sehr viel Spaß in meinem Job als Referent hatte, aber von meinem Naturell her tendenziell eher Politiker als Verwaltungsmensch war.

Ich wollte mehr in den Vordergrund, im Parlament sprechen, Interviews geben und eigene Schwerpunkte setzen. Nicht zuletzt wollte ich auch raus aus der Hierarchie und dem engen Rahmen, den das Ministerium vorgab. Mich reizte es, mein eigener Chef in der Politik zu sein. Das lag weniger daran, dass ich meinen Vorgesetzten nicht mochte – ganz im Gegenteil. Ich hatte das Gefühl, dass ich noch mehr für Menschen und natürlich auch für mich erreichen konnte, wenn ich außerhalb der langsam mahlenden Mühlen des Ministeriums agieren würde."

Nun vertritt er den Wahlkreis Darmstadt II und gehört somit selbst zu "den da oben", wie es im Titel heißt. Doch, wer die eigentliche Frage – Was machen Politiker eigentlich beruflich? – direkt und klar beantwortet haben möchte, der muss sich wohl noch ein wenig gedulden, was auch der Schluss des Buches zeigt:

"Jetzt gilt es, im Landtag die Dinge zum Besseren zu verändern und den Wahlkreis voranzubringen. Eine große Aufgabe liegt vor mir, die Erwartungen zu erfüllen und ein guter Abgeordneter zu sein. Dabei muss man sich immer vor Augen halten, was Willy Brandt 1992 auf einem Kongress der Sozialistischen Internationale sagte: 'Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.'"

Es ist diese sympathische Offenheit, die mitunter naiv wirkt, der anschauliche, biographische Stil, aber auch die kleinteilige Struktur, die das Buch schnell lesbar machen. Wer sich jedoch wirklich eine Antwort auf die Politiker-Frage erhofft, der sollte eher warten, bis Kaffenberger vielleicht nach der ersten Legislaturperiode seine Erlebnisse aufschreibt.

Bijan Kaffenberger: "Was machen Politiker eigentlich beruflich? Fragen an die da oben",
Rowohlt Verlag, 272 Seiten, 9,90 Euro.

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