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StartseiteInterview"Wir investieren zu wenig in die ganz Schwachen"15.09.2016

Bildungsforscher Hurrelmann"Wir investieren zu wenig in die ganz Schwachen"

Allein 1,9 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren haben keine Berufsausbildung, beklagt die Gewerkschaft GEW. Dieser Berg aus Schlechtqualifizierten sei nur schwer abzubauen, warnte der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann im DLF. Insgesamt sei zu wenig Geld im Bildungssystem - und gerade in die Schwachen werde zu wenig investiert.

Klaus Hurrelmann im Gespräch mit Stefan Heinlein

Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann  (dpa / picture alliance / Miguel Villagran)
Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann (dpa / picture alliance / Miguel Villagran)
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Stefan Heinlein: Bildungserfolg und soziale Herkunft sind in Deutschland eng verknüpft, so eng wie in kaum einem anderen europäischen Land. Das heißt im Klartext: Kinder von Akademikern gehen viel selbstverständlicher auf Hochschulen und Universitäten als der Nachwuchs von Arbeitern und kleinen Angestellten. Doch damit nicht genug: Zehntausende junge Menschen in Deutschland sind nach der Schule ohne echte Chance auf eine baldige Ausbildung und damit auf gute Jobs. Und noch eine erschreckende Zahl, auf die die Gewerkschaft GEW heute aufmerksam macht: Fast zwei Millionen junge Erwachsene in Deutschland haben keine Berufsausbildung.

Darüber möchte ich jetzt sprechen mit dem Berliner Bildungsforscher Klaus Hurrelmann. Guten Tag, Herr Hurrelmann.

Klaus Hurrelmann: Schönen guten Tag.

Heinlein: Zunächst zu dieser Zahl. Zwei Millionen junge Erwachsene in Deutschland ohne Berufsausbildung. Tickt da eine Zeitbombe?

Hurrelmann: Nun, das ist eine Zahl, die sich in den letzten Jahren aufgehäuft hat. Das ist nicht in einem Jahr entstanden, sondern in mehreren. Da spiegelt sich noch in dieser Zahl die Finanz- und Wirtschaftskrise mit Höhepunkt 2007/2008 und in der Tat sind in vielen Jahren hintereinander 60, 70, 80.000 pro Jahr ohne einen Mindestschulabschluss, früher Hauptschulabschluss genannt, aus den Schulen gekommen und fast noch einmal so viele haben dann auch keine Berufsausbildung geschafft, und so ist dieser hohe Wert zustande gekommen, der jetzt schwer abzubauen ist, dieser Berg gewissermaßen von Schlechtqualifizierten, und uns aber auch herausfordert aufzupassen, dass der nicht größer wird, dass wir jetzt herauskommen aus dieser Situation, dass ein immer noch viel zu großer Teil Mindestabschlüsse in Schule und Beruf nicht schafft.

"Ein Teil der Leute kommt nicht mit"

Heinlein: Aber dieser Berg, den Sie nennen, könnte ja durchaus größer werden, denn die Flüchtlinge, die zu uns ins Land gekommen sind im letzten Jahr, sind da noch nicht eingerechnet.

Hurrelmann: So ist es und entsprechend müssen wir uns darauf einrichten. Das macht aufmerksam auf ein Strukturproblem. Die OECD hat ja einen Bildungsbericht vorgelegt, der zeigt, dass wir im internationalen Vergleich sehr gut dastehen. Wir haben aufgeholt, wir haben von den schlechten Ergebnissen der 2000er-Jahre, die uns alle schockiert hatten, der Pisa-Schock, gelernt. Wir haben investiert in den frühkindlichen Bereich, in den Ganztagsbetrieb. Aber was wir nicht gut geschafft haben ist genau das, die ganz schwachen zu fördern, die aus Familien mit einer Zuwanderungsgeschichte kommen. Das ist ein Strukturproblem, was wir bisher nicht bewältigt haben, trotz aller Bemühungen. Am unteren Ende der Qualifikationsstufe produziert unser insgesamt sehr wettbewerbsfähig und qualitativ auch sehr viel besser gewordenes System - das können wir im internationalen Vergleich sehen - immer noch eine zu große Zahl von Abgehängten, die nicht die Mindestqualifikation haben.

Und gleichzeitig fällt auf: Wer heute keinen Mindestabschluss hat in Schule und oder in Beruf, der hat es viel, viel schwerer als noch vor zehn Jahren, überhaupt den Fuß in die Berufswelt hineinzubekommen. Da haben sich die Qualifikationsanforderungen sehr erhöht, auch die sozialen Qualifikationen, die man mitbringen muss, Sprache, digitale Kenntnisse, und hier muss ein großer Teil der jungen Leute die Waffen strecken und kommt nicht mit.

Heinlein: Sie haben die OECD-Studie erwähnt, Herr Hurrelmann, und darin gibt es eine interessante Zahl. Die Studie wurde ja heute in Berlin vorgelegt. Deutschland investiert im Vergleich zum OECD-Durchschnitt tatsächlich viel weniger in Bildung als der europäische Durchschnitt. Ist das ein Fehler, dass man genau an diesem unteren Ende, dass man oben viel investiert, aber unten nicht investiert? Ist das der zentrale Fehler des deutschen Bildungssystems?

"Eine Unwucht im System"

Hurrelmann: Ja, das kann man so sagen. Insgesamt ist zu wenig Geld im System. Aber wenn man dann genauer hinschaut, ist es natürlich ungleich verteilt. Und wir fallen positiv auf - das sagte ich ja eben - durch unsere innerhalb von wenigen Jahren sehr gut ausgebaute frühkindliche Erziehung. Aber der internationale Vergleich der OECD macht auch sehr deutlich darauf aufmerksam: Das haben wir nur geschafft, weil wir im Unterschied zu den meisten Ländern der Welt das frühkindliche System in Kitas, in Krippen mit den Elterngeldern finanzieren. Der Anteil ist so hoch wie sonst nirgendwo. Da müssen die Eltern investieren, während - auch das moniert die OECD ja auch, oder kritisiert es jedenfalls unterschwellig - für ein Studium keine Gebühren finanziert werden. Man sieht daran eine Unwucht im System.

Heinlein: Also hat die GEW mit der Kritik durchaus Recht? Sie sagt ja, Bildung in Deutschland wird vererbt. Fehlt es einfach an Durchlässigkeit, dass ein Arbeiterkind auch selbstverständlich dann an die Universitäten gehen kann so wie in anderen Ländern?

Hurrelmann: So ist es. Hier hinken wir immer noch zurück. Man muss fairerweise sagen, wir haben uns gegenüber den ersten Studien aus den 2000er-Jahren deutlich verbessert. In den letzten zehn Jahren hat sich enorm was getan. Aber immer noch schlägt das durch, was Sie eingangs gesagt haben, dass die soziale Herkunft sich direkt auswirkt auf den Schulerfolg. Das heißt: Noch mehr Sprachförderung, noch mehr gezielte individuelle Unterstützung, noch mehr finanzielle Ressourcen gerade in den Schulen, wo sich diese Kinder mit einem ungünstigen Hintergrund aus ihrem Elternhaus aufhalten. Die Weichen sind gestellt, aber der internationale Vergleich macht uns deutlich: Wir können hier noch nicht zufrieden sein. Wir investieren zu wenig in die ganz Schwachen. Das wird sich rächen, denn das sind natürlich auch diejenigen, die für soziale Unruhe sorgen, die nicht zufrieden sind mit ihrer Situation und nach Auswegen suchen, wie sie aus ihrer kritischen Lage herauskommen.

Heinlein: Kurz noch zum Schluss, Herr Hurrelmann. Könnte irgendwann, wenn sich nichts ändert, eine Situation entstehen wie in Großbritannien oder Frankreich, wo es ja sehr, sehr viele Privatschulen gibt, viele Eliteschulen? Da ist die Schere ja noch viel, viel größer, was diese Bildungsunterschiede anbelangt.

Hurrelmann: Davon sind wir zum Glück weit entfernt. Aber ja, Sie haben schon Recht: Die privaten Schulen haben einen enormen Zuwachs. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler an diesen Schulen wächst deutlich stärker als an allen anderen öffentlichen Schulen. Da ist eine gewisse Strömung in diese Richtung da. Eltern möchten durchaus Geld bezahlen für eine gute Ausbildung, wenn sie irgend können, und deswegen ist der Privatschulsektor auch bei uns gewachsen. Das muss man kritisch betrachten, denn noch mehr Ungleichheit können wir nicht gebrauchen, sondern wir können gebrauchen eine gezielte Förderung aller unterschiedlichen Gruppen von Schülern mit all den Voraussetzungen, die sie haben, mit guten Lehrern. Das zeigt der OECD-Bericht ja auch, dass wir gute Lehrer und gute Lehrerbezahlung haben. Und das muss verstärkt werden vor allem für die ganz schwachen.

Heinlein: Der Appell des Berliner Bildungsforschers Klaus Hurrelmann heute Mittag bei uns im Deutschlandfunk. Herr Hurrelmann, ich danke für das Gespräch und auf Wiederhören.

Hurrelmann: Ich danke auch. Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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