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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturBildungspolitik: Keine einfache Wahrheit23.03.2009

Bildungspolitik: Keine einfache Wahrheit

Richard Münch: "Globale Eliten - lokale Autoritäten", Suhrkamp-Verlag

Die Globalisierung macht auch vor Schulen und Universitäten nicht halt und sie verändert die Bildungswelt gravierender, als wir das bislang wahrgenommen haben, sagt der Bamberger Soziologe Richard Münch. In seinem Buch "Globale Eliten - lokale Autoritäten" nimmt er "Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von Pisa, McKinsey & Co." unter die Lupe.

Von Sandra Pfister

Hinter der Pisa-Kritik steckt der Pisa-Schock. (Stock.XCHNG / Christopher Meyer)
Hinter der Pisa-Kritik steckt der Pisa-Schock. (Stock.XCHNG / Christopher Meyer)

"Ja, wenn man das sehr kritisch sieht, dann kann man sagen, das wird so etwas wie ein globales McDonalds im Bildungssystem, sowohl in der Sekundarbildung als auch in der Hochschulbildung, das heißt alles, was da gemacht wird, wird in kleine Einheiten, so genannte Module gesteckt, die Schüler und Studenten sehen keinen größeren Zusammenhang mehr, sie sind nur noch damit beschäftigt, Prüfungen zu bewältigen. Das war früher nicht der Fall, da konnten die noch etwas freier studieren, die Zeiträume der Überprüfungen waren länger, und dadurch hatte man die Freiheit, sich auch mit größeren Zusammenhängen zu beschäftigen."


Ja, ja, früher war alles besser - Münch kommt zunächst daher wie ein Ordinarius alten Schlages. Die Uni von heute bietet Massenware für den Massengeschmack, Ziel ist nicht die umfassende Bildung, sondern ein billiger Abschluss für alle, die "Herstellung von Humankapital", wie es im Soziologendeutsch heißt.


Doch von Münch weiß man, dass er den Einzug der Marktwirtschaft ins Bildungssystem nicht rundherum ablehnt; Konkurrenz belebt das Geschäft, findet er. Umso spannender liest es sich, warum ihn die aktuelle Entwicklung beunruhigt: Weil Lehrer und Schulleiter, Professoren und Ministerialbeamte nur mehr standardisierte Rezepte an die Hand kriegen - vorgekocht von einer globalen Beraterelite. Lokale Lebenswelten werden standardisiert.


Die institutionelle Kasernierung einer Elite führt zu frühzeitigen
Selektionsprozessen schon im Kindergartenalter. Wir erzeugen eine abgehobene
Führungskaste nach französischem Modell, die jeden Kontakt zum Rest der Gesellschaft verliert.


Die derzeitige Elite aus Forschern, Managern und Unternehmensberatern übernimmt laut Münch die Deutungshoheit, weil es ihr vermeintlich gelungen sei, Bildung mit quasi naturwissenschaftlicher Methodik messbar zu machen. Das aber stellt Münch in Frage. Er regt an, die wirtschaftliche Interessenlage hinter dem Erfolg des Großunternehmens "Pisa-Test" zu hinterfragen:

Das Konsortium hofft auf Jahre hinaus auf profitable Großaufträge, die OECD versucht, sich für ihre Mitgliedsstaaten unentbehrlich zu machen (und von ihnen entsprechend finanziell unterstützt zu werden), und die nationalen Regierungen sind daran interessiert, ihrer Bildungspolitik wissenschaftliche Legitimität zu verschaffen. Auf der Hand liegende methodische Kritik an der Repräsentativität der Studie, den nicht signifikanten Leistungsunterschieden über eine größere Zahl von Rangplätzen hinweg sowie an der Validität der Instrumente wird verdrängt, um dieses profitable Geschäft nicht zu gefährden.

Hinter der Pisa-Kritik steckt natürlich der Pisa-Schock, den auch Münch noch einmal ausgiebig verarbeitet. Die deutsche Lehrtradition unterscheidet sich, wie der Soziologe nachweist, fundamental von der angelsächsischen Vorstellung, dass Schüler nur Grundkompetenzen erwerben sollten. Gerade dieses Modell hält durch die globale Testerei nach und nach überall Einzug.

Münch ist aber so hellsichtig, es nicht bei der berechtigten, aber allzu wohlfeilen Kritik an der Pisa-Methodik zu belassen. Er sieht darin auch eine Chance, denn Pisa entlarvt seiner Meinung nach auch die riesige Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit im deutschen Bildungssystem.

Auf einen Punkt gebracht kann man sagen, dass die deutschen Schüler deshalb beim Pisa-Test versagt haben, weil sie von einer fachlich weit überqualifizierten und pädagogisch hilflosen Lehrerschaft nach fachlich weit überfrachteten Lehrplänen systematisch überfordert waren. Wenn die Professoren an den Universitäten die mangelnde Studierfähigkeit der Abiturienten beklagen, dann setzt sich die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf der Ebene des Universitätsstudiums weiter fort.

Bleibt also unterm Strich: Viel mehr Menschen machen höhere Bildungsabschlüsse, aber auf viel niedrigerem Niveau. Die traditionelle Elite sucht neue Abgrenzungsmechanismen: Elitehochschulen, MBAs, Hochbegabtenförderung.

Die Heranbildung einer Elite durch systematisch organisierte Programme hat jedoch ihren Preis. Sie geschieht auf Kosten der frühzeitigen Schließung von Karrierewegen nach oben. Damit fehlt es aber auch in den Spitzenpositionen an eigenständigen Charakteren mit gesellschaftlicher Verankerung.

Doch nicht bloß die neuen "Berater" lähmen die wissenschaftliche Produktivität, sondern auch die Exzellenzinitiative, die vorgibt, sie zu fördern. "Deutschland sucht die Superuni" - einziges Ziel dieses Wettbewerbs sei es, Deutschland in der Liga der 500 profiliertesten Unis, kurz "Shanghai-Ranking", unter die ersten 50 zu bringen, argumentiert Münch. Dafür nähmen deutsche Wissenschaftspolitiker in Kauf, dass die restlichen deutschen Unis völlig abgehängt würden. Münch entgegnet:

"Es ist besser, man hat in einem Fach 30 Universitäten, die miteinander konkurrieren, als dass man nur zehn hat, und die sind überausgestattet und alle anderen sind unterausgestattet."

Es trete der Matthäus-Effekt ein: Nach dem Evangelisten Matthäus gilt der Satz: "Wer hat, dem wird gegeben." Harvard biete einem Forscher keinen Vorteil in seinem Erkenntnisprozess, aber ziehe so viele Forscher aus der Breite ab, dass der Wettbewerb im System insgesamt verringert wird.


Der einzige Vorteil besteht darin, sich mehr Flops leisten zu können, um einen absoluten Spitzenwissenschaftler hervorbringen zu können, mit dem sich die Institution schmücken kann.

Das Diktat der marktwirtschaftlichen Bildungsvereinheitlicher werde auch den Schulen zusetzen, prognostiziert Münch: Wie die Hochschulen würden sie aus der bürokratischen Steuerung durch die Ministerien entlassen und müssten sich autonom auf dem Markt beweisen.

Die dunkle Seite dieses Programms ist die Abrichtung der Lehrer auf das Einpauken standardisierter Prüfungsaufgaben, gleichzeitig werden die Schüler zu konditionierten Lernmaschinen.

Und wie fällt nun die Gesamtbewertung der globalen Bildungsentwicklungen "unter dem Diktat von Pisa und McKinsey" aus? Zwiespältig.

"Also ich sehe das so, dass wir in Deutschland insbesondere darunter leiden und ausbaden müssen, dass wir in Deutschland in hohem Maße an unserer klassischen Bildungstradition, auch an dem dreigliedrigen Schulsystem festhalten, aber diesem internationalen Konkurrenzdruck ausgesetzt sind und dabei beides gemacht werden soll. Das führt zu einer Überforderung."

Überfordert ist am Ende aber auch Münch, der sich gar nicht entscheiden kann, ob er die derzeitigen Bildungsreformen so schlecht findet, wie er über die meisten Seiten hinweg suggeriert. Damit bleibt der Leser etwas ratlos zurück; das aber zeigt eher, dass es hier eine einfache Wahrheit nicht gibt.

Einerseits moniert Münch, dass Bildung durch Pisa und McKinsey-Berater auf die Vermittlung von Grundkompetenzen verpflichtet werde, die letztlich nur dazu dienen sollen, Rendite zu erwirtschaften. Andererseits begrüßt er, dass dies - mehr noch als die Bildungsexpansion der 70er - dazu führen wird, möglichst großen Teilen der Bevölkerung ein Abitur oder einen Uni-Abschluss zu verschaffen. Die allerdings sind dann bei weitem nicht mehr so viel wert wie früher.

"Die Selektionsprozesse finden natürlich statt. Vom Bachelor zum Master werden in Zukunft wahrscheinlich nur noch 20 Prozent übergehen. Und das bedeutet, man hat dann vielleicht 40, 50 Prozent Bachelor-Absolventen, die aber natürlich nicht vergleichbar sind mit den Diplom- und Magister-Absolventen, die wir bisher hatten."

In diesen Sätzen klingt durch, was Richard Münchs Analyse so reizvoll macht: Dass sie nicht bloß die Philippika eines privilegienverliebten Professors ist, der keine Lust hat auf die Massenuniversität, die ihn Schritt für Schritt degradiert. Nein, Münch spart auch seine eigene Zunft bei seiner Kritik nicht aus. Getrübt wird die Lesefreude allerdings durch den Soziologenjargon, der an manchen Stellen zu sehr durchbricht. Münchs Analyse der aktuellen Bildungsreformen ist klarsichtig und geht in ihrer Tiefenschärfe weit über die üblichen, ressentimentgeladenen Statements hinaus, die seit Pisa viele aufgeregte Debatten prägen.

Sandra Pfister über "Globale Eliten - lokale Autoritäten. Zur Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von Pisa, McKinsey & Co." Richard Münch hat das Buch geschrieben, es ist heute bei Suhrkamp erschienen, mit 300 Seiten und kostet 13 Euro.

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