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StartseiteKultur heuteQuotendebatte statt Qualität20.05.2019

Bilanz des Berliner TheatertreffensQuotendebatte statt Qualität

Beim Berliner Theatertreffen präsentiert eine unabhängige Kritikerjury jedes Jahr ihre "zehn bemerkenswertesten Inszenierungen" der Saison. Diesmal war das Festival geprägt von der Diskussion um die neu eingeführte Frauenquote – die gezeigten Theaterarbeiten enttäuschten größenteils.

Von Barbara Behrendt

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Die Mitglieder des Bühnenkollektivs She She Pop zeigen nach der Verleihung des Berliner Theaterpreises ihre Urkunde. (dpa / Paul Zinken)
Das Bühnenkollektiv She She Pop bei der Verleihung des Berliner Theaterpreises (dpa / Paul Zinken)
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Von diesem Theatertreffen werden allenfalls ein, zwei Inszenierungen in Erinnerung bleiben. In die Annalen des Festivals wird 2019 als das Jahr eingehen, in dem seine Chefin Yvonne Büdenhölzer die 50/50-Frauenquote ausgerufen hat. Denn dass diesmal bei nur drei der zehn Produktionen Frauen Regie führten, war ihr viel zu wenig:

"Ich glaube, dass man mit so einer Quote wirklich etwas bewegen kann, dass man auch einen Impuls setzen kann in die Landschaft hinein. Und meine Hoffnung ist, dass mehr Regisseurinnen auch auf den großen Bühnen inszenieren werden können."

Übergriffige Entscheidung

Büdenhölzers Paukenschlag ist so erklärlich wie übergriffig. Das Theatertreffen ist weltweit das einzige Festival, bei dem Kritikerinnen und -kritiker völlig unabhängig, frei von finanziellen und logistischen Umsetzungsproblemen, ihre Entscheidung treffen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht jetzt die Kunstfreiheit gefährdet. Sie sei überzeugt,

"dass es bei einer paritätisch mit Männern und Frauen besetzten Jury, wie es sie beim Theatertreffen ja seit vielen Jahren gibt, einer zusätzlichen Frauenquote nicht bedurft hätte. Das Theatertreffen als eine Art Besten-Auswahl der deutschen Bühnen sollte ja die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen eines Jahres allein nach ästhetisch künstlerischen Kriterien zusammenstellen. Die Vermischung von Qualitäts- mit Strukturkriterien, mit Vorgaben also für das Auswahlergebnis, konkret: die besten sollen gewinnen, aber nur, wenn mindestens die Hälfte davon Frauen sind, halte ich für kulturpolitisch widersprüchlich."

Kleine Theater könnten profitieren

Büdenhölzer hofft dagegen auf einen Nebeneffekt der Quote: Häuser abseits der Metropolen könnten dadurch in den Fokus rücken. Denn dort haben sich schon jetzt viele Regisseurinnen durchgeboxt – man setzt, etwa in Potsdam und Karlsruhe, oft mehr auf Gendergerechtigkeit als auf brachial-ästhetische Hypes, wie sie eben zumeist von Regie-Männern an großen Bühnen durchgesetzt werden. Die Jury wird ihren Blick also verändern müssen – das könnte ein Segen sein.

Denn: So wie in diesem Jahr kann es mit dem Theatertreffen nicht weitergehen. Acht der zehn Regisseurinnen und Regisseure waren bereits früher eingeladen worden, viele mehrfach. Zu sehen waren keine Weiterentwicklungen ihrer Arbeit – sondern meist Kopien, oft sogar schwächere.

Simon Stone zappte im Glashaus auf der Bühne diesmal nur müde durch die Konversationen der Bewohner seines "Hotel Strindberg". Thom Luz führte in "Girl from the Fog Machine Factory" die gleichen Nebeltricks vor wie vor zwei Jahren. Sebastian Hartmanns "Erniedrigte und Beleidigte" schrien noch ein wenig kryptischer und hysterischer als sonst schon.

Regisseure reproduzieren ihren Stil

Bei einer Diskussion im Begleitprogramm wurde der Filmregisseur Andreas Dresen grundsätzlich:

"Der Regisseur wird gleichzeitig mit einem bestimmten Stil identifiziert, über den er sich dann weiterverkauft. Und das nervt, weil natürlich auch ein Regisseur, der sich am Markt behaupten muss, anfängt, seinen Stil immer weiter zu reproduzieren, was mich als Zuschauer dann wiederum nervt. Wenn ich in eine Aufführung gehe und schon ganz genau weiß: Castorf, sechs Stunden, Drehbühne, Kameras. Das könnte man für zig Regiekollegen fortsetzen. Man könnte eine superlustige Parodie machen über das deutsche Theaterunwesen. Als ob man einen persönlichen Stil auf etwas aufdrücken muss, damit man wiedererkennbar wird." 

Hauptsache trendiges Spektakel

Die Jury hat das Kriterium "bemerkenswert" mehr und mehr eingeschrumpft zum Etikett "exzentrisch". Sie ist fixiert auf die Super-Promis der ästhetischen Innovation. Der Trend regiert. Die Performance-Gruppe She She Pop huldigt, eher dilettantisch, dem partizipativen Theater. Flachen Pop-Diskurs erlebt man in Claudia Bauers und PeterLichts Molière-Überschreibung des "Tartuffe". Vom jungen Publikum gefeiert wurde Christopher Rüpings groß entworfenes Antikenspektakel "Dionysos Stadt", das allerdings nur an der Oberfläche der Mythengeschichten kratzt.

Dagegen standen nur Thorsten Lensings präzise, spielfreudige Version des Romans "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace und Ulrich Rasches wuchtige, beklemmende Choreografie "Das große Heft", bei der sich 16 Schauspieler auf zwei gigantischen Drehscheiben zur Kriegsmaschine formieren. 

Ob die Jury nun tatsächlich ihren Blick verändern wird, muss sich zeigen. Die nächsten Einschränkungen könnten aber bald schon folgen. Auf die Frage der "Süddeutschen Zeitung", ob es nicht konsequent wäre, die Quote auch für Menschen mit nicht-deutscher Herkunft, mit queerer Orientierung oder aus bildungsfernen Schichten einzuführen, antwortete Büdenhölzer: "Ja, das wäre der nächste Schritt."

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