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StartseiteKommentare und Themen der WocheDem Shootingstar droht der Absturz19.06.2020

Bilanz-Skandal bei WirecardDem Shootingstar droht der Absturz

Der digitale Bezahldienstleister Wirecard könnte wegen milliardenschwerer Ungereimtheiten in der Bilanz aus dem DAX fliegen. Der Chef ist schon zurückgetreten. Dabei ist das Geschäftsmodell von Wirecard überzeugend, meint Michael Watzke. Eine Pleite wäre jammerschade.

Von Michael Watzke

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Die Firmenzentrale von Wirecard in Ascheim (Bayern) (dpa-Bildfunk / Peter Kneffel)
Eine Pleite des Shooting Stars Wirecard würde auch den Ruf des Finanz- und Digitalisierungsstandorts Deutschland treffen (dpa-Bildfunk / Peter Kneffel)
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Schock, Skandal  und Tragödie - der Fall Wirecard ist alles drei. Schock, weil es so was noch nie gab und auch kaum möglich schien. Ein milliardenschweres DAX-Unternehmen, also eines der dreißig größten, renommiertesten Unternehmen in Deutschland, zerlegt sich innerhalb von 24 Stunden fast komplett selbst. Der Aktienkurs: abgeschmiert. Das Image: pulverisiert. Der Chef: hinauskatapultiert. 

Wirecard droht, was bisher keinem Unternehmen in der Geschichte des DAX widerfuhr: der Rausschmiss aus dem Index aufgrund massiver Bilanzfälschungs-Vorwürfe. Dass ein deutsches Vorzeige-Technologie-Unternehmen offenbar jahrelang die angebliche Existenz von 1,9 Milliarden Euro vortäuschen konnte, ist ein Schock. Und ein Skandal.

Etwas ist gewaltig schiefgelaufen

Nicht nur für Wirecard und seinen Ex-Chef und Gründer Markus Braun, der in einem gestern Nacht aufgezeichneten Erklärungsvideo wie ein nervöser Kapitalmarkt-Junkie agiert, der die gespreizten Finger über den Tisch schiebt wie ein verzweifelter Pianist auf der Suche nach den richtigen Tasten.

Es ist auch ein Skandal für die Prüf-Institutionen. Wo war im mutmaßlichen Betrugsfall Wirecard eigentlich die Bafin, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht? Und was haben die angeblich so renommierten Bilanz-Checker von "Ernst & Young" jahrelang gemacht?

Wenn heute zwei asiatische Banken aus der nicht unbedingt jedem sofort geläufigen Stadt Makati auf den Philippinen mitteilen, dass die Unterschriften unter den milliardenschweren Salden-Bestätigungen eines dubiosen Treuhänder-Anwaltes mit Fachrichtung Familienrecht offenbar gefälscht sind, dann ist etwas gewaltig schiefgelaufen.

Der DAX-Shootingstar Wirecard steht wie eine billige Provinz-Klitsche da, die mit windigen Geschäftspartnern finanzielle Sicherheit und Kreditwürdigkeit vorgaukelt und damit hunderttausende Kunden und Anleger täuscht.

Wirecard-Pleite wäre jammerschade

Und darin liegt die Tragödie. Denn das Geschäftsmodell von Wirecard klingt weiterhin überzeugend. Seine Software-Lösungen für mobiles Bezahlen und Internet-Shopping loben viele unabhängige Experten als wegweisend. Wirecard könnte von Corona profitieren, die Welt in der Pandemie sicherer machen und damit noch Geld verdienen.

Sollte das Unternehmen heute den Rückhalt seiner Gläubiger-Banken verlieren und tatsächlich pleite gehen - es wäre jammerschade. Nicht nur für 6.000 Mitarbeiter, nicht nur für zehntausende Kleinanleger, sondern auch für das Vertrauen in den Finanz- und Digitalisierungsstandort Deutschland. Dagegen hilft nur eines: restlos und schonungslos aufklären. Staatsanwaltschaft München, bitte übernehmen Sie!

Michael Watzke  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.

 

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