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BildungKinder und das Coronavirus – wie es um die Gefahr der Ansteckung und Verbreitung steht

Ein Grundschüler mit Mundschutz stellt seine Ranzen im Klassenzimmer ab. (picture alliance / Christian Charisius)
200.000 Schüler in Quarantäne, 3000 infizierte Lehrer: Wie ansteckend sind Kinder? (picture alliance / Christian Charisius)

Angesichts der deutschlandweit steigenden Corona-Infektionszahlen und hunderttausenden Schülerinnen und Schülern in Quarantäne wird erneut die Frage laut, welche Rolle Kinder und Jugendliche bei der Übertragung des Coronavirus spielen.

In den vergangenen Wochen ist die Zahl der nachgewiesenen Infektionen auch bei Kindern deutlich gestiegen. Dies meldet der "Spiegel" unter Berufung auf das Robert Koch-Institut. Demnach wurden in der ersten Novemberwoche mehr als 10.400 Infektionen bei Kindern unter 14 Jahren gemeldet. Anfang September sind es demnach noch weniger als 1.000 gemeldete Infektionen in der gleichen Gruppe gewesen.
 
Laut RKI wurde die Infektiosität im Kindesalter bisher selten untersucht und kann daher nicht abschließend bewertet werden. Die Ansteckungsrate durch Kinder war dem RKI zufolge in Studien ähnlich hoch wie bei Erwachsenen. Studien zur Viruslast bei Kindern zeigen demnach keinen wesentlichen Unterschied zu Erwachsenen. Kinder waren laut RKI aber weniger empfänglich für eine Ansteckung mit dem Virus als Erwachsene, wobei Kleinkinder sich in noch geringerem Maße infizierten als Schulkinder.

Kinder in Bayern: hohe Dunkelziffer

 
Eine der bisher größten Studien zu Infektionen von Kindern wurde Ende Oktober veröffentlicht. Sie besagt, dass sechs Mal mehr Kinder und Jugendliche infiziert sein könnten als gedacht. Die Forschenden haben 12.000 Blutproben auf Antikörper untersucht, die zwischen April und Juli von Kindern und Jugendlichen in Bayern genommen worden waren. Ursprünglich sollte das Blut auf Diabetes untersucht werden - zusätzlich haben die Forschenden aber auch nach Corona-Antikörpern gesucht. Für ein möglichst genaues und sicheres Ergebnis wurde dazu nach zwei verschiedenen Antikörpern gesucht. Heraus kam: In 0,87 Prozent der Proben wurden beide Antikörper gefunden. Die Hälfte dieser Infizierten hatte keine Covid-Symptome. Laut den Forschenden wäre es sinnvoll, mehr Kinder zu testen, die keine Symptome aufweisen. Viele infizierte Kinder hatten auch mindestens einen infizierten Familienangehörigen.

Eine österreichische Studie, die an 243 Schulen im ganzen Land an Menschen ohne Symptomen durchgeführt wurde, kommt zum Ergebnis, dass es keine Unterschiede zwischen Schulformen oder zwischen Schulkindern und Lehrkräften gibt, was die Ansteckungshäufigkeit betrifft. Etwas anderes gilt für Schulen mit hoher Benachteiligung. Dort war die Wahrscheinlichkeit um mehr als 3,5 Mal höher, eine infizierte Person ohne Symptome zu finden.

Indien: Kleinkinder infizieren andere Kleinkinder

 
Eine Studie aus Indien lässt vermuten, dass die Ansteckung bei Kindern vor allem in der gleichen Altersgruppe stattfindet. Für die Untersuchung wurden Infektionsketten analysiert und die Daten von rund 575.000 Menschen ausgewertet, die mit Corona-Infizierten Kontakt hatten. Fast jedes vierte Kind zwischen einem und vier Jahren steckte sich an, wenn es Kontakt zu einem anderen infizierten Kleinkind hatte. Bei den 5- bis 17-Jährigen war es immerhin noch jedes Fünfte. An Erwachsene gaben sie das Virus dagegen deutlich seltener weiter. Kinder sind laut den Forschenden sehr effiziente Überträger. Entsprechend sei es auch eine sinnvolle Pandemie-Maßnahme, die Schulen und Kindergärten zu schließen.

Lehrergewerkschaft fordert Wechselunterricht

 
Eine Tübinger Studie aus dem Juni hatte besagt, dass Kinder keine Infektionstreiber seien. Baden-Württemberg hatte die Studie zur Grundlage für Schulöffnungen genommen. Unter anderem die Lehrergewerkschaft GEW übt nun an der Art und Weise, die der Schulbetrieb aktuell durchgeführt wird, Kritik. Sie fordert – wie die Bundesregierung - Wechselunterricht, der für Schülerinnen und Schüler ab Sekundarstufe I (Jahrgangsstufe 5) gut umzusetzen sei.
 
Der Berliner Virologe Drosten war in einer Studie zu der Infektiosität von Kindern bereits im April zum Ergebnis gekommen, dass Kinder genauso ansteckend sein könnten wie Erwachsene. Kinder hatten demnach genauso viele Viren im Rachen. Drosten schloss aus seinen Ergebnissen, dass die Öffnung von Schulen und Kitas vorsichtig angegangen werden sollte - und war dafür zum Teil in die Kritik geraten.

Der Kinder-Infektiologe Johannes Hübner sprach sich im Deutschlandfunk klar gegen erneute Schulschließungen aus. Er sagte, auch weiterhin seien Schulen und Kitas keine Treiber der Infektionen. Natürlich schwappten aber die höheren Infektionszahlen in der Bevölkerung auch in die Schulen über. Wenn es dann einzelne Fälle gebe, sollte nicht gleich die ganze Schule geschlossen werden, sondern die betroffene Klasse in Quarantäne geschickt werden. So habe es bisher ganz gut funktioniert, meinte Hübner.

(Stand: 17.11.2020, 19 Uhr)

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Diese Nachricht wurde am 21.11.2020 im Programm Deutschlandfunk gesendet.