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StartseiteBücher für junge LeserDie Zeit als Raum28.08.2021

Bilderbuchdebüt von Johanna SchaibleDie Zeit als Raum

Woher kommen wir, wohin gehen wir? Johanna Schaible unternimmt in ihrem Bilderbuchdebüt einen Flug durch die Zeit von der Entstehung der Erde bis in unsere Zukunft. Die Schweizer Künstlerin verdichtet die Zeit zu einer visuellen Geschichte von großer Faszinationskraft.

Von Thomas Linden

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Die Autorin Johanna Schaible: "Es war einmal und es wird noch lange sein" (Ruben Holliger / Hanser Literaturverlage)
Johanna Schaible hat viele Jahre lang an ihrem experimentellen Bilderbuchdebüt gearbeitet (Ruben Holliger / Hanser Literaturverlage)
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Was ist das doch für ein eigenartiges Buch? Schlägt man es auf, findet sich auf jeder Doppelseite ein großes Bild. Blättert man weiter, werden die Seiten bis zur Mitte des Buches immer kleiner. Dann werden sie wieder größer. "Es war einmal und wird noch lange sein" lautet der Titel, und in ihm ist bereits die ganze Geschichte enthalten. Eine Geschichte über die Zeit.

Kontinuität der Zeit

Erstaunlich ist das Bilderbuch der Schweizer Künstlerin und Illustratorin Johanna Schaible schon deshalb, weil das Zeitphänomen gewöhnlich mit Hilfe von Physik und Astronomie erklärt wird. Naturwissenschaftliche Ansätze bleiben jedoch abstrakt. Johanna Schaible verbindet hingegen das Universelle mit dem Privaten. Sie beschreibt die Kontinuität der Zeit von der Entstehung der Erde über das Zeitalter der Dinosaurier und die Errichtung der Pyramiden bis in unsere Gegenwart hinein. Ja, bis an die Bettkante des Kindes, das gerade schlafen geht.

Dieses Kunststück gelingt ihr, indem sie all ihre Bilder als Landschaften entwirft. In den frühen Tagen regiert das Feuer in Rot und Schwarz die Erdoberfläche. Später ist es das Blau der Ozeane und schließlich das Halbdunkel des Kinderzimmers, in dem die Vergangenheit in einen magischen Augenblick mündet, der sich Satz für Satz ankündigt:

"Vor einem Jahr zogen die Vögel nach Süden. Vor einem Monat war noch Herbst. Gestern gab es ein Gewitter. Vor einer Stunde ist die Sonne untergegangen. Vor einer Minute wurde das Licht gelöscht. Jetzt! Wünsch dir was!"

Wohltuende Freundlichkeit

Das ist der Moment der Gegenwart, der sich im Zentrum des Buches befindet und in dem eine Sternschnuppe am Nachthimmel erscheint. Einen eleganteren Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft kann man kaum schlagen. Bei aller Leichtigkeit, mit der dieses Buch sein Sujet entfaltet, offenbart sich die Reife, mit der es entwickelt und immer weiter perfektioniert wurde. Denn Johanna Schaible präsentiert uns in einer Epoche, in der die Zeit als reißender, unbarmherziger Fluss erlebt wird, der auf nichts als den Tod zusteuert, einen versöhnlichen Zeitbegriff. Ihr Buch verströmt Seite für Seite eine wohltuende Freundlichkeit.

Schaible zeigt die Zeit als einen großen Raum, in dem wir uns entwickeln können. In dem alles seinen Ort und seine Dauer hat. Sie arbeitet mit Acryl- und Aquarellfarben, die breite Pinselstriche und zugleich feine Präzision erlauben. Dann montiert sie ihr Material zu Collagen, in denen sich die Details zu Panoramen fügen.

Das Bildmaterial ist geschichtet, der Seeblick ebenso wie das Panorama des Wochenmarkts. Das erzeugt Stabilität und die Vorstellung eines Raums, der ein Gefühl der Geborgenheit schenkt. Das "Es war einmal", mit dem die Märchen beginnen, ist nicht verloren, sondern hält an. Es trägt die Gegenwart, die auf der anderen Seite von der Zukunft, dem "es wird noch lange sein", gehalten wird. Ein lineares Zeitmodell, in dem sich eines aufs andere bezieht. Die Beziehung hält, so dass wir einen Ort haben, eine Heimat und damit auch einen Sinn.

Keine Angst vor dem Verstreichen der Zeit

Nun könnte es beklemmend werden, wenn die Stationen von der Vergangenheit vorbestimmt und festgelegt wären. Seine Freundlichkeit gewinnt das Buch jedoch, indem es stets die Möglichkeit zur Veränderung enthält. So wie die Tür des Kinderzimmers einen Spalt breit angelehnt bleibt oder die Menschen vor Urzeiten winzig klein durch die Landschaft zogen auf der Suche nach einem neuen Zuhause, öffnen sich auch die Bilder zu den Rändern hin. Einladend und nachdenklich präsentiert Johanna Schaible mit gezielten Fragen die Zukunft als Vorstellungsraum.

"Wo wohnst du in zehn Jahren? Was wirst du entdecken, wenn du groß bist? Wirst du eines Tages Kinder haben? Woran wirst du dich erinnern, wenn du alt bist? Was wünschst du dir für die Zukunft?"

Offenes Menschenbild

Wer das Buch liest, muss selbst Antworten finden. Ein zutiefst offenes Menschenbild liegt der Arbeit von Johanna Schaible zugrunde. In ihrer Widmung betont sie, dass ihr Buch "für die Erwachsenen von morgen und die Kinder von gestern" gedacht sei.

Dieses Generationen übergreifende Buch kommt im richtigen Moment. In unserer Gegenwart, in der einerseits die digitalen Medien die Zeit in kurze Augenblicke der Information auflösen, und andererseits die Pandemie die Zeit unendlich zu dehnen scheint, gibt dieses Buch Zuversicht. Johanna Schaible zeigt, dass man vor dem Verstreichen der Zeit keine Angst haben muss. Ihre Bilder preisen die Dauer, in der eine Qualität der Zeit enthalten ist. Alles, was den Menschen wichtig ist, wie die Liebe, die Kreativität oder die Schönheit, lebt von der Dauer und verleiht uns das Rüstzeug für die Zukunft. Gut, dass uns dieses unglaubliche Buch daran erinnert.

Johanna Schaible: "Es war einmal und wird noch lange sein"
Carl Hanser Verlag, München. 56 Seiten, 18 Euro, ab 5 Jahren.

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