Sonntag, 22.07.2018
 
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BildungspolitikMut zur Lücke?

Der nationale Bildungsbericht, vorgestellt auf der Kultusministerkonferenz in Berlin, offenbart, dass die Anforderungen an die Bildungssysteme stark gestiegen sind. Aber die Bildungseinrichtungen seien auf die neuen Herausforderungen nicht eingestellt, kommentiert Christiane Habermalz.

Von Christiane Habermalz

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Grundschüler und eine Lehrerin während einer Unterrichtsstunde in einem Klassenzimmer (imago/photothek)
Grundschüler und eine Lehrerin während einer Unterrichtsstunde in einem Klassenzimmer (Symbolbild) (imago/photothek)
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Nationaler Bildungsbericht Soziale Schere in den Schulen

Es war eine merkwürdige Performance, die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und die anwesenden Kultusminister der Länder heute abgaben. Bei der Vorstellung des Nationalen Bildungsberichts in den Berliner Räumen der Kultusministerkonferenz brachten sie deren Ergebnisse in seltener Harmonie auf die banale Formel: "Bildung lohnt sich – für jeden Einzelnen und die Gesellschaft." 

Ansonsten sprach jeder über das, was er ohnehin gerade auf der politischen Agenda hat: Karliczek über ihr Lieblingsthema Berufliche Bildung, der Linken-Politiker und Bildungsminister von Thüringen, Helmut Holter, über mehr Chancengerechtigkeit in der Bildung, der Sozialdemokrat Ties Rabe über mehr Kooperation zwischen Bund und Ländern.

Doch zu den zum Teil dramatischen Befunden des Berichts, von den Bildungsforschern diplomatisch als "Herausforderungen" deklariert: Kein Wort. Dabei lassen es die Experten, die vor allem langfristige Trends und Entwicklungsperspektiven in den Blick nehmen, hier nicht an Klarheit vermissen. Die Anforderungen an die Bildungssysteme sind stark gestiegen.

Die Schülerschaft wird durch Inklusion und Zuwanderung immer heterogener. Immer mehr Menschen nehmen an Bildung teil und streben bessere Abschlüsse an – doch der Bodensatz an Bildungsverlierern bleibt immer gleich groß oder wird noch größer, auch durch viele Flüchtlinge, die erst als junge Erwachsene nach Deutschland kamen.

Spaltung der Gesellschaft droht

Doch Deutschland ist auf all diese Herausforderungen maximal schlecht vorbereitet. Denn es fehlt an pädagogischem Personal, und das massiv. In den nächsten Jahren werden allein im Kita-Bereich 309.000 Erzieherinnen und Erzieher fehlen – zumindest dann, wenn man nicht nur auf Quantität, sondern auch auf die Qualität achten möchte, wie es die Politik angekündigt hat. In den Schulen ist laut Bildungsbericht ein Drittel der Lehrerinnen und Lehrer über 50 Jahre alt. Die Pensionierungswelle wird also unweigerlich anrollen – und ein Ersatz ist kaum in Sicht. Schon jetzt ist in manchen Bundesländern ein Drittel der Neueinstellungen Quereinsteiger.

Doch, es ist so simpel: Die schönsten pädagogischen Konzepte, der Ausbau von Ganztagsschulen und Integration von Förderkindern , die frühkindliche Förderung – all das ist für die Katz, wenn nicht genügend qualifizierte Pädagogen da sind, um sie umzusetzen. Dabei geht es um mehr als um reine Zahlenspiele. Die deutsche Gesellschaft befindet sich im Umbau und Bildung ist der Schlüssel, um die Folgen von Migration und Rechtsruck, von rasanter Globalisierung und Digitalisierung zu bewältigen.

Wie viele Menschen auf diesem Weg zurückgelassen werden, ist längst mehr als nur eine soziale Frage – es geht auch um die weitere politische Spaltung unserer Gesellschaft. Doch Ideen und Lösungsansätze gegen den massiven Personalmangel waren heute von den Kultusministern nicht zu hören. "Bildung lohnt sich?" Vor diesem Hintergrund wird der Satz zur Farce.

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

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