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StartseiteKommentare und Themen der WocheBiden - eine solide Alternative zu Trump30.09.2020

Bilanz eines unterirdischen TV-DuellsBiden - eine solide Alternative zu Trump

US-Präsident Donald Trump habe in der TV-Debatte mit dem demokratischen Kandidaten Joe Biden ein beunruhigendes Verständnis von Demokratie offenbart, kommentiert Doris Simon. Bidens Auftritt sei zwar nur solide gewesen. Aber in Zeiten von Pandemie und Wirtschaftskrise sei solide eine ernsthafte Alternative.

Von Doris Simon

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In dieser Bildillustration sind US-Präsident Donald Trump und der demokratische Präsidentschaftskandidat und frühere Vizepräsident Joe Biden während der ersten Fernsehdebatte auf einem Smartphone-Bildschirm zu sehen (imago / ZUMA /  Pavlo Gonchar)
Machte das TV-Duell zu einem unwürdigen Schlammcatchen: Donald Trump (imago / ZUMA / Pavlo Gonchar)
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TV-Duell zwischen Trump und Biden Attacke versus Themen

Es war ein unterirdischer Abend in Cleveland. Das TV-Duell war für Präsident Trump die Chance, aufzuschließen zu seinem Herausforderer, indem er noch unentschlossene Wählerinnen und Wähler überzeugt: mit einer gezielten Ansprache, mit entsprechenden Themen. Aber der Präsident hat so reagiert, wie er unter Druck immer reagiert. Er hat härter und unfairer zugeschlagen und dafür gesorgt, dass diese Debatte als die chaotischste und schmutzigste in die US-amerikanische Fernsehgeschichte eingehen wird.

Von Beginn an hielt sich Trump an keine Regel, unterbrach Biden ständig, brüllte ihn nieder, und ging gezielt unter die Gürtellinie. "Jetzt halt doch endlich mal den Mund, Mann", rief Joe Biden irgendwann und bezeichnete seinerseits den Präsidenten als Clown und Depp.

Beunruhigendes Verständnis von Demokratie

Donald Trump hat das TV-Duell gestern zu einem unwürdigen Schlammcatchen gemacht. Er hat unentschlossene Wählerinnen und Wähler nicht nur verschreckt, er hat sie regelrecht in die Arme von Joe Biden getrieben. Selbst treue Vasallen Trumps – wenn sie sich denn trauen, etwas zu sagen - waren am Morgen danach geschockt. Dieses TV-Duell wird allen republikanischen Kandidaten Stimmen kosten.

Wirklich beunruhigend aber bleiben die 90 Minuten Einblick in Donald Trumps Verständnis von Demokratie, Recht und seiner eigenen Verantwortung. 205.000 Corona-Tote in den USA und 30 Millionen Arbeitslose in Folge der Pandemie? Alles die Schuld der Chinesen. Kein Mitgefühl. Kein Problem hat der Präsident auch mit offen rassistischen Milizen. Die rechtsextremen Proud Boys freuten sich noch am Abend in den sozialen Netzwerken: Der Präsident hatte sie vor laufenden Kameras aufgefordert, sich bei Anti-Rassismus-Protesten zurück, aber auch bereit zu halten. 

Das eigene Wahlsystem systematisch beschädigt

Donald Trump ahnt, dass er die Wahlen verlieren könnte, und um das zu verhindern, greift er zu Mitteln, die zum Handwerkszeug von Autokraten gehören. Auch gestern hat er wieder versucht, mit Lügen und Halbwahrheiten das Vertrauen der US-Bürger in die Sicherheit der Wahl zu untergraben und Briefwahl mit Betrug gleichgesetzt. Er weiß, dass deutlich mehr demokratische Wähler ihre Stimme per Brief abgeben als republikanische. Verlaufe die Wahl unfair, dann müsse der Supreme Court über den Wahlausgang entscheiden. Was unfair ist, bestimmt Trump, und bis zum 3. November, so sein Kalkül, wird das Oberste Gericht mit der dann frisch ernannten Richterin Barrett zuverlässig konservativ besetzt sein. Ein Präsident, der die eigenen Bürger vom Wählen abhalten will und das eigene Wahlsystem systematisch beschädigt, ist ein Brandstifter, eine Gefahr für die Demokratie. Gestern konnte es jeder sehen.

Solide ist eine ernsthafte Alternative

Joe Biden hatte genau hier einen seiner starken Momente in der Debatte. Er wandte sich direkt an die Zuschauer und forderte sie auf, wählen zu gehen, ob per Brief oder direkt. Die Wahlen seien sicher, und am Ende werde Trump gehen, wenn er abgewählt werde, das habe er auch bei seinen geschäftlichen Fiaskos immer so gemacht. Insgesamt war Bidens Auftritt eher solide als herausragend. Aber das könnte reichen. Donald Trump hat gestern die Latte noch einmal tiefer gelegt. Solide ist eine ernsthafte Alternative in Zeiten von Pandemie und Wirtschaftskrise und angesichts der Furcht vor noch mehr Chaos und Spaltung. Vor allem, wenn die Alternative ein Brandstifter ist.

Doris, Referentin Programmdirektion Deutschlandradio (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Doris Simon, geboren 1964 in Bonn, ist Deutschlandradio-Korrespondentin für die USA und Kanada. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und einem Studium der Geschichte, Politik und Kommunikation arbeitete sie als freie Journalistin für Fernsehen und Hörfunk in Bonn und Berlin. Für RIAS Berlin und später Deutschlandradio berichtete sie als Korrespondentin aus Bonn und Brüssel, sie hat als CvD und in der Programmdirektion im Deutschlandfunk gearbeitet und war viele Jahre Moderatorin und Redakteurin der "Informationen am Morgen".   

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