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StartseiteCampus & Karriere"Die privaten Gymnasien sind auf das Doppelte expandiert"14.03.2018

Bildungsungleichheit"Die privaten Gymnasien sind auf das Doppelte expandiert"

Der Anteil von Schülern, die das Gymnasium besuchen, habe sich deutlich erhöht, sagte der Bildungsforscher Werner Helsper im Dlf. Allerdings gebe es große Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen. Mit dem drastischen Anstieg von Gymnasien in privater Trägerschaft gehe auch eine soziale Entmischung einher.

Werner Helsper im Gespräch mit Michael Böddeker

Abiturientinnen des Mariengymnasiums Kaufbeuren (dpa / picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
In Ostdeutschland gab es 2000 noch 667 Gymnasien in öffentlicher Trägerschaft, 2011 nur noch 510 (dpa / picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
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Michael Böddeker: Auf die Grundschule muss jeder gehen. Dort treffen also Kinder aus den unterschiedlichsten Schichten und Elternhäusern aufeinander. Aber danach geht es schon los mit der Differenzierung. Viele Eltern streben für ihre Kinder das Gymnasium an, nach Möglichkeit auch noch ein besonders gutes, manchmal sogar teure Schulen für besonders begabte Schüler. Das kann sich aber natürlich nicht jeder leisten, genauso wenig wie teure Nachhilfe. Und so geht die Schere auseinander, und dieser Prozess schreitet voran. Experten sprechen von einer Hierarchisierung und Entmischung. Zum Beispiel Bildungsforscher Werner Helsper, Leiter der DFG-Forschergruppe "Mechanismen der Elitebildung im deutschen Bildungssystem" von der Martin-Luther-Universität Halle. Schönen guten Tag!

Werner Helsper: Schönen guten Tag!

Soziale Entmischung durch Auswahlverfahren

Böddeker: Sie forschen zum Thema, Sie haben sich exemplarisch Gymnasien in Ost- und Westdeutschland angeschaut. Woran machen Sie fest, dass es hierarchischer wird an den deutschen Schulen?

Helsper: Gymnasien haben ja selbst immer Eingangshürden. Es gibt nun bestimmte Gymnasien, die die Möglichkeit haben, diese Eingangshürden, man könnte sagen, noch etwas höher aufzustellen, also die Sprunghöhe, die bewältigt werden muss, ist größer. Das sind Auswahlverfahren, die zusätzlich kommen. Das sind entweder private Gymnasien, also Gymnasien in privater Trägerschaft, oder aber auch spezifische öffentliche Schulen, etwa Landesgymnasien, Spezialgymnasien, Hochbegabtengymnasien et cetera. Die können ihre Schülerschaft aus einer sowieso schon bildungsprivilegierten Schülerklientel – das gilt für Gymnasien generell – noch einmal gesondert und speziell auswählen und haben dadurch die Möglichkeit, sehr gezielte und entmischte Schülerschaften zu erzeugen. Das sind Verfahren, die entweder über Gespräche laufen, Eingangsgespräche mit Eltern und Kindern, oder über Kognitions- und Intelligenztests, manchmal auch als komplexe Assessments, die mit Testverfahren und Gesprächsverfahren verbunden und verknüpft sind.

Böddeker: Und dieser Trend hin zu solchen Auswahlverfahren nimmt zu?

Helsper: Jede Schule in privater Trägerschaft hat diese Möglichkeit. Und wenn Sie zum Beispiel sich die Entwicklung in Ostdeutschland anschauen, da hatten wir 2000 noch 667 Gymnasien in öffentlicher Trägerschaft, 2011 nur noch 510. Das war die Demografie, die Geburtenentwicklung, die dort zuschlug und zur Schließung und Fusionierung von Gymnasien führte. Parallel dazu ist im gleichen Zeitraum dieser elf Jahre der Anteil der privaten Gymnasien von 49 auf 114 gestiegen. Also parallel zur Schließung öffentlicher sind die privaten Gymnasien auf über das Doppelte expandiert. Und jedes dieser privaten Gymnasien kann auswählen.

"Wir haben äußerst unterschiedliche Gymnasien"

Böddeker: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum dieser Trend in diese Richtung geht?

Helsper: Wir haben es ja mit einer umfassenden Expansion des Gymnasialen zu tun. Wenn wir das historisch betrachten, kann man sagen, dass inzwischen das Gymnasium zur neuen in Anführungszeichen Volksschule geworden ist. Wir haben in der Tendenz Übergangsquoten zwischen 40 bis 50 Prozent, in einigen Ländern inzwischen über 50 Prozent auf das Gymnasium. Wir haben in Städten enorme Disparitäten. Wir haben Stadtteile, in denen 80 bis 90 Prozent der Kinder das Gymnasium besuchen, besonders sozial privilegierte Stadtteile, und andere, in denen es nur 20 Prozent sind. Wir haben also große soziale Streuungen des Übergangs, insgesamt aber eine enorme Expansion des Gymnasiums.

Das Gymnasium in diesem Sinne ist eine Fiktion. Das gibt es nicht mehr, sondern wir haben äußerst unterschiedliche Gymnasien. Wir haben Gymnasien mit einem hohen Migrantenanteil, die von tendenziell von sehr bildungsprivilegierten Eltern und ihren Kindern gemieden werden. Und man könnte sagen, entsprechend zur Tendenz der Expansion des Gymnasialen, also einer neuen Standardbildung, dass das Abitur eigentlich nahezu inzwischen selbstverständlich wird oder, wenn man es nicht erreicht, es zu einem Problem wird, finden wir Absetzungen innerhalb des gymnasialen Sektors. Und da gibt es im Endeffekt diese Segmente, die ich schon angesprochen habe, die Gymnasien in besonderer staatlicher Trägerschaft mit Auswahlverfahren, Zugangshürden und eben die privaten Gymnasien, die diese Möglichkeiten eröffnen für Eltern und für Kinder, sich ein Stück weit im Gymnasialen abzusondern und abzusetzen.

1.500 Euro im Monat für die International School

Böddeker: Aber wer trägt denn die Schuld daran? Kann man es wirklich den Eltern vorwerfen, wenn sie für ihre Kinder eine besonders gute Schule wollen?

Helsper: Nein. Ein ganz klares Nein. Es ist keine Elternschelte, sondern Eltern wollen in aller Regel immer das Beste für ihr Kind. Wobei das Beste für ihr Kind milieuspezifisch ungeheuer unterschiedliche Gestalten annehmen kann. In einem bildungsprivilegierten Elternhaus, das selbst schon international orientiert ist, ist es natürlich selbstverständlich, dass man auch eine derartige internationale und global anschlussfähige Bildung für das eigene Kind anvisiert. Und wenn ich die Möglichkeit habe, dafür 1.500 Euro im Monat auf den Tisch zu legen in besonders teuren International Schools, die stark expandiert sind in Deutschland in den letzten zehn, 15 Jahren, dann ist das diesen Eltern sozusagen nicht vorzuwerfen. Sie nutzen Möglichkeiten, die gegeben sind, um ihre Vorstellung einer entsprechenden für ihr Kind optimalen Bildung zu realisieren.

Soziale Ungleichheit und Bildungsungleichheit

Böddeker: Was wäre denn Ihr Vorschlag, wie man die Situation verändern könnte. Es gibt ja durchaus Ideen, zum Beispiel, dass man den Herkunftsort oder den Stadtteil, aus dem ein Schüler kommt, entkoppelt von der Schule, auf die er gehen muss. Wäre das eine Möglichkeit?

Helsper: So einfach ist die Lösung nicht. Insgesamt, glaube ich, kann man dieses Thema nur in den Zusammenhang auch gesellschaftlicher Verhältnisse einrücken. Wichtig wäre es, der weiteren sozialen Entmischung innerhalb städtischer Regionen überhaupt vorzubeugen. Ein zweiter Schritt könnte dann im Endeffekt sein, dass im Endeffekt auch Schulen zum Beispiel privilegiert würden, die sich so etwas wie Heterogenität auf die Fahnen schreiben, dass sie im Endeffekt zusätzliche Unterstützungen erhalten et cetera. Und ich glaube, man kann das nur in diesem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang, in dem soziale Ungleichheit und Bildungsungleichheit zusammenspielen, entsprechend in den Blick nehmen.

Böddeker: Bildungsforscher Werner Helsper über die Entmischung an den deutschen Schulen. Vielen Dank für das Gespräch!

Helsper: Ganz herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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